Trauern junge Menschen lieber digital?

Bergheim/ Köln – Im Trauerchat "doch-etwas-bleibt" können sich junge Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, mit Gleichaltrigen austauschen. Das Projekt für junge Menschen gilt bundesweit als einzigartig.

Können junge Leute ihre Trauer im Chatroom besser verarbeiten? (gestellter Dialog).
Können junge Leute ihre Trauer im Chatroom besser verarbeiten? (gestellter Dialog).  © DPA

Wenn Angehörige sterben, ist die Trauer groß. Insbesondere junge Menschen kann so ein Todesfall aus der Bahn werfen. Austausch tut dann gut. Aber sind Trauergruppen noch zeitgemäß?

Julia Hinke war 24, als ihr Vater starb. Sie fand es schwierig, mit Freunden und Bekannten darüber zu sprechen - denn die konnten nicht richtig nachempfinden, wie sie sich fühlte. "Das konnten am ehesten Menschen, die ebenfalls einen Angehörigen verloren hatten", sagt Hinke rückblickend.

Heute ist die 27-Jährige Ansprechpartnerin für junge Leute in ähnlicher Situation: Beim Internet-Trauerchat www.doch-etwas-bleibt.de können sich trauernde Jugendliche und junge Erwachsene austauschen.

Jeden Montag von 20 bis 22 Uhr ist der Chatroom geöffnet. Wer sich registriert, kann sich dort Gedanken, Sorgen und Gefühle wie Wut oder Verzweiflung von der Seele reden.

Alle Chatbegleiter - derzeit 13 Frauen zwischen 18 und 30 Jahren - wissen selbst, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch stirbt.

Der Trauerchat als moderne Variante der klassischen Hospizarbeit?

Romy Kohler rief das Projekt 2009 ins Leben.
Romy Kohler rief das Projekt 2009 ins Leben.  © DPA

"Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen können sie sich besser in die Situation der Chatroom-Besucher hineinversetzen", sagt Romy Kohler vom Hospizverein Bedburg-Bergheim, die das Projekt ins Leben gerufen hat.

Romy Kohlers Sohn starb mit 15 Jahren. Seine Freunde hätten sich danach oft in seinem Zimmer oder an seinem Grab getroffen. "Ich habe gemerkt, dass sie keine Anlaufstelle für ihre Trauer hatten", sagt die 60-Jährige. "Die wollten sich nicht in eine Trauergruppe setzen."

So kam sie auf die Idee, einen Chatroom zu gründen, bei dem junge Hinterbliebene sich mit Gleichaltrigen unterhalten und Tipps zur Trauerbewältigung bekommen können. "Der Chat ist anonym, da traut man sich etwas zu sagen oder zu fragen, was man sonst nicht ansprechen würde", sagt Kohler. Seit dem Start des Projekts im Jahr 2009 hätten sich rund 450 verschiedene User am Chat beteiligt.

Der Trauerchat sei eine moderne Variante der klassischen Hospizarbeit, sagt Michael Krause, der Vorsitzende des Hospizvereins Bedburg-Bergheim. Das bestätigt auch Ulrich Fink, Beauftragter für Hospiz- und Palliativseelsorge im Erzbistum Köln. Zur Trauerbewältigung gebe es zwar viele Angebote für Erwachsene und Kinder, jedoch relativ wenige für Jugendliche. "Aber der Bedarf ist da", sagt Fink.

Das Konzept von "doch-etwas-bleibt" gilt derzeit bundesweit als einzigartig. Zwar gibt es auch andere Trauerchats - jedoch richten diese sich entweder nicht explizit an junge Menschen oder sie werden von Profis betrieben.

Titelfoto: DPA


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0