Atom-Alarm! Der erste Störfall der Geschichte mitten in Sachsen

Physiker ahnten, welche Zerstörungskraft ihre Forschung hat. Einige hatten zeitlebens ein schlechtes Gewissen.
Physiker ahnten, welche Zerstörungskraft ihre Forschung hat. Einige hatten zeitlebens ein schlechtes Gewissen.

Leipzig - Obwohl der erste Störfall in der Geschichte der Kernkraft vor 75 Jahren mitten in Leipzig passierte, bekam die Welt davon gar nichts mit. Das lag vor allem daran, dass hier Forscher im Geheimauftrag des Heereswaffenamtes arbeiteten. Sie versuchten, die noch jungen Erkenntnisse zur Kernspaltung in die Praxis umzusetzen. Es war Grundlagenforschung, die sowohl für die friedliche Nutzung der Kernenergie unerlässlich war, aber auch für Hitlers Atombombe.

So ein seltsames Feuer hatten die Leipziger Floriansjünger noch nicht erlebt. An diesem 23. Juni 1942 waren sie frühabends von einem aufgeregten Professor in die Linnéstraße 5 gerufen worden. Das Labor war bereits völlig zerstört, trotzdem brannte da irgendwelches Zeug immer weiter.

Der vornehme Herr, der die Löscharbeiten eher aus der Ferne beobachtete, war zumindest einigen der Feuerwehrmänner aus der Zeitung bekannt. Heisenberg - mit 26 zum Professor der Leipziger Uni berufen, mit 31 Nobelpreisträger. Geehrt für irgendwas, das ein normaler Mensch ohnehin nicht versteht.

Beim Löschen gab ein anderer Professor die Ratschläge. Robert Döpel, der Experimental-Physiker der Uni, wusste genau, was da brannte. Er empfahl Decken und Schaum. Trotzdem schmorte das Zeug immer weiter. Man entschloss sich, es kontrolliert abbrennen zu lassen.

Dass sie die Reste eines wissenschaftlichen Durchbruches beseitigten, werden die Feuerwehrleute niemals erfahren. Auch nicht, dass diese geborstene Aluminiumkugel die erste „Uranmaschine“ der Welt war.

Diese entsprang dem Kopf des genialen Physikers Werner Heisenberg, Döpel setzte sie in die Praxis um. Im Zwiebelverfahren wechselten sich in der Alu-Kugel Schichten mit Uranpulver und Schwerem Wasser ab. In der Mitte hing eine Bariumkapsel als Neutronenquelle.

Doch auch für die friedliche Nutzung erkannte man das riesige Potenzial der Kernspaltung.
Doch auch für die friedliche Nutzung erkannte man das riesige Potenzial der Kernspaltung.

Erst drei Jahre zuvor hatte Otto Hahn die Kernspaltung entdeckt. Man wusste, dass man über eine ungeheure Energiequelle verfügte. Doch wie diese kontrolliert freigesetzt und nutzbar gemacht werden konnte, war noch immer die Frage.

Und inzwischen war Krieg. Das Heereswaffenamt hatte mit den genialsten Strahlenphysikern des Reiches ein streng geheimes „Uranprojekt“ gegründet - die Leipziger Heisenberg und Döpel gehörten zu den Köpfen. Und sie sollten erforschen, was fremde Geheimdienste bald als „Hitlers Wunderwaffe“ suchen sollten.

Die Leipziger Uran-Maschine war für die beiden Wissenschaftler ein voller Erfolg. Bei dem Experiment wurden mehr Neutronen erzeugt als verbraucht. Daraus lässt sich der Beweis formulieren, dass Nuklearenergie kontrolliert genutzt werden kann.

Allerdings hatten sich an einer undichten Verschraubung Wasserstoffbläschen gebildet. Als ein Mechaniker einen Füllstutzen abzieht, strömt Luft in den Prototypen eines Atomreaktors. Die Maschine gerät außer Kontrolle. Funken sprühen, eine Stichflamme schießt empor, eine dreiviertel Tonne Uran heizt sich auf - der erste Störfall.

Heute weiß man, ein GAU hätte nicht entstehen können. Dazu wurde zu wenig Uran genutzt, um eine kritische Masse zu erreichen und eine Kettenreaktion mit Kernschmelze auszulösen. Es wurde niemand verletzt, auch die Feuerwehrleute wurden unbemerkt der nicht allzu gefährlichen Alphastrahlung ausgesetzt - es war eher ein chemisches als ein physikalisches Ereignis.

Mit dem Störfall war das Uranprojekt aber in Leipzig abgeschlossen. Das wertvolle Metall war nur noch Uranoxid, das Labor zerstört und kurz darauf wurde Heisenberg nach Berlin geholt. Der Vorfall geriet in Vergessenheit...

Das Gerücht um "Hitlers Wunderwaffe" rüttelte die Welt auf. Dabei war man in Deutschland weit davon entfernt.
Das Gerücht um "Hitlers Wunderwaffe" rüttelte die Welt auf. Dabei war man in Deutschland weit davon entfernt.

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