Der große Asyl-Report: Wer kommt? Wer darf bleiben?

Im Juli kamen mehr als 4000 Flüchtlinge nach Sachsen. Die meisten davon aus Kriegsgebieten.
Im Juli kamen mehr als 4000 Flüchtlinge nach Sachsen. Die meisten davon aus Kriegsgebieten.

Dresden - Die Flüchtlingswelle erreichte im Juli ihren vorläufigen Höhepunkt: Mehr als 4000 Neuankömmlinge registrierten die sächsischen Behörden - über die Hälfte aus den Kriegsgebieten Syrien und Afghanistan.

Weil es wegen Personalmangels einen erheblichen Bearbeitungsstau gibt, wird die - teils unmenschliche Unterbringungssituation in provisorischen Notlagern länger anhalten. So wird es auch weiterhin Konflikte unter den Bewohnern geben.

Auch deshalb, weil es die Behörden nicht schaffen, potenzielle Konfliktgruppen räumlich voneinander zu trennen.

Lest in unserem Asyl-Report, wer mit wem warum nicht kann und wie Integration in einem Heim trotzdem funktioniert.

Wer kommt woher und wer darf bleiben?

Die Asyl-Zeltstadt in Dresden: Bewohner unterschiedlichster Herkunft und Überzeugung leben hier auf engstem Raum zusammen.
Die Asyl-Zeltstadt in Dresden: Bewohner unterschiedlichster Herkunft und Überzeugung leben hier auf engstem Raum zusammen.

Während im Rekordjahr 2014 bereits 11.800 Asylbewerber in Sachsen angekommen sind, wurde diese Zahl jetzt bereits im Halbjahr erreicht.

Der Juli allerdings sprengt alle bisher gekannten Dimensionen: Über 4000 Flüchtlinge aus 40 Ländern wurden in Sachsen registriert. Somit mussten täglich über 100 neue Unterbringungsmöglichkeiten gefunden werden.

Bis Juni kam ein Drittel der Neuanmeldungen vom Westbalkan (Kosovo, Albanien, Serbien, Mazedonien). Die Anerkennungsquote für Asylbewerber aus diesen Ländern liegt weit unter einem Prozent.

Deshalb werden sie größtenteils abgeschoben, sobald alle Anträge und Widerspruchsverfahren abgearbeitet sind.

Die Neuregistrierungen vom Juli werden jedoch länger in Sachsen bleiben. Denn sie kommen vornehmlich aus Kriegsgebieten: Syrien (42%), Afghanistan (12%) und Irak (7%).

Syrer und Iraker werden zu knapp 90 Prozent anerkannt, Afghanen immerhin zu 40 Prozent.

Syrien / 3450 Flüchtlinge (2015)

Seit 2011 herrscht in Syrien Krieg. Zunächst gab es Kämpfe zwischen regierungstreuen Truppen und der Opposition, später mischte sich die grausame IS ein. Sechs Millionen Syrer sind auf der Flucht-vier Millionen außerhalb des Landes.

Es geht um das nackte Überleben.

Allein untereinander kann es religiöse Konflikte geben, zumal es Muslime, Jesiden und Christen gibt. Auch Gegner und Befürworter des Präsidenten Assad kriegen sich gelegentlich in die Haare.

Syrische Muslime werden mitunter auch von anderen Gläubigen (Tschetschenen, Nordafrikaner) angegangen, weil sie aus deren Sicht religiöse Rituale (Gebet, Nahrung) zu locker handhaben.

Afghanistan / 1080 Flüchtlinge (2015)

Seit 2001 ist Krieg in Afghanistan, ein Ende nicht in Sicht.

Seit die NATO sich 2014 zurückzog, gewinnen die Taliban zunehmend die Oberhand.

Wer Folter und Tod entgehen möchte, dem bleibt oft nur die Flucht.

Wenn Afghanen (meist Sunniten) mit anderen Flüchtlingen (Iraner, Syrer) streiten, geht es meist um religiöse Gründe.

Kosovo / Albanien / Serbien / 3980 Flüchtlinge (2015)

Die knapp 4000 Menschen vom Westbalkan (Kosovo, Albanien, Serbien), die in den ersten sieben Monaten 2015 in Sachsen registriert wurden, haben nahezu keine Chance, als Asylbewerber anerkannt zu werden.

Auch wenn ein Drittel der „Balkanflüchtlinge“ Roma sind, die dort tatsächlich der Diskriminierung ausgesetzt sind.

