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Biker aufgepasst: So wird das Fahren sicherer

Leipzig - Selbstüberschätzung und mangelnde Fahrtechnik sind die häufigsten Gründe für Motorradunfälle. Auch deshalb starben im letzten Jahr 1.810 Menschen bei Motorradunfällen in Sachsen.
Fahrsicherheits-Trainer Hartmut Hilbig (m., 62) mit seinen Schülern im ADAC Fahrsicherheitszentrum Leipzig-Halle.
Fahrsicherheits-Trainer Hartmut Hilbig (m., 62) mit seinen Schülern im ADAC Fahrsicherheitszentrum Leipzig-Halle.

Von Alexander Bischoff

Leipzig - Auf Sachsens Straßen röhrt und knattert es wieder. Die Motorradsaison hat begonnen. Wie junge Stiere, die im Winter im Stall ausharren mussten, genießen die Biker die wieder gewonnene Freiheit. Manchmal zu wild!

Denn gerade der Saisonstart ist gefährlich. Weil der Verkehr von den schnellen Zweirädern noch entwöhnt ist. Weil die Biker erst das Gefühl für Maschine und Geschwindigkeit wiedererlangen müssen. Schon in den ersten Aprilwochen ließen auf sächsischen Straßen fünf Biker ihr Leben!

Was geht zu Saisonbeginn besonders oft schief, welche Fahrfehler führen zu Unfällen, was sollten Autofahrer jetzt beachten und wie hilft man verunglückten Bikern - die Morgenpost traf sich mit Experten, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen.

Die wohl wichtigste Fähigkeit beim Motorradfahren: ordentliches Bremsen.
Die wohl wichtigste Fähigkeit beim Motorradfahren: ordentliches Bremsen.

Im letzten Jahr verunglückten in Sachsen 1810 Menschen bei Motorradunfällen. Rund 1780 Biker wurden verletzt, 36 starben.

Selbstüberschätzung und mangelnde Fahrtechnik - das sind nach Erfahrung von Hartmut Hilbig (62), Verkehrspädagoge und Motorradtrainer am ADAC-Fahrsicherheitszentrum Leipzig, die Hauptgründe für Stürze und selbst verschuldete Unfälle auf zwei Rädern.

„Zu Saisonbeginn steigen viele Motorradfahrer so selbstverständlich auf ihr Zweirad, wie sie im Herbst abgestiegen sind, und reißen einfach nur den Gashahn auf“, beobachtet der Experte alle Jahre wieder. Dabei müssten die Biker nach so langer Pause wieder neu lernen.

Hilbig: „Die Bewegungen auf dem Motorrad, die Fahrphysik - dafür muss man erst wieder ein Gefühl bekommen.“ Bei Selbstüberschätzung geht es fast immer um Geschwindigkeit.

Hilbig rät: „Am besten mal auf einen großen Parkplatz fahren und ein paar Elemente üben - Bremsen, Ausweichen, Kurvenfahren“
Hilbig rät: „Am besten mal auf einen großen Parkplatz fahren und ein paar Elemente üben - Bremsen, Ausweichen, Kurvenfahren“

Hilbig: „Viele sind einfach zu schnell unterwegs, dabei sollte man gerade den Saisonstart eher zögerlich und defensiv beginnen, sich erst wieder an das Kraftpaket unterm Hintern gewöhnen.“

Auch die Fahrtechnik sollte zu Saisonbeginn „entstaubt“ werden. „Am besten mal auf einen großen Parkplatz fahren und ein paar Elemente üben - Bremsen, Ausweichen, Kurvenfahren“, rät der Experte, der seit 27 Jahren Motorradfahrer schult.

In seinen Fahrsicherheitszentren bietet der ADAC zudem fast wöchentlich Motorradtrainings (mit eigener Maschine) und Wiedereinsteiger-Kurse (in Kooperation mit BMW) an.

Apropos Selbstüberschätzung: Am auffälligsten sind laut Unfallstatistik nicht die jungen Biker, sondern die Generation „40 Plus“.

„Das sind oft Wiedereinsteiger, die sich nach Familiengründung, Hausbau und Karriere nun wieder dem alten Hobby zuwenden, meist stark motorisierte Maschinen kaufen und nach jahrelanger Pause glauben, sie könnten ohne Fahrtraining einfach loslegen“, erzählt Hilbig.

Königsdisziplin Kurvenfahren

Die richtige Kurventechnik: Körper und Maschine liegen in Schräglage, der Kopf bleibt aufrecht.
Die richtige Kurventechnik: Körper und Maschine liegen in Schräglage, der Kopf bleibt aufrecht.

Es ist die Königsdisziplin auf zwei Rädern: Kurvenhatz! Wer es kann, für den ist Fahren in Schräglage höchster Genuss. Doch vielen Bikern steht da der Angstschweiß auf der Stirn, weil Kurventechnik zu den anspruchsvollsten Fahrmanövern zählt.

Blick: Der Kopf lenkt! Wo ich hinschaue, da fahre ich auch hin. Schaue ich ängstlich auf die Leitplanke, krache ich dagegen. Fixiert mein Blick den Gegenverkehr, lande ich dort. „Bei der Kurvenfahrt schaut man am besten über den Scheitelpunkt bis zum Ausgang der Kurve“, erklärt Motorradtrainer Hartmut Hilbig.

Fahrlinie: Eine Kurve sollte immer hinterschnitten, das heißt von weit außen angefahren werden - Linkskurven also vom rechten Fahrbahnrand, Rechtskurven von der Mittellinie aus. Das schafft guten Einblick in die Kurve und sorgt dafür, dass nach Passieren des Scheitels im Kurveninneren noch ausreichend Platz zum Herausbeschleunigen ist.

