Deshalb gibt es in Dresden jetzt weniger Taxis

In der Funktaxi-Zentrale nehmen die Disponenten die Anrufe der Fahrgäste entgegen.
In der Funktaxi-Zentrale nehmen die Disponenten die Anrufe der Fahrgäste entgegen.

Von Hermann Tydecks

Dresden - Alle Warnungen der Taxiunternehmer im Vorfeld nützten nichts: Seit diesem Jahr gilt auch für sie der gesetzliche Mindestlohn.

Jetzt leidet die Branche. Trotz Fahrpreiserhöhung wurden Fahrer entlassen. Weniger Taxis rollen durch die Stadt. Zu Stoßzeiten kommt es häufiger zu Engpässen.

„Im letzten Jahr war fast jedes bestellte Taxi innerhalb von fünf Minuten beim Fahrgast“, sagt Hans-Peter Kunath (62), Vorstand der Dresdner Taxigenossenschaft Funktaxi.

„Das schaffen wir jetzt nicht mehr. Vor allem in den Stoßzeiten kann es zu Engpässen kommen.“

Heißt: Wochentags (6-11 Uhr, 15-19 Uhr) und am Wochenende (Freitag 20 Uhr bis Sonntag früh 7 Uhr) müssen Fahrgäste nach der Bestellung immer häufiger bis zu 15 Minuten auf den Fahrer warten.

„Die Taxibranche leidet unter dem Mindestlohn“, Hans-Peter Kunath (62), Vorstand der Dresdner Taxigenossenschaft Funktaxi, bittet die Fahrgäste um Verständnis für längere Wartezeiten.
„Die Taxibranche leidet unter dem Mindestlohn“, Hans-Peter Kunath (62), Vorstand der Dresdner Taxigenossenschaft Funktaxi, bittet die Fahrgäste um Verständnis für längere Wartezeiten.

„Das sind die Folgen des Mindestlohns, der uns enorme Probleme bereitet“, klagt Hans-Peter Kunath.

Denn: Bis 2015 wurden die Angestellten nach eingefahrenen Umsatz bezahlt (Provision). Der Anreiz für Fahrer war groß, Touren zu fahren. Doch seit die Chefs ihnen 8,50 Euro Stundenlohn zahlen (müssen), erhalten die Fahrer auch für die Standzeiten Lohn. Und die sind enorm, machen mehr als die Hälfte einer Schicht aus!

Die Folge: Fahrer wurden entlassen, Taxis abgemeldet: 2014 rollten noch 300 Taxen durch die Stadt, jetzt sind es etwa noch 250. Und das trotz „vorsorglicher“ Preiserhöhungen von 20 Prozent im vergangenen Dezember. Fahrgäste müssen also mehr zahlen und dafür länger warten ...

Kleiner Trost für die Fahrgäste: Weiter sollen die Preise vorerst nicht steigen.

So schwierig ist heute das Geschäft

Taxi-Unternehmer Ralph Ackermann.
Taxi-Unternehmer Ralph Ackermann.

Die Einführung des Mindestlohns hat auch Taxiunternehmer Ralph Ackermann (51) schwer getroffen. Der Dresdner fährt seit 1986 Taxi in der Stadt, führt seit neun Jahren ein eigenes Unternehmen. „Früher war es ein lukrativer Job, heute ist es sehr schwierig geworden.

Im Dezember musste ich meinen einzigen angestellten Fahrer entlassen“, bedauert Ackermann. „Ich habe lange hin und her gerechnet. Doch das Risiko war mir zu groß. Ich hätte ihn nicht mehr bezahlen können.“

Auch eines seiner beiden Taxen gab Ackermann ab, sitzt nun als selbstständiger Unternehmer vermehrt selbst hinterm Steuer. So ist er nicht an den Mindestlohn gebunden. „Das haben etliche Unternehmer hier auch so gemacht“, weiß er.

„Viele Kollegen sind wegen des Mindestlohns frustriert, wechseln den Beruf, Nachwuchs kommt kaum noch“, klagt Ackermann. „Wenn ich selbst nicht bis zu 14 Stunden täglich fahren würde, könnte ich mir meinen Beruf gar nicht mehr leisten.“

Alle zahlen die Zeche

Kommenatar von Hermann Tydecks

8,50 Euro die Stunde: Den Mindestlohn konnten die Taxi-Unternehmer nicht umfahren. Lange zuvor hatten sie die Politik vor den negativen Auswirkungen gewarnt. Genützt hat es nichts.

Das große Branchenproblem: Fahrer verdienen dank des Mindestlohns auch Geld, wenn sie gar nicht fahren. Und da das Passagieraufkommen stark fluktuiert, stehen Taxifahrer mehr als die Hälfte ihres Arbeitstages auf der Stelle, wofür sie gar nichts können.

Jetzt spüren sowohl Dienstleister als auch Kunden die Folgen des Mindestlohns: Taxifahren ist teurer geworden, die Unternehmer mussten Fahrer und Fuhrpark eindampfen (auch wenn die große Entlassungswelle ausblieb), die Wartezeiten sind gestiegen.

Selbst unter den Fahrern, die ja eigentlich von dem Gesetz profitieren sollten, regt sich Unmut. Wer nicht entlassen wurde, verdiente im Vorjahr doch meist mehr. Dafür nahmen sie auch gerne Überstunden in Kauf, lebten eben mit flexiblen Arbeitszeiten. Nun wird aber Leistung nicht mehr belohnt - im Gegenteil!

„Never change a running system“ - im Falle der Taxibranche hat die Politik ein funktionierendes System kaputt reguliert. Und die „kleinen Leute“, wozu sich die meisten Fahrer und Unternehmer selbst zählen, müssen alleine sehen, wie sie damit klar kommen.

Fotos: Eric Münch


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