Ajax nach CL-Aus unter Schock: Die "Tränen von Amsterdam"

Amsterdam (Niederlande) - Es war einer der bittersten Momente der Vereinsgeschichte! Ajax Amsterdam stand bereits mit einem Fuß im Champions-League-Finale - wurde dann aber von nie aufsteckenden Tottenham Hotspurs in letzter Sekunde aus dem Fußball-Märchen in die Realität zurückgeholt (TAG24 berichtete).

Die niedergeschlagenen Ajax-Spieler Matthijs de Ligt (l.) und Dusan Tadic konnten nicht fassen, was kurz zuvor geschehen war.
Die niedergeschlagenen Ajax-Spieler Matthijs de Ligt (l.) und Dusan Tadic konnten nicht fassen, was kurz zuvor geschehen war.  © DPA

Durch einen Dreierpack von Lucas Moura, der dank seiner Tore vom Ersatzspieler für Harry Kane zum Helden des Abends wurde, schied Ajax in letzter Sekunde aus.

Gerade die Szenen nach seinem letzten Treffer zum 3:2-Sieg für die Spurs waren gespenstische Momente. Es fühlte sich an, als habe jemand den Stecker gezogen. Gerade war die fünfte Minute der Nachspielzeit angebrochen, als Ajax Abstoß hatte.

Der Lärmpegel in der ohnehin bebenden Johan-Cruijff-Arena hob in ohrenbetäubende Sphären an. Die Zuschauer glaubten: Das war es. Ajax steht im Finale. Einzelne Spieler ließen sich sogar schon zu Jubelposen hinreißen.

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Doch der Abstoß von Torhüter André Onana kam postwendend zurück, und als die Spieluhr 95 Minuten und eine Sekunde zeigte, war es plötzlich außer in der kleinen Ecke der Tottenham-Fans mucksmäuschenstill in der riesigen Arena.

Tottenham Hotspur stand im Finale der Champions League. Der mitreißende Außenseiter aus Amsterdam wurde einen Millimeter vor dem großen Ziel aus allen Träumen gerissen. Und er wird in dieser Formation in Europa sicher nicht mehr zusammenspielen. Das Team der jungen Wilden, das Fußball-Romantiker aus ganz Europa verzauberte, droht sogar komplett auseinanderzufallen.

Tottenham schickt "frechen Schüler Ajax" vorm Dessert "nach draußen"

So bitter wie für Ajax Amsterdam war ein Ausscheiden aus dem Champions-League-Halbfinale selten.
So bitter wie für Ajax Amsterdam war ein Ausscheiden aus dem Champions-League-Halbfinale selten.  © DPA

Die Zeitung "De Telegraaf" schrieb nach dem Aus: "Der Traum von Amsterdam endete in einem Albtraum."

Der "Volkskrant" fasste zusammen: "Ajax' Reise durch Europa, durch das Traumland des Fußballs, endete dramatisch in Amsterdam, kurz vor dem größten Clubfußball-Spiel überhaupt. Das Finale der Champions League, am 1. Juni im Wanda Metropolitano Stadion von Atlético, findet zwischen Tottenham Hotspur und Liverpool statt, nach dem beispiellosen Ende und den Tränen von Amsterdam. (...) Ajax war der talentierte Junge, der einen Platz forderte bei der Hauptmahlzeit des Fußball, wo das oft voll gefressene Großkapital rülpst. Aber am Ende schickte Tottenham den frechen Schüler Ajax doch noch nach draußen kurz vor dem Dessert."

Die englische "The Daily Mail" zog folgenden Vergleich heran: "Es hat noch nie eine solche Stille gegeben. Nicht wie diese, die die Amsterdam Arena nach fünf Minuten und fünfzehn Sekunden der Nachspielzeit umhüllt hat. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man sagen, dass dieser Verlauf von einem Autoren-Team von Game of Thrones geschrieben wurde."

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Die spanische Zeitung "El Mundo" zeigte sich begeistert: "Die verrückteste aller Champions Leagues. Eine Nacht für die Geschichte. Tottenham liquidiert Ajax' Finalträume."

