Riesen Betrug am Verbraucher? Bioplastik und Papiertüten sollen völlig sinnlos sein

Wissenschaftler behaupten, es macht überhaupt keinen Sinn, wenn Plastiktüten durch Einwegpapiertüten ersetzt werden.
Wissenschaftler behaupten, es macht überhaupt keinen Sinn, wenn Plastiktüten durch Einwegpapiertüten ersetzt werden.  © Alexia Angelopoulou/dpa

Berlin/Bremen - Eine Folie hier, ein Kunststoffbeutel da. Einkaufen ohne Verpackungsmüll ist schwer. Dass Hersteller zunehmend biologisch abbaubare Verpackungen anbieten, freut viele Verbraucher. Doch sind Einwegverpackungen tatsächlich umweltfreundlich?

Beschreibungen wie ökologisch und biologisch geben Verbrauchern ein gutes Gefühl. Und immer mehr Unternehmen werben mit angeblich umweltfreundlichem Bioplastik oder kompostierbaren Behältern.

Die Firma Velibre aus Bremen etwa verkauft biologisch abbaubare Kaffeekapseln für Nespresso-Maschinen. "Herkömmliche Kaffeekapseln produzieren eine gigantische Menge Müll", sagt Velibre-Sprecher Walter Hasenclever. "Unsere Kapseln bestehen vollständig aus Rohstoffen, die sich im Erdboden oder im Kompost biologisch abbauen", heißt es auf der Homepage.

Klingt gut! Doch wer genauer liest, erfährt, dass ihr Abbau von vielen Bedingungen (Temperatur, Umgebung) abhängt. In Laboruntersuchungen bei Raumtemperatur brauchten die Kapseln acht Monaten, um sich fast vollständig zu zersetzen.

"Das ist zu lange", sagt die Biotechnologin Petra Weißhaupt vom Umweltbundesamt. "Streng genommen muss dieses Produkt in die schwarze Tonne, in den Restabfall." In industriellen Anlagen dauert die Kompostierung des Biomülls maximal zwölf Wochen.

Eine Kaffeekapsel aus Papier (re.) und eine aus biologisch abbaubaren Plastik des Bremer Herstellers Velibre. Die Kaffekapseln aus Papier sollen die weltweit ersten sei, die in Nespresso-Maschinen funktionieren.
Eine Kaffeekapsel aus Papier (re.) und eine aus biologisch abbaubaren Plastik des Bremer Herstellers Velibre. Die Kaffekapseln aus Papier sollen die weltweit ersten sei, die in Nespresso-Maschinen funktionieren.  © Carmen Jaspersen/dpa

Auch Velibre hat das inzwischen erkannt und eine Kapsel aus Papier entwickelt, die dem Unternehmen zufolge zu 100 Prozent kompostierbar ist und sich innerhalb weniger Wochen zersetzt.

Die Kapsel besteht aus Zuckerrohrfasern, die unter Zugabe von Wasser und natürlichem Bindemittel zu einem feinen Brei gemahlen und in Form gepresst werden. "Wir sind sicher, dass wir eine umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Kaffeekapseln gefunden haben", sagt Hasenclever.

Für Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sind kompostierbare Kapseln eine große Verbrauchertäuschung: "Grundsätzlich kann es nicht ökologisch sein, Kaffee grammweise zu verpacken. Die angeblich ökologischen, weil biologisch abbaubaren, Kaffeekapseln verändern nichts an der Umweltschädlichkeit. Mit Umweltschutz hat das rein gar nichts zu tun."

Ähnlich kritisch sehen Umweltbundesamt (UBA) und DUH Biokunststoffe. "Immer größer werdende Mengen von Wegwerfverpackungen sollen durch den Einsatz von Biokunststoffen legitimiert werden", kritisiert Fischer.

Wie die Experten des Umweltbundesamtes betont er, dass die Ökobilanz von Biokunststoffen bislang keineswegs besser ist als die von Plastik aus fossilem Rohöl.

Herkömmliche Kaffeekapseln produzieren eine gigantische Menge Müll.
Herkömmliche Kaffeekapseln produzieren eine gigantische Menge Müll.  © Anthony Devlin/PA Wire/dpa

Während herkömmliche Verpackungen im Gelben Sack landen und recycelt werden können, würden viele Biokunststoffe vor dem Kompostieren in einer Anlage aussortiert und letztlich verbrannt.

Auch Einwegtüten aus Papier schneiden in Ökobilanzen nicht besser ab als konventionelle Plastiktüten. Im Gegenteil! Für Papiertüten braucht man sehr sehr lange, sehr reißfeste Zellstofffasern.

"Zu deren Herstellung ist sehr viel Wasser und Energie nötig, es müssen viele Chemikalien eingesetzt werden. Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn Plastiktüten durch Einwegpapiertüten ersetzt werden", sagt Fischer.

Ziel müsse sein, grundsätzlich auf Einwegtüten zu verzichten. Doch Biokunststoffe würden von Einwegherstellern missbraucht, um Geld zu machen. "Man muss die Leute wachrütteln", setzt Fischer fort.

Nach einer Trendwende hin zu Mehrwegverpackungen sieht es derzeit allerdings nicht aus. Der globale Markt mit Bioplastik boomt. Vor allem bei Spielzeug aus Bioplastik erwarten viele Firmen Gewinne. Die Nachfrage von Eltern ist demnach groß - viele hätten falsche Erwartungen.

Die Annahme, Bioplastik-Spielzeug sei nachhaltiger und sicherer, stimmt nicht, sagt Martin Wagner, Wissenschaftler an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens in Trondheim. Chemische Zusätze seien bei Bioplastik genauso nötig wie bei herkömmlichem Plastik. Über mögliche gesundheitliche Risiken für Kinder wisse man derzeit nur wenig.

Titelfoto: Alexia Angelopoulou/dpa, David Ebener/dpa