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Die geheime Sprache der Bäume

Dresden - Der Tharandter Forstbotaniker Andreas Roloff (60) ist kein unbeschriebenes Blatt: Seine Veröffentlichungen erfahren wissenschaftlich höchste Wertschätzung. Sein neues Handbuch Baumdiagnostik eröffnet der Forschung neue Horizonte, jeder kann damit selbst zum Baum-Versteher und -Retter werden.
Ein Herz für Bäume hat der Tharandter Professor Andreas Rohloff.
Ein Herz für Bäume hat der Tharandter Professor Andreas Rohloff.

Von Pia Lucchesi

Dresden - Der Tharandter Forstbotaniker Andreas Roloff (60) ist kein unbeschriebenes Blatt: Seine Veröffentlichungen erfahren wissenschaftlich höchste Wertschätzung. Sein neues Handbuch Baumdiagnostik eröffnet der Forschung neue Horizonte und Freundeskreise, denn Roloff enthüllt darin das Geheimnis um die Körpersprache der Bäume.

Der Professor klopft dabei nicht auf den Busch. Mithilfe seines Buches kann jeder selbst zum Baum-Versteher und -Retter werden.

Ehrfurcht. Das ist das erste Wort, was Andreas Roloff einfällt, wenn er seine Beziehung zu Bäumen beschreiben soll.

Er stellt fasziniert fest: „Diese Lebewesen, die nicht weglaufen können, leben seit Jahrmillionen auf unserer Erde. Sie haben erfolgreich Überlebensstrategien entwickelt und schaffen es, allen Veränderungen in ihrem Umfeld zu trotzen. Das nötigt mir Ehrfurcht ab.“

Andreas Roloff legt Wert auf die Feststellung, dass er Wissenschaftler ist und kein Baumflüsterer.

Professor Andreas Rohloff - der Mann, der die Bäume versteht.
Professor Andreas Rohloff - der Mann, der die Bäume versteht.

Roloff scheut sich von Emotionen zu sprechen. Er sorgt sich, seine Erkenntnisse könnten als „esoterischer Quatsch“ abgestempelt werden. Der Professor fände das fatal, denn er möchte mit seinem Handbuch ausdrücklich auch interessierte Laien ansprechen und für die Baumpflege und - Therapie begeistern.

Andreas Roloff brachte die wissenschaftliche Neugier zum „Dolmetschen“. Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Bäumen, deren Wuchsformen, Bedürfnissen und Krankheiten.

„Ich will verstehen, wie ein gesunder Baum wächst und sich entwickelt“, sagt Roloff motiviert.

Der Professor betrachtet die Lebewesen wie ein einfühlsamer Sachverständiger. Er weiß, wann ein Baum gut da steht. Er sieht, wenn der Pflanze etwas fehlt. Oder sie krankt. Dann verändert sie sich.

Sie bekommt zum Beispiel Wucherungen. Ihre Blätter verfärben sich oder die Rinde reißt auf. Dann spricht der Baum! Roloff hat das Verstanden. Wie ein Mediziner untersucht er die Bäume.

Der Wissenschaftler erfasst die Symptome und stellt seine Diagnosen, damit den grünen Riesen geholfen und die Ursache seines Leids beseitigt werden kann. Falls nötig und sinnvoll.

„Bäume wissen selbst am besten, was für sie gut ist. Wir Menschen irren, wenn wir glauben, dass wir besser wissen was für Bäume gut ist als die Bäume selbst“, stellt Roloff klar.

Er weiß aber auch: Ohne menschliche Hilfe und Verständnis wird es für Ahorn, Buche [&] Co. weltweit immer schwerer Alt wie ein Baum zu werden.

Kann jeder die Baumsprache erlernen? Roloff: „Ja. Jedes Kind und jeder Erwachsene kann diese Sprache lernen. Man braucht nur Interesse und Geduld.“

Hilfe!

Diese Winterlinden (Tilia cordata) im Sony Center Berlin „betteln“ um Schatten, Wasser und Abkühlung. Die Pflanzen sind extrem im Stress. Kein Baum würde sich so einen Platz zum Leben aussuchen. Ohne menschliche Hilfe würden die Bäume an diesem lebensfeindlichen Ort nicht überleben.

Wir sind verschmolzen für die Ewigkeit....

... lautet die Botschaft dieser zwei verwachsenen und zur Einheit gewordenen Rot-Buchen (Fagus sylvatica). Sie haben eine gemeinsame Krone entwickelt, die doppelt mit Wasser und Nährstoffen versorgt wird. Bäume verschiedener Arten verwachsen umso einfacher miteinander, je näher sie sich verwandtschaftlich stehen.

