"Ekelhafte Instrumentalisierung der Opfer": AfD-Meuthen spricht über Bluttat von Hanau

Stuttgart/Hanau - Nach der Terror-Attacke von Hanau mit elf Toten hat sich nun auch AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen (58) zu Wort gemeldet.

Jörg Meuthen äußerte sich am Freitag ausführlich zur Bluttat von Hanau.
Jörg Meuthen äußerte sich am Freitag ausführlich zur Bluttat von Hanau.  © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Schon am Donnerstag hatte sich der 58-Jährige in einem kurzen Statement auf der Facebook-Seite der AfD zur Bluttat erschüttert gezeigt und betont: "Was dort geschah, ist weder rechter noch linker Terror, es ist die wahnhafte Tat eines offenkundig Irren, der in einer Wahnwelt lebte."

Die "jetzt einsetzenden politischen Instrumentalisierungen dieser schrecklichen Tat" empfand der AfD-Politiker als "zutiefst zynisch".

Und versprach, sich des Themas am Folgetag anzunehmen. Vorweg schrieb er jedoch bereits: "Der Schwiegersohn eines unserer hessischen Landtagsabgeordneten hat bei diesem Anschlag enge Freunde verloren. Bei der Fraktionssitzung heute Morgen flossen die Tränen."

Am Freitag dann folgte ein langer Beitrag in dem sozialen Netzwerk.

Meuthen drückte zunächst den Angehörigen und Freunden der Ermordeten und Verletzten sein Mitgefühl aus, "verbunden mit dem Wunsch, dass alle Überlebenden dieser Wahnsinnstat wieder genesen mögen".

Den mutmaßlichen Killer Tobias R. (†43) bezeichnet Meuthen als keinen in seinem Weltbild "rational" handelnden Rechtsextremisten - "sondern er war psychisch schwer krank und hätte unter keinen Umständen in diesem Zustand frei herumlaufen dürfen". Seine Forderung: "Er hätte in die Psychiatrie gehört."

Das hinterlassene "Manifest" des 43-Jährigen kommentiert Meuthen so: "Es geht auf diesen 24 Seiten durchgängig darum, dass der nun zum mehrfachen Mörder gewordene Kranke seit seinen Kindheitstagen an der Wahnvorstellung leidet, eine Geheimorganisation (...) überwache ihn bei allem, was er tue und überall, wo er sei."

"Will jemand bestreiten, dass es sich um einen Irren handelt?"

Tobias R. in einem YouTube-Video. Darin spricht er etwa über geheime US-Militärbasen, in denen Kinder getötet würden. (Screenshot)
Tobias R. in einem YouTube-Video. Darin spricht er etwa über geheime US-Militärbasen, in denen Kinder getötet würden. (Screenshot)  © Screenshot YouTube.de

Und weiter: "Diese Geheimorganisation könne sich sogar in seine Gedanken 'einklinken', wie er es formuliert. Dadurch konnten auch viele seiner 'Ideen' in der Weltgeschichte mittlerweile verwirklicht werden - man habe sie ihm über die Jahre hinweg einfach gestohlen."

Dann postet der AfD-Politiker Auszüge des Textes.

Etwa die wirren Behauptungen des mutmaßlichen Todesschützen, dass Hollywood-Filme auf seinen Ideen basierten oder er Einfluss auf die Personalien des DFB gehabt habe.

Es folgt ein Zitat von R. aus dessen Schrift: "Als ich nur wenige Jahre alt war, schwor ich mir, wenn ich damit richtig liege, dass ich überwacht werde, dann gibt es Krieg!" Diesen Krieg, so Meuthen, habe der 43-Jährige in seinem Wahn nun selbst geführt - "und zwar in einer Shisha-Bar und in einem Kiosk in Hanau".

Für den Politiker steht fest: "Es ist ein wahnhafter Krieg gegen alles Fremde, wie auch aus seinem Manifest hervorgeht. Seine zutiefst kranken Vernichtungsphantasien richteten sich gegen Milliarden Menschen anderer Abstammung und Kultur".

Der 58-Jährige beklagt, dass er scharf kritisiert wurde, weil "ich darauf hingewiesen habe, dass es sich bei diesem Täter zuvorderst um einen Irren handelt und nicht um einen Rechtsextremisten". Er wendet sich an seine Leser: "Will nun in Anbetracht der vorliegenden Dokumente und Textpassagen irgendjemand ernsthaft bestreiten, dass es sich um einen Irren handelt?"

