Immer weniger Erwerbslose in Sachsen: Werden Arbeitsämter bald selbst arbeitslos?

Chemnitz - Immer wieder positive Schlagzeilen vom sächsischen Arbeitsmarkt: Jahr für Jahr sinkt die Zahl der Arbeitslosen nahezu in Zehntausenderschritten.

Der Andrang auf den Wartefluren der Arbeitsagenturen und Jobcenter ist mittlerweile recht übersichtlich geworden. Obwohl sich die Vermittler inzwischen auch mehr Zeit für die Klienten nehmen können.
Der Andrang auf den Wartefluren der Arbeitsagenturen und Jobcenter ist mittlerweile recht übersichtlich geworden. Obwohl sich die Vermittler inzwischen auch mehr Zeit für die Klienten nehmen können.  © 123RF

Die Quote fiel mit 6,0 Prozent auf ein Rekordtief. Auch für 2019 und die kommenden Jahre wird die gleiche Tendenz prognostiziert. Fast könnte man provokant fragen: Wird die Arbeitsagentur bald selbst arbeitslos?

Sicher sind die derzeit 118.000 Arbeitslosen in Sachsen noch zu viele ungewisse Einzelschicksale. Und wie kürzlich bei Solarworld in Freiberg wird es auch in diesem Jahr Betriebsschließungen in Sachsen geben - z.B. in diesen Wochen das Karstadt in Leipzig. Bloß gut, dass es dann kompetente Arbeitsvermittler gibt.

Doch eine Massenarbeitslosigkeit, die in den ersten 20 Jahren nach der Wende wie Mehltau über Sachsen lag, wird es nicht mehr geben.

In einigen Regionen gab es bereits seit 2017 so wenige Arbeitslose, dass Arbeitsämter schließen mussten: Bischofswerda, Geithain und Radeberg. Das Personal in Ämtern und Jobcentern wurde in den letzten Jahren um 800 Stellen reduziert.

Wer derzeit in schlecht bezahlten Jobs schuftet, dem ermöglicht die Agentur jetzt auch eine berufliche Qualifizierung.
Wer derzeit in schlecht bezahlten Jobs schuftet, dem ermöglicht die Agentur jetzt auch eine berufliche Qualifizierung.

Die Arbeitsagentur in Sachsen steht vor einem Wandel und riesigen Herausforderungen. Das machen einige Fakten deutlich:

  • Die Zahl der Arbeitslosen, die auf eine offene Stelle kommen, hat sich seit 2004 von 49 auf heute nur noch drei reduziert. Klaus-Peter Hansen, Chef der Landesarbeitsagentur: "Auf dem Arbeitsmarkt werden wir spätestens 2025 eine Situation wie auf dem Ausbildungsmarkt haben. Dann gibt es genauso viele freie Stellen wie arbeitslose Frauen und Männer."
  • Seit 2007 gibt es 200.000 neue Beschäftigungsverhältnisse, ein großer Teil aber in Teilzeit. Dabei sind die meisten Stellen, die beim Arbeitsamt gemeldet werden, unbefristet (87 %), Vollzeit (84 %) und sofort frei (92 %).
  • Prognosen gehen davon aus, dass die Beschäftigungsverhältnisse in Sachsen 2019 um 1,6 % zunehmen - plus 25.900 neue Jobs, die Arbeitslosenquote sinkt damit auf 5,4 Prozent.
  • Im überalterten Sachsen schlägt der demografische Faktor jetzt erbarmungslos zu, viele gehen in den wohlverdienten Ruhestand. Klaus-Peter Hansen: "Bis zum Jahr 2025 nimmt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter um über 200.000 ab, besonders stark zum Beispiel in Südwestsachsen." Allein im Erzgebirgskreis geht jeder Sechste dem Arbeitsmarkt verloren, sachsenweit ist es jeder Zwölfte.
Klaus-Peter Hansen, Chef der Bundesagentur Sachsen, stemmt sich mit teuren Konzepten gegen den Fachkräftemangel im Freistaat.
Klaus-Peter Hansen, Chef der Bundesagentur Sachsen, stemmt sich mit teuren Konzepten gegen den Fachkräftemangel im Freistaat.  © Steffen Füssel

Zwar geht auch damit die Arbeitslosigkeit noch weiter zurück, doch die Rentner hinterlassen eine gefährliche Lücke. Hansen: "Es fehlt an Fachkräftenachwuchs! Diese frei werdenden Stellen können nicht 1:1 nachbesetzt werden." Und das kann auch das ganze Unternehmen in der Wettbewerbsfähigkeit gefährden.

Und deshalb hat die Arbeitsagentur auch künftig eine Menge Arbeit - inzwischen aber unter umgekehrten Vorzeichen. Hansen: "Im Laufe der Jahre hat sich die Situation in Sachsen sehr deutlich zugunsten der arbeitssuchenden Menschen gedreht." Statt Arbeitsplatzmangel herrscht nun Fachkräftemangel.

So wurden die Mittel für aktive Arbeitsmarkt-Politik in diesem Jahr massiv erhöht - den Ämtern und Jobcentern stehen 391 Millionen Euro zur Verfügung. Hinzu kommen noch 150 Mio. für Rehabilitation und Schwerbehinderte. Und in der Verteilung der Gelder gibt es einen Paradigmenwechsel:

Es werden auch Leute unterstützt, die bereits arbeiten. Hansen: "Auch sie bekommen Lehrgänge im Beruf von uns bezahlt. Das ist sinnvoll, weil Bildung vor Arbeitslosigkeit schützt und gleichzeitig mit höheren Löhnen verbunden ist." Des weiteren gibt es für vermittelte Langzeitarbeitslose sogar 100-Prozent-Lohnzuschüsse (heißt: der Betrieb zahlt nix) - vor Jahren noch völlig undenkbar.

Erzieher werden zwar gesucht, aber auch nicht besonders gut bezahlt. Der Andrang ist entsprechend überschaubar.
Erzieher werden zwar gesucht, aber auch nicht besonders gut bezahlt. Der Andrang ist entsprechend überschaubar.  © Imago

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