Warum tötet ihr uns?

Diese Eschen (Fraxinus excelsior) und Ahorne (Acer platanoides, A. pseudoplatanus) am Straßenrand „klagen“, denn sie sind dem Tod geweiht. Ihre stolzen Kronen und Äste wurden ohne Rücksicht auf die Baumbiologie gekappt. Es ist zu erwarten, dass Fäulnis sie bald befällt.

Licht!

Ich brauche Licht! So könnte man die Körpersprache dieser Robinie (Robinia pseudoacacia) übersetzen. Der Baum in der Straßenschlucht hat es geschafft aus dem Schatten heraus zu wachsen. Das rettete ihn. Buchen und Linden verhalten sich in solchen Lagen anders: Sie wachsen zunächst waagerecht und warten ab, bis die Bedingungen günstig sind.

Wir sind krumm - aber stark!

Das „sagen“ wohl diese Wald-Kiefern (Pinus sylvestris). Sie verbindet ein gemeinsames Schicksal: Im besten Alter hat man ihnen das Oberteil des Stammes samt Wipfel sowie alle Seitenäste abgenommen. Nur ein bodennaher Seitenast blieb stehen. Dieser richtete sich auf, wuchs empor und kompensierte so die verlorenen Baumteile.

Ich bin ein mutiger Pionier!

Das tut diese Sal-Weide (Salix caprea) kund, die unter der Dachrinne eines Ruinenhauses gekeimt ist. Der Baum beweist in dieser extremen Höhe und Umgebung Stärke und Sportsgeist. Zu den kurzlebigen Pionierbaumarten zählt man viele Weiden, Birken, Pappeln.

Aue

Die Astnarbe in der Rinde „bezeugt“, dass die Stiel-Eiche (Quercus robur) vor Jahrzehnten einen Ast verloren hat. Wegen des Aussehens nennen Experten so eine Narbe auch Eichenrose. Die Narbenbildung ist von Baumart zu -Art verschieden ausgeprägt. Die Wunden können gefährlich werden, wenn Pilze sich dort einnisten und den Baum nachhaltig schädigen können.

Ich halte dem Sturm stand!

Das „ruft“ diese Schwarzkiefer (Pinus nigra) den Spaziergängern an der Küste zu. Weil der Sturm permanent und einseitig den Baum peitscht, ist seine Krone asymmetrische gewachsen. Das gleiche Wuchs-Phänomen kann man bei Bäumen auch an Hängen, Waldrändern oder hohen Gebäuden beobachten.

Was wir unseren Kinders über Bäume erzählen sollten

Mein Freund, der Baum ...

Baumschutz avanciert zur Herzens-Angelegenheit. Immer mehr Menschen kämpfen teils erbittert für diese Lebewesen und gegen Fällaktionen. Stuttgart 21, der Aufstand im Gezi-Park von Istanbul oder die Proteste an der Dresdner Waldschlösschen Brücke (Foto) stehen exemplarisch dafür. Aktuell kämpft die Bürgerinitiative Gegenwind gegen die Pläne in der Rödernschen Heide (bei Radeburg), einen Windpark zu errichten. Sie will verhindern, dass aus dem Wald- ein Industriegebiet wird.

Das Wunder der schlafenden Knospen

Schlafende Knospen sind die Nachwuchs-Reserven der Bäume für gute und schlechte Zeiten. Sie sind von enormer Bedeutung für das Überleben von Bäumen als ortsfeste Organismen, denn dank dieser stillen Reserven können die Bäume auf Wetterextreme reagieren und sich an Veränderungen anpassen. Schlafende Knospen nennen Botaniker übrigens alle Knospen, die länger als bis zum kommenden Frühjahr geschlossen bleiben. Erstaunlich: Eichen-Knospen können auch nach 100 Jahren Ruhe noch austreiben!

Das Buch für Baumfreunde

Das Handbuch Baumdiagnostik von Prof. Andreas Roloff ist im Verlag Eugen Ulmer erschienen (online bestellen). Es zählt 207 Seiten und kostet broschiert 39,90 Euro. Der Tharandter Forstwisschenschaftler hat als Autor schon Bäume ausgerissen: Von ihm liegt unter anderem ein Lexikon der praktischen Baumbiologie und Baumpflege vor.

