Schmerzfrei, aber süchtig - Ärzte verschreiben bedenkliche Mittel

Die Sucht nach Schmerzmitteln ist keine versteckte Sucht. Betroffene werden mitunter arbeitsunfähig.
Die Sucht nach Schmerzmitteln ist keine versteckte Sucht. Betroffene werden mitunter arbeitsunfähig.  © Matthias Hiekel/dpa, Oliver Killig/dpa

Berlin - Obwohl Suchtgefahr besteht, sind Opioide aus der Schmerztherapie nicht mehr wegzudenken. Bestimmte Präparate werden inzwischen auch leichtfertig an schmerzgeplagte Menschen abgegeben.

So genannte Opioide, die als Schmerzmittel eingenommen werden, sind natürliche, aus Opium gewonnene oder (halb)synthetisch hergestellte Arzneimittel. Sie wirken schmerzlindernd, dämpfend und beruhigend - ähnlich wie Morphin.

Obwohl in Deutschland bekannt ist, dass Schmerzmittel süchtig machen können, werden sie in zunehmendem Maße verschrieben.

Dabei sind die Folgen fatal! Manche Betroffene können nicht mehr arbeiten, vom Freundes- und Bekanntenkreis distanzieren sich viele. Am Ende steht oft nur der Entzug.

Erst im Juni schlug die Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht der Europäischen Union (EMCDDA) Alarm: 79 Prozent aller Drogen-Todesfälle in der EU stehen in Verbindung mit Opioiden.

Nicht selten sind gepanschte Substanzen vom Schwarzmarkt im Spiel. Doch wesentlich alarmierender sind die von den Ärzten verordneten Mengen. Laut "Jahrbuch Sucht 2017" der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen stiegen diese zwischen 2006 und 2015 um ein Drittel.

Die Zahl der Abhängigen von stark wirksamen Schmerzmitteln wird in Deutschland auf derzeit 200.000 bis 300.000 Menschen geschätzt.

Menschen, die eine Schmerzmittel-Sucht haben, distanzieren sich oft von anderen.
Menschen, die eine Schmerzmittel-Sucht haben, distanzieren sich oft von anderen.  © 123rf.com/ximagination

"All diese Mittel haben ein hohes Abhängigkeits- oder zumindest Missbrauchspotenzial", erklärt Gerd Glaeske, Arzneimittelmarkt-Experte der Universität Bremen.

Die süchtig machenden Wirkstoffe heißen etwa Fentanyl und Oxycodon.

Opioide unterliegen in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz. Selbst Ärzte müssen für die Verordnung einen speziellen Rezeptvordruck nutzen.

Während die Einnahme bei Tumorpatienten als kurzzeitige Therapie unumstritten ist, sieht es bei chronischen Schmerzpatienten ganz anders aus: Wer über unklare Bauch-, Rücken- oder Kopfschmerzen klagt, bekommt die Stoffe vermehrt auch auf lange Sicht verordnet.

Kritiker bemängeln deshalb, dass Schmerzmittel oft viel zu schnell und viel zu hochdosiert als "Pflastertherapie" eingesetzt werden.

Im Laufe der Zeit entwickelt der Körper eine Toleranz für die Opiate. Bei gleichbleibender Dosis wird die Schmerzlinderung deshalb irgendwann geringer. Folglich muss der Patient dann eine größere Menge einnehmen, um einen Effekt zu spüren.

Setzt er das Medikament ab, können Entzugserscheinungen auftreten. Aus diesem Grund sollte der Entzug nur mit professioneller Hilfe gemacht werden.

Popikone Prince starb 2016 an einer Überdosis Schmerzmittel.
Popikone Prince starb 2016 an einer Überdosis Schmerzmittel.  © EPA/DIRK WAEM/BELGIUM OUT/dpa

In den USA gab es zuletzt Debatten über Opioid-Missbrauch, nachdem Popikone Prince 2016 an einer Überdosis Schmerzmittel gestorben ist.

Laut dem Fachblatt "New England Journal of Medicine" seien manche Opioide bis zu 5000 Mal so stark wie Heroin.

Auch in Berlin würden niedergelassene Ärzte viel zu "fleißig" Opiate verschreiben, weiß die Berliner Schmerztherapeutin Dr. med. Corinna Schilling.

Manchmal würden die Mittel aus Unwissenheit verschrieben. Doch oft stecke die Pharmaindustrie dahinter.

Die Praxis von Corinna Schilling hat sich "dagegen entschieden, Vertreter der Pharmaindustrie zu empfangen", sagt die Ärztin. Leider sei es nicht überall so, dass als "Schmerz-Fortbildungen" bezeichnete Werbeveranstaltungen - gelegentlich in Luxushotels durchgeführt - kritisch gesehen werden.

Schmerzpatienten sind in einer schwierigen Lage. "Es ist anspruchsvoll, diese Hilflosigkeit auszuhalten", sagt Schilling. Um die Sucht zu bekämpfen, würden die Dosen schrittweise halbiert.

Es könne aber nicht jeder Patient wieder ein Leben ganz ohne das Medikament führen.

Titelfoto: Matthias Hiekel/dpa, Oliver Killig/dpa


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