Klinik-Personal in Angst: Immer mehr brutale Attacken von Angehörigen

Bielefeld/Herford - In letzter Zeit häufen sich die Angriffe auf Ärzte und Pflegepersonal in Krankenhäusern. Erst am 4. März wurden eine Klinik-Ärztin und eine Pflegerin von einem Patienten brutal in einem Herforder Krankenhaus attackiert (TAG24 berichtete). Beide erlitten schwere Verletzungen.

Laut Georg Rüter, Geschäftsführer vom Franziskus-Hospital, sind brutale Attacken auf Krankenhaus-Mitarbeiter keine Seltenheit mehr.
Laut Georg Rüter, Geschäftsführer vom Franziskus-Hospital, sind brutale Attacken auf Krankenhaus-Mitarbeiter keine Seltenheit mehr.  © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Einige Wochen zuvor sollen Angehörige Klinik-Personal im Franziskus-Hospital in Bielefeld angegriffen haben, weil ein 83-Jähriger dort verstarb, obwohl er nach Hause wollte (TAG24 berichtete).

"Der Patient lag auf Leben und Tod auf der Intensivstation. Der hätte es nicht bis nach Hause geschafft. Aus einem ärztlichen Notstand heraus haben die Mitarbeiter versucht, ihn zurückzuhalten und ihm eine Beruhigungsspritze zu geben. Er erlitt einen Herzstillstand, und es wurde versucht, ihn wiederzubeleben", sagte damals Dr. Georg Rüter, der Geschäftsführer des Krankenhauses.

Nach dem Tod des Mannes wurde das Personal von den Angehörigen bedroht. Auf einen der Mitarbeiter soll sogar brutal eingeschlagen worden sein. Daraufhin wurde die Polizei alarmiert. "Unser Pfleger ist sehr robust und erfahren. Wenn der die Polizei ruft, dann war es sehr brenzlig", erklärt Rüter gegenüber der Neuen Westfälischen.

Inzwischen seien die Ärzte und Pfleger solche Angriffe gewohnt. Auf eine Anzeige wolle das Krankenhaus aber verzichten. Laut Rüter soll die Hemmschwelle bei Angehörigen und Patienten immer weiter sinken. "Körperliche Übergriffe und Raufereien nehmen zu."

Nicht nur Betrunkene oder Drogenabhängige greifen das Personal mittlerweile an. "Bürger mit Migrationshintergrund" seien besonders aggressiv. "Die spielen oft die Karte der Ausländerfeindlichkeit. Das weise ich aber sofort zurück. Wir sind ein Haus voller Nationalitäten."

Oft beschweren sich Angehörige und Patienten, wenn es in der Notaufnahme nicht schnell genug geht. Manche werden sogar übergriffig.
Oft beschweren sich Angehörige und Patienten, wenn es in der Notaufnahme nicht schnell genug geht. Manche werden sogar übergriffig.  © Oliver Krato

Angehörige seien meistens sogar schlimmer als die Patienten, weiß auch Hans-Werner Kottkamp, der als Chefarzt der Zentralen Notaufnahme in der Evangelischen Klinik Bethel (EvKB) arbeitet.

Vor kurzem sei eine Kollegin in Gilead I verletzt worden. Er selbst wurde ebenfalls schon attackiert. Einmal habe ihn beispielsweise der Ehemann einer Patientin gewürgt, weil ihm die Behandlung nicht schnell genug ging.

Natürlich könne Kottkamp nachvollziehen, dass sowohl Patienten als auch Angehörige unter Stress stehen, wenn sie in die Notaufnahme kämen. "Zumal viele Abläufe im Hintergrund geschehen und für die Wartenden nicht zu erkennen sind."

Allerdings kritisiert er das hohe Anspruchsdenken von vielen. Vor allem in der Notaufnahme gehe es um Dringlichkeit und nicht darum, wer zuerst gekommen ist.

Die brutalen Attacken hinterlassen Spuren und verbreiten Angst. Gerade erst wechselte ein Pfleger die Station: "Auch wegen der Übergriffe im Nachtdienst", erklärt der 27-Jährige, der anonym bleiben möchte. "Wir werden bespuckt, man droht uns Schläge an. Ein Junkie hat uns mit einem Skalpell bedroht."

Das EvKB ist mittlerweile dazu übergegangen, jede Gewalttat zu dokumentieren. "Wir denken auch über Notfallknöpfe und Selbstverteidigungskurse nach", so Kottkamp zu den Plänen, wie das Personal künftig besser geschützt werden kann.

Titelfoto: Oliver Krato