Altersarmut! So sehr leiden Rentner in ihrem Ruhestand

Der Bundestag beschloss in dieser Woche drei wichtige Rentenreformen: Die Angleichung der Ost-West-Renten, Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente und die Stärkung der Betriebsrenten.

Ziel der Maßnahmen ist, Millionen Menschen vor Altersarmut zu bewahren. Aber wird das reichen? Leset hier, wie eine Dresdner Seniorin ums Überleben kämpft, was Politiker und Gewerkschafter von den Beschlüssen halten und was Ihr selbst tun könnt, damit Sie sorgenfrei Ihren Ruhestand genießen können.

Die Dresdnerin Elke Brückner (68) möchte das Alter genießen. Doch wegen ihrer geringen Rente muss sie jobben.
Die Dresdnerin Elke Brückner (68) möchte das Alter genießen. Doch wegen ihrer geringen Rente muss sie jobben.  © Thomas Türpe

Zum Jammern bleibt gar keine Zeit

Dresden - Für Betroffene ist Altersarmut mehr als ein Wort. Statt ihren Lebensabend zu genießen, müssen sich manche ein Zubrot verdienen.

Einige sammeln Flaschen, andere Zeitungen. Viele schämen sich - und erfinden Geschichten. Wenige werden kreativ, machen die Not zur Tugend - so wie Elke Brückner (68).

Die Räder vom Einkaufstrolley rumpeln übers Kopfsteinpflaster. Einmal pro Woche marschiert die alte Dame zum Wertstoffhandel. Sie verkauft Altpapier.

Nachbarn legen ihr die ausgelesenen Zeitungen vor die Tür. Sechs Cent bekommt sie pro Kilogramm. „In einer guten Woche zwei Euro.“

Einst arbeitete die Schuh- und Lederwarenfachverkäuferin in einem Geschäft am Altmarkt. Mehr als 750 Mark verdiente sie nie.

Zum Entspannen strickt Elke Brückner. Ihre Socken und Mützen schenkt sie bedürftigen Kindern.
Zum Entspannen strickt Elke Brückner. Ihre Socken und Mützen schenkt sie bedürftigen Kindern.  © Thomas Türpe

Als das Schuhhandelsunternehmen Görtz den Laden nach der Wende übernahm, wurde ihr die moderne Technik der Scanner-Kassen zum Verhängnis. Elke Brückner wurde arbeitslos.

Danach hangelte sie sich durch den zweiten Arbeitsmarkt, entkernte Häuser, pflasterte Wege, jätete Unkraut, sammelte Müll. Zu schade war sie sich für fast nichts.

Ihre Rente: 628 Euro. Plus Wohngeld: 160 Euro. Abzüglich Miete (455 Euro) und Betreuungsgeld (76 Euro) bleiben 250 Euro zum Leben.

„Ich jammere nicht.“ Elke Brückner handelt. Ihr Wecker klingelt täglich um 6 Uhr. Eine Stunde später steht die resolute Dame in orangefarbener Warnweste am Stephanienplatz in Striesen, hilft den Erstklässlern der 113. Grundschule mit ausgestreckter Kelle über die Straße.

jeden Tag eine gute Tat: Beim Helfen vergisst Ehrenamtlerin Elke Brückner ihre Not. Zweimal wöchentlich packt sie bei der Dresdner tafel Brot in Tüten.
jeden Tag eine gute Tat: Beim Helfen vergisst Ehrenamtlerin Elke Brückner ihre Not. Zweimal wöchentlich packt sie bei der Dresdner tafel Brot in Tüten.  © Thomas Türpe

Danach fährt sie zur Tafel, tütet zweimal pro Woche Brötchen ein. 20 Euro Aufwandsentschädigung kassiert die Ehrenamtlerin dafür. Und Lebensmittel gibt‘s dort für 1,20 Euro.

„Das hilft schon.“ Der Job als Schülerlotsin bringt ihr 90 Euro ein. Ein Taschengeld, das sie für die Abo-Monatsmarke (49 Euro) ausgibt. Und für den Friseur (25 Euro). „Das muss sein.“

Kein Einzelfall. Ein anderer Ort in Sachsen, und eine andere ältere Dame, die schnurstracks durch Dresdens Prager Straße gondelt: Den rollbaren Einkaufswagen zieht sie von Papierkorb zu Papierkorb. „Nein, von Altersarmut bin ich nicht betroffen“, sagt sie, stopft eine Einwegverpackung zurück in den Müll.

Erklärend streckt sie ihr Handgelenk empor, zeigt den Aktivitätszähler. „Wenn ich 19.000 Schritte gelaufen bin, habe ich mein Soll erfüllt.“ Spazierengehen halte sie fit, redet sie sich ihr Tun schön. Eine Schutzbehauptung? Zwischendurch steuert sie eben die Abfallbehälter an. Blicke ignoriert sie, setzt eilig ihren Weg fort...

