Den Beat im Blut! 91-Jähriger Jazz-Musiker spielt noch jeden Tag Schlagzeug

Paul Pflanz hat ein bewegtes Leben hinter sich.
Paul Pflanz hat ein bewegtes Leben hinter sich.  © DPA

Bad Homburg - Alte Menschen wohnen nicht in einem Studentenwohnheim. Auch der 91-jährige Paul Pflanz nicht, aber sein Zimmer könnte fast das eines Studenten sein: In den Türrahmen ist eine Klimmzugstange geklemmt, auf dem Schreibtisch steht ein Desktop-Computer in der Größe eines Vorführmodells - daneben eine Schlagzeugtrommel.

„Solange ich Musik mache, bin ich kerngesund“, sagt der Berufsschlagzeuger mit klarer Stimme und blickt Richtung Trommel. Aufhören möchte der Mann, mit den hellen blauen Augen, nicht: Trotz seines Alters jazzt er immer noch, im Bad Homburger Kurensemble und bei der Formation Powerhouse Swingtett.

Geboren wurde Pflanz 1926 in Düsseldorf. Sein Vater ist Stehgeiger, seine Mutter Balletteuse. Als Kind trommelt er mit dem Küchenlöffel herum. „Manchmal ging ein Glas kaputt, dann gab es Schläge“, erinnert er sich. Zuhause surrt Swing durch die Räume, Pflanz' Vater bringt regelmäßig Schallplatten von seinen Reisen mit. „Im Haus hing keine Hakenkreuzflagge“, sagt er, die Arme von sich streckend. Mit sechs Jahren beginnt der Schulalltag. Als andere den rechten Arm strecken, ruft er: „So hoch ist der Dreck.“ Pflanz zieht die Schultern hoch. „Danach gab es Schläge.“

Als Zehnjähriger tritt Pflanz der Jugendbewegung Edelweißpiraten bei. In Bundschuhen und weißen Socken wandert er musizierend durch die Gegend, zeltet und singt Volkslieder. In Düsseldorf beginnt er ein Musikstudium, nur ein Jahr später bricht er es ab - schuld ist der Krieg. „Die Bomben störten mich beim Spielen.“ Pflanz wird einberufen, bei der Luftwaffe lernt er funken und Fallschirmspringen. In den freien Stunden jazzt er am Schlagzeug. 1943 wird er an die Ostfront geschickt, angeschossen und interniert. Ihn rettet die Musik, mit Mitgefangenen spielt er in einem Lagerorchester. „Wir bekamen mehr Suppe und Hirsebrei. Dadurch habe ich das überstanden.“

Mit 24 Jahren und 40 Westmark in den Taschen kommt er dünn und kraftlos in Düsseldorf an. Die Kulturszene im Nachkriegsdeutschland päppelt ihn auf. Wenn Pflanz auf diese Zeit zu sprechen kommt, weiten sich seine Mundwinkel, wie ein Büttenredner trägt er dann Anekdoten vor. Er berichtet von Romy Schneider („schnitt Männern Krawatten ab“), Miami („bin wegen den Drogen weg“) und US-amerikanischen Militärclubs („eine Sängerin musste dabei sein“). In seiner langen Karriere spielt er mit Szene-Größen wie dem Coco Schuhmann Quartett, mit Fats and his Cats und mit Romano Mussolini. Er tritt in Marokko, Japan und den Vereinigten Staaten auf.

1978 zieht es ihn nach Bad Homburg, seitdem spielt er im Kurorchester der Stadt. „Ich bin Kosmopolit“, sagt Pflanz, der fünf Sprachen spricht. Er hat fünf Enkelkinder, drei Ehen scheiterten. Das Künstlerleben war Schuld: „Jeden Monat war man woanders.“ Fast jeden Tag sitzt er am Schlagzeug, nur am Montag nimmt er sich frei.

Mit Pflanz zusammen spielt seit etwa sechs Jahren Wolfgang Zöll, der Leiter der Jazzformation Powerhouse Swingtett. Pflanz‘ hohes Alter falle beim Musizieren nicht auf, berichtet der Saxophonist Zöll. „Es immer wieder erstaunlich, was der Paul Pflanz so macht“, sagt er. „Paul ist einer, der sehr präsent ist.“ Der 91-Jährige begeistere das Publikum, das sei selten bei Schlagzeugern.

Wenn Pflanz die Drumsticks mal weglegt, geht er regelmäßig schwimmen, unregelmäßig zum Arzt, übt sich im Hanteltraining, „pfeffert“ mit dem Auto über die Straße und spielt im Kasino. „Ich habe alles im Griff“, sagt Pflanz, ohne unglaubwürdig zu wirken. Ans Aufhören denkt er nicht.

Alter Schatz: Das Bild zeigt Pflanz als jungen Musikus.
Alter Schatz: Das Bild zeigt Pflanz als jungen Musikus.  © DPA

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