Sachsen braucht mehr Lehrer, und die Grünen haben einen Plan

Die hochschulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im sächsischen Landtag, Claudia Maicher (39).
Die hochschulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im sächsischen Landtag, Claudia Maicher (39).  © Norbert Neumann

Dresden – Aktuell sind Sommerferien in Sachsen. Doch hinter den Kulissen laufen bereits die Vorbereitungen fürs neue Schuljahr. Um die etwa 1400 freien Stellen besetzen zu können - davon 967 an Grund- und Oberschulen -, behilft sich das Kultusministerium mit Übergangslösungen.

So sollen erst einmal Gymnasiallehrer für drei Jahre an Grund- und Oberschulen unterrichten. Keine Dauerlösung, weiß Claudia Maicher (39), die für das Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag sitzt. Die hochschulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion fordert, dass ein Lehrerbildungsgesetz endlich Gleichheit im Schulsystem schafft.

TAG24: Frau Maicher, der Sächsische Lehrerverband hat alarmierende Zahlen veröffentlicht. Demnach besitzen nur etwa 30 Prozent der Bewerber fürs kommende Schuljahr im Bereich Grund- und Oberschule eine grundständige Ausbildung. Der Rest sind Seiteneinsteiger. Fürs Gymnasium hingegen gibt‘s fast sechsmal so viele qualifizierte Bewerber wie Stellen. Spiegelt das unser Lehrer-Problem in Sachsen wieder?

Claudia Maicher: Das ist das Problem, das wir tatsächlich haben. Bisher lief falsch, dass die Lehrämter in Sachsen unter- schiedliche Wertigkeiten haben. Das heißt, es gibt unterschiedliche Ausbildungslängen und unterschiedliche Entlohnungen. Wir wollen das ändern und die Attraktivität aller Lehrämter stärken.

Im Interview erklärt die hochschulpolitische Sprecherin, warum Sachsen die Lehrerausbildung gesetzlich regeln sollte .
Im Interview erklärt die hochschulpolitische Sprecherin, warum Sachsen die Lehrerausbildung gesetzlich regeln sollte .  © Norbert Neumann

TAG24: Die Grünen haben ein Lehrerbildungsgesetz entworfen. Was würde sich dadurch ändern?

Claudia Maicher: Wir wollen die Lehrer nicht mehr nach Schularten ausbilden, sondern nach Schulstufen. Für den Start von Schülern in den Schulalltag braucht es eine be- sondere Ausbildung, das soll in der Grundstufe erfolgen. Für die Sekundarstufe wollen wir Lehrer ausbilden, die sowohl an Gymnasien unterrichten können als auch an Oberschulen. Da gibt es keinen Unterschied mehr.

TAG24: Also ein Lehrer, der an allen Schulen unterrichten könnte...

Claudia Maicher: Nach Schulalter der Kinder, genau. Das führt auch dazu, dass es nicht mehr wie heute attraktiver ist, Gymnasiallehramt zu studieren, sondern für die Sekundarstufe ausgebildet zu sein und dann auch die Möglichkeit zu haben, an verschiedenen Schularten zu unterrichten und zu wechseln. Denn bisher ist man auf eine Schulart festgelegt. Grundschulen, berufliche Schulen und Förderschulen sollen aber ein eigenes Lehramt behalten.

TAG24: Das Staatsexamen würde aber endgültig verschwinden?

Claudia Maicher: Ja. In den letzten Jahren wurde mehrfach von Seiten der Staats- regierung ohne gesetzliche Grundlage das Studium hin und her geändert. Wir wollen uns an der großen Mehrheit der Bundesländer orientieren, die eine Bachelor- und Masterausbildung haben, natürlich am Ende mit einer Staatsprüfung. Wir sehen darin vor allem den Vorteil der stärkeren Mobilität und Vergleichbarkeit mit den anderen Bundesländern. Wir wissen aber, dass wir dazu längere Übergangsphasen brauchen.


		
	
	
		
			
				
					
						Zu viele sächsische Lehramts-Studenten entscheiden sich fürs Gymnasium, obwohl sie an Grund- und Oberschulen gebraucht würden.
Zu viele sächsische Lehramts-Studenten entscheiden sich fürs Gymnasium, obwohl sie an Grund- und Oberschulen gebraucht würden.  © DPA

TAG24: Auch mehr Praxiszeiten soll es dem Gesetz nach geben.

Claudia Maicher: Was wir von Studierenden immer wieder hören: Sie wollen ihren Beruf gut umsetzen, aber werden im Studium zu wenig praktisch darauf vorbereitet. Deswegen schlagen wir vor, dass es bereits im Bachelor Praktikumsphasen gibt, aber vor allen Dingen auch im Master ein ein- semestriges Praktikum an den Schulen. Und nicht erst im Vorbereitungsdienst nach dem theoretischen Studium.

TAG24: Das Referendariat bleibt?

Claudia Maicher: Die Praktikumsphasen sollen natürlich nicht den Vorbereitungsdienst ersetzen, aber sie sollen frühzeitiger einen Einblick in den Beruf geben.

TAG24: Kann das Gesetz gegen den Lehrermangel angehen?

Claudia Maicher: Das Gesetz regelt in erster Li- nie die Qualität der Ausbildung. Wenn wir das Gesetz aber bereits vor sieben Jahren gehabt hätten, wie von uns gefordert, hätten wir heute schon weniger das Problem, dass zu viele sich für das Gymnasiallehramt entscheiden und zu wenige für die Oberschule. Wir hätten heute schon eine gleiche Attraktivität aller Lehräm- ter.

Vor allem an Grundschulen gibt es zu weniger Lehrer.
Vor allem an Grundschulen gibt es zu weniger Lehrer.  © DPA

TAG24: Ohne Seiteneinsteiger scheint es also nicht zu gehen.

Claudia Maicher: Wir sind auf sie angewiesen. Deshalb wollen wir im Gesetz regeln, dass es extra für Seiten- einsteiger Studiengänge gibt, die sowohl bildungswissenschaft- lich sein können, also für diejeni- gen, die eine hohe Fachkompe- tenz haben, aber noch keine päd- agogischen Inhalte kennen. Aber es soll auch fachwissenschaftliche Aufbaustudiengänge geben.

TAG24: Was denken Sie, welche Chancen hat der Gesetzesentwurf?

Claudia Maicher: Am 11. September findet die öffentliche Anhörung im Landtag statt. Aber ich glaube nicht, dass es in dieser Legislatur ein be- schlossenes Lehrerbildungs- gesetz geben wird, weil die Regierungskoalition sich nicht dazu durchringen kann.


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