Sehbehinderter Fahrgast klagt an: "Die LVB zocken Blinde ab!"

Leipzig - Als wir Jürgen T. (43) vor der Zentrale der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) am Georgiring treffen, ist er immer noch aufgebracht. Seit Wochen schlägt er sich mit Mahnungen des Unternehmens herum. Angefangen hatte alles mit einer unauffindbaren Wertmarke in seinem Behindertenausweis.

Um diese Zahlungsaufforderung geht es: Jürgen T. (43) sollte bereits kurz nach der Straßenbahnfahrt 22 statt der ursprünglich angesetzten sieben Euro zahlen.
Um diese Zahlungsaufforderung geht es: Jürgen T. (43) sollte bereits kurz nach der Straßenbahnfahrt 22 statt der ursprünglich angesetzten sieben Euro zahlen.  © Saskia Weck

Am 18. Mai wollte der stark sehbehinderte Leipziger mit der Straßenbahn von West-Schönefeld nach Sellerhausen fahren, um einen Freund zu besuchen. Die Route ist für Jürgen (Behinderungsgrad 100 Prozent) ungewohnt, er stieg in die falsche Tram und landete in der Linie 7, die in Richtung Innenstadt fährt.

Zu allem Überfluss wurde der blinde Mann um 12.54 Uhr auch noch von einer Ticketkontrolleurin aufgefordert, sein Ticket beziehungsweise seinen Schwerbehindertenausweis samt Wertmarke vorzuzeigen. Diese Marke ermöglicht es Schwerbehinderten, die öffentlichen Verkehrsmittel kostenfrei zu nutzen. "Ich hatte alles in meinem Rucksack und konnte die Marke auf die Schnelle nicht finden", erzählt Jürgen T. im Gespräch mit TAG24.

Die Kontrolleurin schrieb den "Schwarzfahrer" auf. Jürgens Anmerkung, dass er nach Vorlage seiner Wertmarke vor einigen Jahren im Servicecenter im LVB-System gespeichert sei, habe ihm die LVB-Mitarbeiterin nicht geglaubt, beschwert sich der 43-Jährige.

Um den Sachverhalt aus der Welt zu räumen, ging Jürgen direkt zum Servicecenter in den Hauptbahnhof und erklärte dort, was geschehen war. "Da sagte man mir, ich sei nicht mehr gespeichert, da sich die Datenschutzbestimmungen geändert haben. Ich müsste die sieben Euro trotzdem zahlen. Kulanz? Leider Fehlanzeige!", ärgert er sich.

Seinen Schwerbehindertenausweis samt Wertmarke hat Jürgen immer dabei. Doch in der Aufregung bei der Fahrscheinkontrolle konnte der blinde Mann die Marke einfach nicht in seinem Rucksack finden.
Seinen Schwerbehindertenausweis samt Wertmarke hat Jürgen immer dabei. Doch in der Aufregung bei der Fahrscheinkontrolle konnte der blinde Mann die Marke einfach nicht in seinem Rucksack finden.  © Saskia Weck

Jürgen sah es nicht ein für etwas zu zahlen, das ihm seiner Meinung nach kostenfrei zusteht. Und so flatterten bereits mehrere Mahnungen in sein Haus. Aus dem ursprünglichen Betrag von sieben Euro wurden so erst 14,50 Euro und schließlich 22 Euro. "Vorgerichtliche Kosten" inklusive.

Jürgens Plan: Er möchte persönlich bei den Verkehrsbetrieben vorsprechen, um "Kulanz und Verständnis zu ernten". "Falls das nicht funktioniert, begleiche ich die sieben Euro, allerdings nicht die Mahngebühren."

TAG24 begleitete den Uni-Absolventen.

Die zuständige LVB-Mitarbeiterin reagierte äußerst verständnisvoll auf die Situation von Jürgen T. Sie nahm sich des Falles an und sagte ihm zu, sich darum kümmern zu wollen, dass ihm jegliche Strafe erspart bleibe.

Doch wozu die ganze Aufruhr, wenn schwerbehinderte Fahrgäste sowieso kostenfrei mitfahren dürfen? Ist es dann überhaupt zulässig, sie beim "Schwarzfahren" mit einer Geldstrafe zu belangen? TAG24 hat bei LVB-Konzernsprecher Marc Backhaus nachgehakt.

Diese Marke wird Jürgen T. von nun an immer in greifbarer Nähe haben.
Diese Marke wird Jürgen T. von nun an immer in greifbarer Nähe haben.  © Saskia Weck

"Mobilitätseingeschränkte Menschen, die auf Grund einer schwerwiegenden Behinderung beeinträchtigt sind, werden im öffentlichen Personennahverkehr kostenlos befördert. Voraussetzung dafür ist, dass sich der mobilitätseingeschränkte Mensch im Besitz eines Schwerbehindertenausweises und einer maximal für ein Jahr gültigen Wertmarke für die Nutzung des ÖPNV befindet", antwortet Backhaus.

Als Fahrtberechtigung sei der Behindertenausweis nur in Verbindung mit der Wertmarke gültig. "Darüber hinaus erfassen die Verkehrsbetriebe keinerlei Informationen von SGB-Berechtigten."

Der LVB-Kontrolleurin sei nichts vorzuwerfen, sie habe Jürgen T. bei der Kontrolle bereits eine Aufforderung zur Zahlung ausgehändigt. Das schließt der blinde Leipziger nicht aus, jedoch kann er sich nicht an solch ein Schriftstück erinnern. So vermutete er, dass der Betrieb ohne Vorankündigung Mahnungen samt Gebühren verschickt.

Diesen Vorwurf kann LVB-Sprecher Marc Backhaus entkräftigen: "Im geschilderten Fall konnte der Kunde bei einer Kontrolle seine Fahrtberechtigung nicht nachweisen und wurde deswegen darum gebeten, die Berechtigung nachträglich nachzuweisen. In solchen Fällen verzichten die Verkehrsbetriebe auf das volle erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro, sondern berechnet nur die Bearbeitungsgebühr von sieben Euro. Die Aufforderung zur Zahlung erhielt der Kunde bei der Kontrolle selbst. Da dieser Zahlungsaufforderung nicht nachgekommen wurde, erhielt der Kunde zwei weitere Aufforderungen mit je einer Gebühr von 7,50 Euro."

Jürgen T. stieß auf die erhoffte Kulanz, die Fahrt am 18. Mai wird für ihn ohne Folgen sein. Trotzdem ärgert sich der blinde Mann aus Leipzig über das Vorgehen der Verkehrsbetriebe. Eines steht fest: Seine Marke wird er jetzt immer in greifbarer Nähe bei sich tragen.