"Eine Stimme hat mir befohlen, meine Mutter zu töten": So lebt David mit Schizophrenie

Bannewitz - David Altermann spricht langsam und konzentriert, immer wieder rückt er die Gläser, Stifte und Tablettenschachteln auf seinem Küchentisch zurück. So lange, bis er zufrieden ist. Trotz seiner Medikation kann er die Zwänge nicht ganz ablegen. David leidet unter paranoider Schizophrenie. Seine Biografie bringt der 29-Jährige nun zu Papier.

"Mir geht es wieder gut!" - David Altermann (29) leidet an Schizophrenie. Seine Krankheit hat er aber im Griff.
"Mir geht es wieder gut!" - David Altermann (29) leidet an Schizophrenie. Seine Krankheit hat er aber im Griff.  © Petra Hornig

Mit den Zwängen hat alles begonnen. "Ich musste ständig den Herd kontrollieren, schauen, ob das Wasser ausgedreht ist, ob der Kühlschrank geschlossen ist. Zudem habe ich einen Waschzwang entwickelt."

In der Grundschule war David ein guter Schüler. "Ich war ganz normal, einer von vielen", sagt der 29-Jährige. "Ich wollte später eigentlich gerne studieren, am liebsten etwas Technisches." Später am Gymnasium wurden seine Noten schlechter. Sich zu konzentrieren fiel ihm zunehmend schwerer, der Stress wuchs ihm über den Kopf.

Bei dem damals 14-Jährigen wurden eine Zwangsstörung und Depressionen diagnostiziert. Was da aber noch keiner wusste: Die sogenannten "Minus-Symptome", wie Konzentrationsschwäche und psychomotorische Verlangsamung, waren die ersten Vorboten der Schizophrenie. "Die eigentliche Erkrankung wurde nicht erkannt und konnte sich somit chronifizieren."

Mit 20 Jahren hörte er zum ersten Mal die Stimmen. Sie gehören zu den sogenannten "Plus-Symptomen" der Schizophrenie. "Das kann man fast gar nicht erzählen, so schlimm war das", erinnert sich David.

"Zwei bis drei Wochen lang kamen sie immer wieder. Es gab zwei Arten von Stimmen: Einmal war es eine bösartige Stimme, die mir einredete, ich sei pädophil und die mir befohlen hat, meine Mutter mit einer Axt zu töten. Die andere Stimme wollte mir die Sachen wieder ausreden."

Die Stimmen haben den damals 20-Jährigen so in Schock versetzt, dass er nicht einmal mit seinem Arzt darüber reden wollte. Er fürchtete, jemand anderes könnte die furchteinflößenden Befehle hören.

"Ich hatte ständig Angst, dass mich der Verfassungsschutz abhört oder ich im Zusammenhang mit diesen Stimmen unter Beobachtung stehe."

Davids Schwester Julia (14) kümmert sich gerne um ihren großen Bruder.
Davids Schwester Julia (14) kümmert sich gerne um ihren großen Bruder.  © Petra Hornig

David beteuert immer wieder, dass er niemals imstande sei, solche bösen Dinge zu tun. Stattdessen fügte er sich den Schaden selber zu.

Die bösen Stimmen in seinem Kopf haben nicht gesiegt, seine eigenen Dämonen aber konnte er nicht bezwingen: "Um anderen nicht weh zu tun, wollte ich mir selber schaden", sagt David. "Ich würde mich lieber umbringen, als anderen etwas zu tun."

2016 war es beinahe zu spät, da hätte ihn eine Überdosis Neurocil beinahe das Leben gekostet. Das war sein schlimmster Versuch, sagt er. "Neurocil ist ein starkes Beruhigungsmittel, eine normale Dosis entspricht zwischen 25 und 100 Milligramm." David nahm an diesem Tag zehn Gramm.

Drei Minuten lang stand sein Herz still. Die Ärzte hatten kaum noch Hoffnung, aber David überlebte.

Eine, die ihm jederzeit zur Seite steht, ist seine Schwester Julia (14). "Ich helfe meinem Bruder zum Beispiel mit seinen Medikamenten. Aber manchmal ist es schwierig, wenn er einen schlechten Tag hat", sagt die Siebtklässlerin.

Zusammen mit Julia und seiner Mutter wohnt David in Bannewitz bei Dresden. Eine eigene Wohnung kommt für den 29-Jährigen vorerst nicht infrage.

Seit Ende letzten Jahres nimmt er neue Medikamente, die seine Symptome in Schach halten. "Mir geht es wieder gut." Und David hat sich auch etwas vorgenommen:

Am liebsten, so der 29-Jährige, wolle er seine Geschichte zwischen zwei Buchdeckel bringen. Gut 40 Seiten hat er schon zu Papier gebracht.

Schizophrenie - Eine Krankheit mit vielen Symptomen

Pillen schlucken gehört zu Davids Alltag.
Pillen schlucken gehört zu Davids Alltag.  © 123RF

Schizophrenie hat ein vielseitiges Erscheinungsbild. In Deutschland sind davon rund 800.000 Menschen betroffen.

"Man unterscheidet zwischen sogenannten Plus- und Minus-Symptomen", weiß Andrea Pfennig, Leiterin vom Früherkennungszentrum für psychische Störungen des Uniklinikums in Dresden.

Zu den Minus-Symptomen gehören Störung der Psychomotorik oder Antriebsmangel sowie Konzentrationsstörungen. Plus-Symptome sind Sinnestäuschungen wie Halluzinationen oder beispielsweise ein Verfolgungswahn.

"Um eine endgültige Diagnose zu stellen, müssen die Symptome über einen längeren Zeitraum auftreten", sagt Pfennig. Am häufigsten manifestiert sich eine Schizophrenie bei jungen Menschen zwischen 19 und 21 Jahren.

Die Ursachen für eine Schizophrenie sind ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren: "Gründe können unter anderem genetische Veranlagung, übermäßiger Drogenkonsum oder bestimmte Stressfaktoren sein."

Frühzeitig erkannt kann die Krankheit gut behandelt werden. "Je eher man interveniert, desto weniger nimmt das Gehirn Schaden und desto geringer sind die längerfristigen Beeinträchtigungen."

Behandelt wird Schizophrenie mit einer Kombination aus Medikation sowie Psycho- und Sozialtherapie.

Titelfoto: Petra Hornig

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