Ausstellung zeigt Kunst-Ikone als Nazi: "Da muss Nolde jetzt durch"

Berlin/Seebüll - Dieses Bild hat das Zeug, zum Symbol einer Neubewertung zu werden. Eine Nordseewelle bricht darin auf. Über der Gewalt der Wassermassen, dem Weiß der Gischt im dunkelgrünen Meer hängt eine fette Wolkenwand, von unsichtbarer Sonne in komplementäres Rot getaucht.

Eine junge Frau fotografiert in der Berliner Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus".
Eine junge Frau fotografiert in der Berliner Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus".  © DPA

Der "Brecher" von Emil Nolde hing noch vor wenigen Tagen im Kanzleramt von Angela Merkel. Nun ist das Gemälde von 1936 Teil einer Ausstellung, die auf Basis neuer Studien die tiefe Verstrickung der Expressionismus-Ikone in die Nazi-Ideologie zeigt.

"Wir haben einfach viel zu lang das Opfer Nolde gefeiert", sagt Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung in Seebüll. Ist der Status des gefeierten Malers deutscher Moderne jetzt gefährdet?

"Da muss Nolde jetzt erstmal durch", sagt Ring. "Ich gehe fest davon aus, dass nach einer gewissen Zeit wieder das Gesamtbild gesehen wird."

Nolde wurde von den Nazis als "entarteter Künstler" diffamiert. Gleichzeitig war er aber auch NS-Parteimitglied, Antisemit, Rassist und bis zum Ende überzeugter Nationalsozialist.

Dies alles steht im Zentrum der Berliner Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus" (12.4 bis 15.9.) im Hamburger Bahnhof der Berliner Nationalgalerie.

Der "Brecher" hat der ohnehin mit Spannung erwarteten Ausstellung einen zusätzlichen Aufmerksamkeitsschub gebracht. Das Gemälde hing zusammen mit Noldes "Blumengarten (Thersens Haus)" (1915) als Leihgabe bei Merkel.

Die Kanzlerin hat nicht nur den "Brecher" für die Ausstellung von der Wand nehmen lassen, sondern auch gleich den "Blumengarten" zurückgegeben. Beide Bilder will sie nicht zurück - eine Begründung gibt es nicht.

Aya Soika und Bernhard Fulda (links), Kuratoren der Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus " stehen im Museum für Gegenwart neben dem Bild "Brecher" (rechts außen).
Aya Soika und Bernhard Fulda (links), Kuratoren der Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus " stehen im Museum für Gegenwart neben dem Bild "Brecher" (rechts außen).  © DPA

Warum wollten die Kuratoren ausgerechnet dieses Bild für die Ausstellung?

"Unserer Meinung nach würde der 'Brecher' nicht im Kanzleramt gehangen haben, wenn es nicht diese Erzählung um die Werke gegeben hätte", sagt der Historiker Bernhard Fulda, der zusammen mit der Kunsthistorikerin Aya Soika das Nolde-Archiv sichtete und die Ausstellung kuratierte.

Die Ausstellungskuratoren Soika, Fulda und Ring betonen immer wieder, es gehe ihnen nicht um ein moralisches Urteil über Nolde.

Und natürlich könne und müsse er auch heute noch gezeigt werden - wenn die Arbeiten entsprechend eingebettet und präsentiert werden.

"Die Zeit ist reif, das ganze Bild zu zeigen", sagt Ring.

Dieses Bild wird einige Kilometer weiter vervollständigt: Parallel zur Nolde-Ausstellung befasst sich das Berliner Brücke-Museum mit dem Thema "Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus" (14.4.–11.8.).

Titelfoto: DPA

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