Wochentags jobbt die Rentnerin als Schülerlotsin.
Wochentags jobbt die Rentnerin als Schülerlotsin.  © Thomas Türpe
Der Berliner Reichstag ist der Sitz des Bundestags. Dort werden die Weichen für die Rentenpolitik gestellt.
Der Berliner Reichstag ist der Sitz des Bundestags. Dort werden die Weichen für die Rentenpolitik gestellt.  © 123RF

Niemand soll Angst vor der Rente haben

Altersarmut wird ein massives Problem der Zukunft“, ist Sabine Zimmermann (56), Arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag sicher.

Die Abgeordnete aus Zwickau fordert darum u.a. die Stärkung der gesetzlichen Rente, durch die Anhebung des Rentenniveaus auf mindestens 53 Prozent sowie die Einführung einer Solidarischen Mindestrente in Höhe von 1050 Euro. Zimmermann: „Diese Rente könnte ein Leben in Würde im Alter ermöglichen. Niemand darf Angst vor dem Ruhestand haben!“

Ist Altersarmut ein Ost-Problem? Nein. In Deutschland bezogen 3,2 Prozent der Personen 2015 ab Erreichen der Regelaltersgrenze Grundsicherung. In Sachsen waren es nur 1,2 Prozent. Das Phänomen kann man leicht erklären: Viele (Haus-)Frauen jenseits der Elbe haben nicht oder nur wenig in die Rentenkassen eingezahlt.

Gleichwohl schreitet die Altersarmut zwischen Fichtelberg und Kap Arkona voran. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berichtete Anfang des Jahres, dass das Armutsrisiko in der Gruppe der 65- bis unter 75-Jährigen in Ostdeutschland zwischen 2002 und 2014 um 8 Prozent auf 15 Prozent zugenommen hat. In Westdeutschland schwankte es hingegen nur leicht zwischen zwölf und 14 Prozent.

Andrea Nahles (SPD) will ein neues Rentenkonzept vorstellen.
Andrea Nahles (SPD) will ein neues Rentenkonzept vorstellen.

Besonders Frauen sind vom Abstieg im Alter bedroht. Ihre Altersrente erreicht heute im Schnitt 860 Euro (Zahlbetrag). Männer bekommen hingegen durchschnittlich 973 Euro. Das ist vielen zum Leben zu wenig. Sie gehen wieder jobben.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beobachtet diesen Trend mit Sorge und hat die Kampagne „Rente muss reichen“ gestartet. Mit Aufklärungsaktionen - wie vergangenen Mittwoch an Bahnhöfen in ganz Sachsen - will der DGB wachrütteln.

Sachsens DGB-Vize Markus Schlimmbach (52) sagt: „Der politisch verordnete Renten-Sinkflug muss gestoppt werden! Wir brauchen wieder eine gesetzliche Rente, auf die man sich verlassen kann.“ Er sieht die Lösung der Probleme in der Anhebung der Rentenbeiträge und staatlichen Zuschüssen in das Solidar-System. Politisch konservative halten davon nichts. Sie fördern lieber die Eigenvorsorge und begünstigen Betriebsrenten, um die Arbeitgeber zu entlasten.

So oder so: Das Thema Rente wird bei der Bundestagswahl 2017 eine große Rolle spielen. Andrea Nahles (46, SPD), die Bundesministerin für Arbeit und Soziales kündigte bereits an, dass sie in den kommenden Tagen ein neues Rentenkonzept für ihre Partei vorstellen will.

Schon vorm Berufsstart an die Rente denken. Ja, das ist sinnvoll.
Schon vorm Berufsstart an die Rente denken. Ja, das ist sinnvoll.

So können Sie sich schützen

Rente fällt ebenso wenig vom Himmel wie Altersarmut überraschend kommt. Die Ursachen liegen lange vor dem Renteneintritt und müssen daher rechtzeitig bekämpft werden.

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist der beste Schutz. Wer regelmäßig ordentliche Einkünfte hat, erlangt ausreichend Anwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung - und kann privat was tun.

Je nach individueller Situation rät die Verbraucherzentrale Sachsen gegenüber der Morgenpost am Sonntag zur langfristigen Altersvorsorge. Kerstin Reinsperger (55) nennt hier speziell staatlich geförderte Produkte wie betriebliche Altersvorsorge und die Riester- oder Rürup-Verträge.

  • Vom Riestern profitieren Geringverdiener und Leute mit Kindern. Allerdings ist die Produktpalette breit gefächert, reicht von Bank- und Fondsparplänen über Versicherungsgebundene Produkte bis zum Wohn-Riester. Riester-Verträge werden jetzt transparenter. Auf „Produktinformationsblättern“ müssen Anbieter sämtliche Kosten darstellen. So können Verbraucher besser vergleichen. Neu ist, dass die Riester-Rente künftig nicht mehr voll auf die Grundsicherung angerechnet wird.
  • Die betriebliche Altersvorsorge bietet der Arbeitgeber an. Geringverdiener sollen durch Zuschüsse stärker gefördert werden.
  • Die Rürup- oder Basis-Rente ist für Freiberufler eine Form der staatlichen Altersvorsorge. Ein Großteil der Beiträge in der Ansparphase ist steuerlich freigestellt. Selbständige können aber auch freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rentenkasse zahlen.
  • Weitere Informationen: Ihre-Vorsorge.de / Deutsche-Rentenversicherung.de

Titelfoto: Thomas Türpe

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