Rathaus schafft heimlich den Türmer ab!

Wäre gern der neue Türmer: Alexander Albrecht (71). Doch die Stadt will keinen neuen. Die Tradition des Türmers reicht bis ins Jahr 1498 zurück.
Wäre gern der neue Türmer: Alexander Albrecht (71). Doch die Stadt will keinen neuen. Die Tradition des Türmers reicht bis ins Jahr 1498 zurück.

Von Doreen Grasselt

Chemnitz - Wird Chemnitz je wieder den Ruf „Hört ihr Leut’ und lasst Euch sagen“, hören? Seit dem Tod des Chemnitzer Türmers Stefan Weber (72) am 15. Mai bleibt das Türmerzimmer weitgehend unberührt.

Die Stadt hat nach eigenen Angaben vorerst nicht vor, das Amt neu zu besetzen. Ist mit Stefan Weber auch die Institution beerdigt worden?

Webers Lebensgefährte und Stellvertreter Alexander Albrecht (71) kümmert sich um dessen Nachlass und möchte das Amt gern weiterführen.

Doch er fühlt sich von der Stadt zurückgewiesen:„Ich darf nicht rufen. Ich bin überzeugt, dass die Stadt kein Interesse mehr an einem neuen Türmer hat.“

Ganz happy: Radio Dresden drehte 2014 ein Happy-Video in Chemnitz. Stefan Weber war natürlich auch dabei.
Ganz happy: Radio Dresden drehte 2014 ein Happy-Video in Chemnitz. Stefan Weber war natürlich auch dabei.

Auf MOPO24-Anfrage teilte OB Barbara Ludwig (53, SPD) mit: „Der Tod von Stefan Weber stellt für die Stadt Chemnitz einen unersetzlichen Verlust dar. Mit ihm haben wir einen der leidenschaftlichsten Botschafter der Stadt verloren.

Aus Respekt vor seinem Andenken haben wir entschieden, dass es bis auf Weiteres keinen neuen Türmer in der Stadt Chemnitz gibt.“

Was sagt die Türmerzunft? „Es ist ratsam, eine gewisse Vakanz von drei bis fünf Monaten zum Gedenken einzuhalten“, so Zunftmeister Johannes Thier (58). „Aber dann sollte die Stelle neu besetzt werden. Münster hatte vor einiger Zeit beschlossen, das 600 Jahre alte Amt nicht neu zu besetzen - dagegen sind die Bürger Sturm gelaufen.“

Ähnliches könne auch in Chemnitz passieren. Verschiedene Chemnitzer Fraktionen sind sich einig, dass das Türmeramt zu Chemnitz dazugehört. „So eine traditionsbehaftete Stelle sollte unbedingt wiederbesetzt werden“, findet CDU-Fraktions-Chef Tino Fritzsche (52).

FDP-Kollege Dieter Füsslein (75) hält es für das Beste, das Amt noch ein wenig ruhen zu lassen: „Man spricht doch vom Jahr der Trauer. Aber im Sinne des verstorbenen Türmers wäre, dass sein Vermächtnis erhalten bleibt.“

Auch Linken-Fraktions-Chefin Susanne Schaper (37) findet, dass der Türmer zum Chemnitzer Stadtbild dazugehört und das Amt wiederbesetzt werden muss.

Fotos: Peter Zschage, Uwe Meinhold


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