Die Jahresringe sind Wetter-Archiv

Auch beim Holz gibt es Leicht- und Schwergewichte. Die Dichte des Holzes kann von Art zu Art um den Faktor 2 schwanken. Beispiel: Trockenes Eichenholz ist etwa doppelt so schwer wie das von Weide. Stichwort Jahresringe: Deren Breite ist abhängig von Baumalter, Standort, Witterung, Stress, Konkurrenz oder Beschattung. Die Jahresringforschung kann heute die Witterung vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte für den Baum rekonstruieren. Dendrochronologie heißt das Verfahren.

Die (leider bittere) Wahrheit über die Sauerstoff-Saga

„Ein 100 Jahre alter Baum produziert täglich 13 Kilogramm Sauerstoff und deckt damit den Bedarf von 10 Menschen“, das hört man immer wieder. Doch das stimmt nicht! Bäume verbrauchen vielmehr den größten Teil des von ihnen produzierten Sauerstoffes bereits selbst wieder durch ihren Stoffwechsel, der auch nachts und im Winterhalbjahr weiterläuft. Weitere nennenswerte Anteile des Sauerstoffs werden zudem bei der Zersetzung von Blättern, Zweigen und Wurzeln durch die Zersetzerorganismen verbraucht.

Baumverschluckt ein Fahrrad

Bäume sind Meister der Anpassung. Sie „verschlucken“ auch schon mal ein Fahhrad, wenn es ihnen beim Wachsen im Weg steht. So geschehen auf Vashon Island (US-bundesstaat Washington). Dort sitzt ein Baum fest im Sattel. Wie er das geschafft hat? Der Baum hat sich das Kinderfahrrad einverleibt, das ein Junge dort vor über 50 Jahren vergessen hat. Merke: Die Natur holt sich alles. Der Baum wuchs und nahm das Kinderrad mit hoch hinauf auf seine Reise.

Die häufigsten Baumarten Sachsens

Die häufigsten Baumarten in Sachsens Wäldern sind Fichte (35 %) und Kiefer (31 %). In den Wäldern dominieren die Nadelbaumarten (70%). Häufige Laubbaumarten sind Birke (7 %), Eiche (6 %) und Buche (3 %). Laubbaumarten mit geringer Lebensdauer wie zum Beispiel Birke, Erle, Eberesche, Pappel und Aspe haben einen Anteil von insgesamt 16 %. 72 Prozent aller Bestände sind jünger als 80 Jahre. Die Waldfläche in Sachsen beträgt insgesamt 524 838 Hektar. Das entspricht einer Bewaldung von 28,5 % (Durchschnitt Deutschland 31 %).

Der älteste Baum derWelt ist 4960 Jahre alt

Die weltweit höchsten Bäume sind etwa 120 m hoch. Es handelt sich ausnahmslos um Nadelbäume. Sie sind den Laubbäumen an Größe überlegen, weil sie ein besser abgesichertes System zum Wassertransport haben. Der älteste lebende Baum der Welt ist eine Grannen-Kiefer im Hochgebirge Nevadas (USA) mit 4960 Jahren. Der Methusalem besteht aus einem Torso lebender Stammteile mit Teilkronen. In seinem „Geburtsjahr“ regierte König Cheops in Ägypten - seine berühmte Pyramide steht noch immer. Die dickste Trauben-Eiche (Quercus petraea) Europas steht in Südengland (Foto). Sie hat einen Umfang von 14,10 m bei einem Durchmesser von 4,50 m.

Luftreiniger und Klimaanlage

Stadtbäume sind die Klimaschützer in der City. Sie „schlucken“ Feinstaub, Schadstoffe und Lärm. Die spenden Schatten, kühlen ihre Umwelt und erhöhen die Luftfeuchtigkeit. Bäume sind von existenzieller Bedeutung für das Wohlbefinden und die Lebensqualität in der Stadt. Das Foto der Wärmebildkamera von einem Tag zeigt die um über 10 °C kühlere Oberflächentemperatur (Farb-Temperaturskala am rechten Bildrand) des Bodenbelages im Schattenbereich der Baumkronen.

Deshalb frieren Bäume im Winter nicht ein

Bäume trotzen Schnee und Eis, weil sie ihren Wasserhaushalt entsprechend der Jahreszeiten regulieren können. Sie haben in ihre Zellen einen Stoff eingelagert, der den Gefrierpunkt des Wassers reduziert. Zudem beginnen sie schon mit dem Abwerfen ihrer Blätter im Herbst ihren Wasserhaushalt einzudämmen. Die schlimmsten Frost-Schäden an den Pflanzen entstehen darum nicht im tiefsten Winter sondern im späten Herbst oder zeitigen Frühjahr.

Fotos: Sten Gillner, Holm Helis, imago, PR, privat

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