Mitverantwortung der AfD? Meuthen wehrt sich gegen Vorwürfe

Hanau: Menschen haben am Brüder-Grimm-Denkmal Blumen und Kerzen niedergelegt.
Hanau: Menschen haben am Brüder-Grimm-Denkmal Blumen und Kerzen niedergelegt.  © Nicolas Armer/dpa

Meuthen konkretisiert: "Natürlich um einen Irren, der seinen Wahn in Hass gegen alles Fremde bündelte - das ist doch vollkommen offensichtlich."

Da dies auch ein Zeichen von Rechtsextremisten und Rassisten sei, sei das wahnhafte Denken des Mörders "natürlich mit Recht als rassistisch und rechtsextremistisch zu bezeichnen".

Schließlich beklagt Meuthen Vorwürfe, die AfD trage Mitverantwortung an der Blutnacht von Hanau. Für den Politiker eine "ekelhafte Instrumentalisierung der Opfer für die eigenen politischen Zwecke, sprich: um den unliebsamen Konkurrenten noch stärker zu stigmatisieren, als man dies ohnehin schon in den letzten Wochen und Monaten getan hat".

Aufgebracht fragt er: "Warum haben unsere Gegner in Politik und Medien nicht wenigstens in Anbetracht dieses monströsen Verbrechens die Größe, auf die FAKTEN zu schauen, dann zuzugeben, dass hier ein psychisch schwer gestörter Mann, anstatt in der Psychiatrie behandelt zu werden, auf unschuldige Bürger losgelassen wurde, und schließlich festzustellen, DASS UNSERE AfD DAMIT EXAKT GAR NICHTS ZU TUN HAT?"

Was den Gesundheitszustand des mutmaßlichen Hanau-Killers angeht, gab es am Freitag Neuigkeiten.

Bei einer Pressekonferenz am Freitag sprach der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch (58), mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (70, CSU) und Generalbundesanwalt Peter Frank (51) auf Grundlage erster Einschätzungen von einer offensichtlich "schweren psychotischen Krankheit" des 43-Jährigen.

Update: 17.50 Uhr

Alice Weidel beklagt Kampagne gegen die AfD

AfD-Sonderparteitag am 15. Februar in Böblingen: Alice Weidel wird zur Landesvorsitzenden gewählt.
AfD-Sonderparteitag am 15. Februar in Böblingen: Alice Weidel wird zur Landesvorsitzenden gewählt.  © Marijan Murat/dpa

Mittlerweile hat sich auch die neue Vorsitzende des AfD-Landesverbandes Baden-Württemberg, Alice Weidel (41), geäußert.

Auf Facebook beklagt sie seit der Bluttat gegenüber der AfD "eine maßlose Kampagne (...) die an Hysterie, Niedertracht und zerstörerischer Lust an der Herabwürdigung und Diffamierung Andersdenkender in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ihresgleichen sucht".

Die Verantwortung dafür sehe die 41-Jährige bei Vertretern und Repräsentanten sämtlicher etablierter Parteien, angefangen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (65) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (64), "die wieder einmal ihre hohen politischen Ämter für tagespolitische Grabenkämpfe mißbrauchen".

Sowie bei Bundes-, Lokal- und Regionalpolitikern von Union, SPD, Grünen, Linken und FDP "bis hinab zu den untersten lokalen und regionalen Ebenen, in denen offenbar jeder meint, wie auf Stichwort dieselbe verzerrte Deutung der Dinge wiederholen zu müssen".

Das Urteil, so Weidel, habe bereits festgestanden, ehe ein Blick auf die Fakten geworfen worden sei: "Der Amoklauf des Wahnsinnigen von Hanau sei ein 'rassistisch und rechtsextremistisch' motivierter Terrorakt, und die Verantwortung dafür sei denen zuzuschieben, die man schon längst aus dem demokratischen Diskurs entfernen möchte".

Nämlich der AfD "als größter Oppositionspartei gegen GroKo und linksgrünen Mainstream, und jenen kritischen Köpfen in unabhängigen Medien, die sich diesem widersetzen".

Dies beruhe jedoch auf mutwilligen Verdrehungen der Tatsachen: "Dieselben Stimmen, die sonst stets bei der Hand sind, ohne nach den Ursachen zu fragen einen im Namen einer islamistischen Ideologie mordenden Terroristen spontan zum psychisch gestörten Einzeltäter zu erklären, verorten einen tatsächlichen Psychopathen ohne Zögern und ohne den geringsten Zweifel zuzulassen als 'rechtsextremen Terroristen'."

Die Politikerin fordert abschließend eine Rückkehr zur Vernunft: "Hysterie ist ein schlechter Ratgeber, sie spaltet und vergiftet."

Dringender als alle Mahnwachen und Moralurteile brauche die Gesellschaft den rationalen, gleichberechtigten öffentlichen Diskurs und politischen Wettbewerb im Respekt vor dem jeweils Andersdenkenden.

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