Nicht die Gewichtsverlagerung auf dem Bike sondern der Lenkimpuls bringt eine Maschine in Schräglage.
Nicht die Gewichtsverlagerung auf dem Bike sondern der Lenkimpuls bringt eine Maschine in Schräglage.

Bremsen [&] Beschleunigen: „Prinzipiell bremst man vor und nicht in der Kurve ab“, mahnt Experte Hilbig. Bis zum Scheitelpunkt durchgleitet man die Kurve nur mit Stützgas. Erst nach dem Scheitel wird aus der Kurve heraus beschleunigt.

Körperhaltung: Anders als im Rennsport, wo Kurven hängend gefahren werden, sollte man sich im Straßenverkehr in eine Kurve nur hinein „legen“. Das heißt: Maschine und Körper gehen in einer Linie in Schräglage, lediglich der Kopf bleibt aufrecht. Hilbig: „Die Füße stehen mit den Ballen auf den Rasten, Becken und Oberkörper sind leicht zur Kurve geneigt - und dabei schön locker bleiben.“

Schräglage: Nicht die Gewichtsverlagerung auf dem Bike sondern der Lenkimpuls bringt eine Maschine in Schräglage. Motorradtrainer Hilbig: „Bei einer Rechtskurve gebe ich den Lenkimpuls, indem ich das rechte Lenkerende nach vorn drücke, bei einer Linkskurve, in dem ich das linke Lenkerende nach vorn drücke.“

Je stärker der Lenkimpuls ist, desto radikaler wird die Schräglage. Wie viel Schräglage möglich bzw. sinnvoll ist, hängt von Geschwindigkeit und Reifenbreite ab. Vorsicht bei Linkskurven: Der Oberkörper darf bei Schräglage nicht in die Gegenspur ragen - Kollisionsgefahr!

Oft sind Autofahrer an Unfällen schuld

Einfach "übersehen": Auch der Fahrer dieses Wagens achtete an einer Kreuzung an der B 169 nicht auf den vorfahrtsberechtigten Biker.
Einfach "übersehen": Auch der Fahrer dieses Wagens achtete an einer Kreuzung an der B 169 nicht auf den vorfahrtsberechtigten Biker.

Laut Bundesstatistik werden rund zwei Drittel der Kollisionen zwischen Motorrädern und Autos von Pkw-Fahrern verursacht. Verkehrspädagoge Hartmut Hilbig nennt die Hauptursachen.

  • Das späte Erkennen des Motorrades mit seiner schmalen Silhouette. „Trotz eingeschalteten Lichts werden Biker gerade zu Saisonbeginn oft ‚übersehen’ - die Autofahrer müssen sich erst wieder an Biker im Straßenverkehr gewöhnen“, so Hilbig. Der ADAC-Experte empfiehlt deshalb, im Verkehr jetzt gezielt Ausschau nach Motorrädern zu halten.
  • Fehleinschätzung der Geschwindigkeit. Hilbig: „Autofahrer haben oft überhaupt keine Vorstellung, wie schnell ein Motorrad beschleunigt - das führt vor allem an Kreuzungen und beim Linksabbiegen zu gefährlichen Situationen“.
  • Beim Überholen zu kurz oder gar nicht in den Rückspiegel blicken. Vorm Überholen in den Rückspiegel zu blicken, gehört zum Einmaleins im Straßenverkehr. „Doch ein zu kurzer Blick nach hinten kann einen bereits überholenden Motorradfahrer das Leben kosten“, warnt Hilbig. Denn er wird vom „toten Winkel“ schneller verschluckt als ein Auto. „Vergewissern Sie sich am besten mehrfach im Rückspiegel, dass niemand angeprescht kommt“, empfiehlt der Experte.

So hilft man einem verglückten Biker

Halswirbelsäule stabilisieren: Rettungsassistent Frank Lettau (47, l.) und sein Kollege Volkmar Bieselin (57) zeigen, wie man einem verletzten Biker den Helm abnimmt.
Halswirbelsäule stabilisieren: Rettungsassistent Frank Lettau (47, l.) und sein Kollege Volkmar Bieselin (57) zeigen, wie man einem verletzten Biker den Helm abnimmt.

Das kann jeden treffen: Wer als Ersthelfer zu einem Motorradunfall kommt, sieht sich sofort mit der Frage konfrontiert: Darf ich dem Verletzten den Helm abnehmen oder nicht?

„Klares Ja - wenn er bewusstlos ist, muss der Helm sofort runter, aber vorsichtig“, sagt DRK-Rettungsassistent Lutz Lettau (47). Nur so könne gewährleistet werden, dass der Biker frei atmen kann und nicht erstickt - beispielsweise an Erbrochenem.

Und wie bekomme ich den Helm runter? Lettau: „Am besten eine zweite Person zu Hilfe rufen. Ein Helfer stabilisiert mit beiden Händen die bei Motorradunfällen oft verletzte Halswirbelsäule und hält den Kopf unter leichtem Zug. Der andere öffnet den Helmverschluss, presst den Helm dann an der unteren Öffnung mit beiden Händen auseinander und streift ihn so vorsichtig vom Kopf des Verletzten.“

Wichtig: Sollte der Biker eine Brille tragen, dann vorher abnehmen. Sollte sich das Helmschloss nicht öffnen lassen, dann das Gurtband aufschneiden.

Bei fühlbarem Puls und Atmung den Verletzten in die stabile Seitenlage bringen. Ist kein Puls mehr fühlbar, dann sofort mit der Wiederbelebung beginnen! „Ganz wichtig ist, dass bei allen Maßnahmen der Kopf bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes unter Zug bleibt und nicht nach hinten kippen kann“, erklärt Rettungsassistent Lettau.

Fotos: Ralf Seegers, Harry Härtel

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