Ist Kontrolle besser? Junge Firmen setzen auf feste Arbeitszeiten

Bielefeld - Als der Europäische Gerichtshof (EuGH) jüngst die Arbeitszeiterfassung zur Pflicht erhob, ging ein Aufschrei durch die Unternehmenswelt.

Der Europäische Gerichtshof entschied, dass die Arbeitszeiterfassung wieder Pflicht ist.
Der Europäische Gerichtshof entschied, dass die Arbeitszeiterfassung wieder Pflicht ist.  © DPA

"Das Urteil ist eine Zeitreise in die Vergangenheit", urteilte der Verband der Familienunternehmer. "Wir Arbeitgeber sind gegen die generelle Wiedereinführung der Stechuhr im 21. Jahrhundert", hieß es von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall kritisierte: "Mit dem heutigen Urteil und der daraus folgenden Aufzeichnungspflicht ist beispielsweise die Vertrauensarbeitszeit praktisch tot."

Junge Firmen hingegen haben schon an der Uhr gedreht. Das Düsseldorfer Telekomunternehmen Sipgate führte schon 2007 - drei Jahre nach seiner Gründung - die Stechuhr wieder ein. Überstunden sind nicht gern gesehen in der kleinen Firma mit 170 Mitarbeitern. "Es geht nicht um Überwachung, sondern um Selbstkontrolle", erklärt eine Sprecherin.

Lasse Rheingans, Chef einer Bielefelder Digitalagentur, führte den Fünf-Stunden-Tag ein. Er habe zu viele Leute umfallen sehen "in diesem Agenturbusiness", erklärte er.

"Acht-Stunden-Tage sind in Wissensjobs doch höchstens zwei-, dreimal die Woche wirklich möglich", stellte er klar und schob hinterher: "Ich bin ein Pragmatiker - ich will nicht, dass die Leute ihre Zeit absitzen, obwohl sie nicht mehr können oder mit ihren Tageszielen schon lange fertig sind."

Lasse Rheingans (r.) führte bei seiner Agentur einen Fünf-Stunden-Tag ein.
Lasse Rheingans (r.) führte bei seiner Agentur einen Fünf-Stunden-Tag ein.

Er kürzte die Arbeitszeit auf fünf Stunden bei vollem Gehalt und vollem Urlaubsanspruch. Nun müssen Wochenziele erreicht werden. Um die Arbeit zu schaffen, versuchen die Mitarbeiter jede Ablenkung zu vermeiden. "Bei fünf Stunden hat man keinen Puffer", sagte Rheingans. "Meine Leute treffen sich jetzt nach dem Arbeitstag um 13 Uhr zum gemeinsamen Mittagessen, um aus sich heraus das Soziale nachzuholen."

Doch er gibt auch zu: "Bei manchen klappt der Fünf-Stunden-Tag besser, bei manchen schlechter." In Bereichen, in denen die Arbeit schlecht planbar ist wie der Projektarbeit, hätten seine Leute natürlich größere Probleme, mittags fertig zu sein. Die freie Zeit schaffe aber viel mehr Raum für Kreativität, ist Rheingans' Erfahrung. "Ich habe festgestellt, dass die Leute um 13 Uhr ohne eine zündende Idee gehen und dann am nächsten Tag mit der besten Idee wiederkommen."

Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sieht den Fünf-Stunden-Tag hingegen kritisch: "Da muss es ja zwangsläufig zu Arbeitsverdichtung kommen und die Arbeitnehmer nehmen ein ganz großes Paket mit nach Hause - wie kann ich meine Arbeit so organisieren und optimieren, dass ich das in den fünf Stunden schaffe?", sagt er. "Die können dann schlechter abschalten und sich erholen."

Dabei zeigen Studien durchaus einen positiven Einfluss von Vertrauensarbeitszeit. Wer Einfluss auf Arbeitszeit und -ort nehmen kann, ist allgemein zufriedener mit seiner Arbeit, schreibt Yvonne Lott von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einem Aufsatz.

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