"Totenstille" in der Kabine

Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino (vorne-rechts) konnte sein Glück kaum fassen.
Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino (vorne-rechts) konnte sein Glück kaum fassen.  © DPA

"Das war ein echtes Fußball-Märchen", sagte Mittelfeldspieler Frenkie de Jong, der für 75 Millionen Euro zum FC Barcelona wechselt: "Leider eines ohne Happy End."

Beim Abpfiff lagen die meisten Spieler regungslos auf dem Platz. Noch auf dem Rasen vergossen viele die ersten Tränen. "Wir finden heute keine Worte für das, was da passiert ist", sagte Trainer Erik ten Hag, einst Coach der 2. Mannschaft des FC Bayern München.

In der Kabine habe "Totenstille" geherrscht, bestätigte auch der erst 19 Jahre alte Kapitän Matthijs de Ligt, der gleichfalls von europäischen Top-Clubs umworben wird, nach dem schwersten Abend seiner jungen Himmelsstürmer-Karriere. "Niemand hat gesprochen. Es hat sich für uns alle angefühlt, als habe uns jemand den Boden unter den Füßen weggezogen."

Auf die Frage, woran es gelegen hat, hatte der Schütze zum frühen Tor 1:0 (5.) nur eine lapidare Erklärung: "Das Spiel hat fünf Sekunden zu lange gedauert."

Die jungen Wilden von Ajax waren zuvor regelrecht durch den Wettbewerb geschwebt. Sie hatten Fußball-Europa verzaubert, dem europäischen Geld-Adel von Real Madrid und Juventus Turin in den Runden zuvor ein Schnippchen geschlagen. Und nun waren sie gescheitert.

Denkbar knapp, auf die denkbar bitterste Art und Weise. Rund 5,4 Millionen TV-Zuschauer hatten das Halbfinal-Duell in den Niederlanden gesehen. Damit ist es das bestgesehene Vereinsspiel in der TV-Geschichte des Landes.

"Herz und Moura"

Er war Tottenhams Held des Abends: Dreierpacker Lucas Moura.
Er war Tottenhams Held des Abends: Dreierpacker Lucas Moura.  © DPA

Sie sollten wie der ausgewechselte dänische Ajax-Routinier Lasse Schöne ein denkwürdiges Finish erleben.

Der 32-Jährige hatte feuchte und gerötete Augen, als er in die Interview-Zone kam. Er sprach mit leiser Stimme und gesenktem Kopf: "Das war der schlimmste Abend meiner Karriere. Ich saß draußen und konnte nichts mehr tun. Ich habe da gesessen, gebangt, gehofft und Nägel gekaut. Als wir 30 Sekunden vor dem Ende Abstoß hatten, dachte ich, wir hätten es geschafft." Wie so viele. Sie sollten sich irren.

In England wurde der späte Erfolg dagegen gefeiert und Moura besonders: "Ich habe immer gesagt, dass meine Spieler Helden sind. Jetzt sind sie Superhelden", sagte Trainer Mauricio Pochettino: "Und Lucas Moura ein Supersuperheld." Mittelfeldspieler Christian Eriksen erklärte: "Ich hoffe, sie bauen ihm eine Statue in England."

Nach dem 0:1 im Hinspiel in London und dem 0:2-Pausenrückstand bei Ajax Amsterdam schien der Traum vom ersten Champions-League-Endspiel für die Spurs schon beendet.

Drei Tore brauchten sie. Sie gelangen. Und alle schoss Lucas Moura, das letzte in der sechsten Minute der Nachspielzeit. "Das war ein großes Geschenk von Gott", sagte der fünfte Dreifach-Torschütze eines Champions-League-Halbfinals: "Und ich möchte es mit meinen Teamkollegen und meiner Familie teilen."

Über Großteile der Saison war der 26-Jährige nur Ergänzungsspieler. Am Mittwoch erlebte er "den besten Tag meines Lebens". Eriksen erklärte: "Er hatte eine Achterbahn-Saison. Heute hieß unser Rezept: Herz und Moura. Diesen Moment hat er verdient."

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