Streitpunkte sind zwischen Serben (meist Christen), Kosovaren und Albanern (mehrheitlich sunnitisch) noch immer die Gründe, die auch durch den Kosovo-Krieg nicht gelöst wurden.

Die Ressentiments zwischen den Gruppen scheinen unüberwindbar, die Verletzungen sitzen tief.

Eritrea / 580 Flüchtlinge (2014)

Derzeit sind etwa 800 Menschen aus Eritrea Gast in Sachsen. Kein Staat der Welt gibt seiner Bevölkerung so viele gute Fluchtgründe wie das nordostafrikanische Land.

Es herrscht eine repressive und unberechenbare Diktatur.

Willkürliche Internierung in Straflagern, Schießbefehl an der Grenze, Militärdienst bereits in der Schulzeit und Folter sind an der Tagesordnung.

Eritreer sind je zur Hälfte christlich oder muslimisch - allerdings mit Ritualen, die Flüchtlingen aus anderen Ländern oft suspekt erscheinen.

Irak / 806 Flüchtlinge (2015)

Der Zustrom von Flüchtlingen aus dem Irak steigt in den letzten Wochen wieder an.

Nachdem ISIS weite Teile des Landes unter seine Kontrolle gebracht hat, müssen vornehmlich Christen, Jesiden und Schiiten um ihr Leben fürchten.

Die Konfliktgründe liegen meist im religiösen oder ethnischen Bereich.

Konfliktgruppen trennen? Auf die Idee kommt niemand.

Michael Beyerlein (56), Flüchtlingskoordinator der Diakonie Erzgebirge, wundern die Konflikte nicht.
Michael Beyerlein (56), Flüchtlingskoordinator der Diakonie Erzgebirge, wundern die Konflikte nicht.

Dresden/Schneeberg - Menschenunwürdige Unterbringung in der Erstaufnahme, mangelhafte Hygieneeinrichtung, Schwierigkeiten bei der Essensvergabe - Helfer wundern sich nicht, dass es wegen des Lagerkollers zu Unruhen bis hin zu Schlägereien zwischen den Flüchtlingen kommt.

Obendrein schaffen es die Behörden nicht, bekannte ethnische oder religiöse Konfliktgruppen auseinanderzuhalten.

„Stellen Sie sich vor, Sie leben zusammengepfercht mit hunderten Menschen anderer Kulturen in einem von hohen Zäunen umgebenen Lager und sind zur Untätigkeit verdammt.“ Michael Beyerlein (56), Flüchtlingskoordinator der Diakonie Erzgebirge, erlebt das in Schneeberg immer wieder.

„Dass es Reibereien gibt, ist keine Überraschung, sondern logisch.“

Zornesfunken entladen sich nicht selten während der Essensausgabe - so in Schneeberg, so in Dresden. Beyerlein: „Man ist da auf engstem Raum mit Menschen zusammen, die vorher vielleicht meine Feinde waren.“

Bei Eskalationen ist die Polizei zwar schnell vor Ort, doch man könnte bereits im Vorfeld für Entspannung sorgen.

Horst Kretzschmar, Präsident der sächsischen Bereitschaftspolizei: „Das eigentliche Problem ist, dass es nicht gelingt, die ethnischen Gruppen und Herkunftsländer so zu verteilen, dass sie untereinander sind. Den Behörden fällt es selbst schwer, Sunniten und Schiiten auseinanderzuhalten.“

Trotz lang anhaltender Fluchtproblematik gibt es in Deutschland keine Anleitung oder Handreichung, nach welchen Gesichtspunkten ethnische, religiöse und kulturelle Konfliktgruppen getrennt werden könnten. Weder Pro Asyl noch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat eine entsprechende Broschüre.

Bei der Landesdirektion, zuständig für die Verteilung, setzt man andere Prioritäten. Sprecher Holm Felber: „Wesentlich sind zunächst die verfügbaren freien Plätze. Und dann wird versucht, besonders Schutzbedürftigen - Familien, Frauen, Kinder - relativ günstige Unterbringungen vorzubehalten.“

Michael Beyerlein: „Dabei könnte man schon bei den ersten Befragungen feststellen, ob die Menschen Christen oder Muslime sind und sich um eine räumliche Trennung bemühen.“

Fotos: Christian Suhrbier, Daniel Unger, imago/stock[&]people, dpa/Medyan Dairieh, dpa/Georgi Licovski

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