Taten immer grausamer, Opfer immer jünger: Sexueller Missbrauch von Kindern in Deutschland

Berlin - 3800 Bilder und Videos hatte der Mann von den beiden kleinen Jungen gemacht. Immer wieder hatte er den Siebenjährigen und den Zehnjährigen schwer sexuell missbraucht und die Aufnahmen dann im Darknet, einem auch von Kriminellen genutzten Teil des Internets, verbreitet.

143 Kinder wurden 2017 Opfer eines Tötungsdeliktes.
143 Kinder wurden 2017 Opfer eines Tötungsdeliktes.  © Nicolas Armer/dpa

Die Polizei konnte den Täter im März fassen, nachdem eine große öffentliche Fahndung viele Hinweise gebracht hatte. Die deutschen Ermittler sind bei Gewalttaten gegen Kinder nicht immer so erfolgreich. Viele Täter können nicht gefunden werden, ein großer Teil der Taten bleibt verborgen.

Trotz der intensiven Ermittlungen der Polizei werden in Deutschland immer noch Zehntausende Kinder misshandelt und missbraucht. Jede Woche trifft es mehr als 250 Kinder, die Opfer von sexueller Gewalt werden. Das sind mehr als 36 pro Tag, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, am Dienstag in Berlin sagte.

Die Polizei registrierte 13.539 Kinder als Opfer von Vergewaltigungen und anderer sexueller Gewalt. In 16.317 Fälle ging es um kinderpornografisches Material. 4247 Kinder wurden besonders schwer misshandelt und 143 Kinder getötet.

Kinderhilfe-Chef Rainer Becker wies darauf hin, dass neben den rund 4000 Fällen der schweren Kindesmisshandlung weitere 50.000 angezeigte Fälle von einfacher Körperverletzung dazu kämen. Jugendämter, Polizei und Justiz bräuchten aber viel mehr Leute, um dem intensiver nachzugehen.

Die meisten Delikte gegen Kinder passieren jedoch fernab der Öffentlichkeit: Häufig schlagen Eltern oder andere Verwandte die Kinder. Auch Missbrauch geschieht in Familien. Die Täter werden oft nicht angezeigt.

Holger Münch (li.), Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) und Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe e.V. stellten die Statistik vor.
Holger Münch (li.), Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) und Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe e.V. stellten die Statistik vor.  © Britta Pedersen/dpa

Münch sagte, in manchen Zuwanderergruppen gebe es eine "höhere Gewalterfahrung und andere Wertevorstellungen". Auch das könne mit Gewalt gegen Kinder enden. "Deshalb ist jeder gefragt, wachsam zu sein, nicht wegzuschauen, Hinweise ernst zu nehmen, Anzeige zu erstatten. Wer wegschaut, trägt Mitverantwortung", so Münch.

Der BKA-Chef schilderte die Probleme der Polizei mit Speicherfristen im Internet. Knapp 35.000 Hinweise auf Kinderpornografie seien im vergangenen Jahr aus den USA gekommen. In mehr als 18.000 Fällen sei die Polizei aber aus technischen Gründen nicht weitergekommen: Entweder mussten die Ermittlungen eingestellt werden, weil die Internet-Provider die IP-Adressen nicht mehr gespeichert hatten.

Oder die individuellen Adressen gehörten zu einem allgemeinen Hotspot, bei dem etwa der benutzte Laptop nicht gespeichert wurde. Ende der Ermittlungen.

Deshalb forderte Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs: "Datenschutz darf in Deutschland nicht über dem Kinderschutz stehen."

Wenn es um Missbrauch an Kindern geht, können viele Täter noch immer nicht gefasst werden. (Symbolbild)
Wenn es um Missbrauch an Kindern geht, können viele Täter noch immer nicht gefasst werden. (Symbolbild)  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Gebraucht werde eine gesetzliche Meldepflicht für Missbrauchs-Darstellungen in den Bereichen der Internetfirmen. Die IT-Industrie habe die Pflicht, gegen die Darstellung sexueller Gewalt in ihren Anwendungen vorzugehen.

Das sei umso wichtiger, weil Rörig einen Trend feststelle: "Die Missbrauchsdarstellungen werden immer grausamer. Wir haben einen enormen Anstieg. Und die Kinder werden immer jünger."

Wie eine Bestätigung dieser These wirkt eine überaus perfide und grausame Methode, die sich nach Einschätzung des BKA derzeit verbreitet. Kriminelle beobachten demnach über Live-Bilder einer Internet-Webcam, wie Kinder vergewaltigt und sexuell missbraucht werden.

Dabei geben sie dem Täter und den Kindern Anweisungen zu bestimmten Handlungen. Besonders in Südostasien, wo arme Eltern so zu Geld kommen wollten, entwickele sich dieses Modell, sagte Münch. "Das könnte eine Alternative werden zum tatsächlichen sexuellen Missbrauch durch reisende Täter."

Die Grausamkeit und Strafbarkeit entspreche aber der echten Tat.

Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa, Nicolas Armer/dpa


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