Bob Dylan in Berlin: Der Liedermacher der Liedermacher schweigt, schnulzt, begeistert

Berlin - Mit Songtexten, die auch als Gedichte funktionieren, gelang es Bob Dylan, seit den 1960er Jahren ganze Generationen zu prägen – und wieder zu spalten. Nach drei Jahren war der Troubadour wieder in der Hauptstadt. Ein Konzertbericht.

Konzertbesucher der Benz-Arena beobachten das Treiben und Gewusel vor der Halle.
Konzertbesucher der Benz-Arena beobachten das Treiben und Gewusel vor der Halle.

Kurz nach 20 Uhr betritt Bob Dylan die warm ausgeleuchtete Bühne in der fast ausverkauften Mercedes-Benz-Arena in Friedrichshain-Kreuzberg. Der Notizblock liegt stiftbereit auf dem Knie. Die Speisung der rund 10.000 Anhänger in der bestuhlten Halle kann beginnen.

Stehplätze? Fehlanzeige! Der Maestro hat sich in Schale geworfen, trägt erneut schwarze Hose zu weißem Blazer, begibt sich an das Klavier. Wer an diesem Abend den Literaturnobelpreisträger an der Gitarre erwartet hat, war länger nicht auf einem seiner Konzerte. Später sollte noch ein Dylan-Imitator nähe Warschauer Straße frenetischen Applaus ernten, wie er an diesem Abend verhalten, bei den Hits wie "Like a Rolling Stone" aber mit Wumms, daherkommt.

Die Band des Abends: Zu seinen Mitstreitern gehören nach dem Aus von Gitarrist Stu Kimball nur noch Charlie Sexton an der Gitarre, Multi-Instrumentalist Donnie Herron (Pedal-Steel- und Lapsteel-Gitarre, Banjo und Geige) und dem Schlagzeuger George Recile, der Bob Dylan seit 30 Jahren die Stange hält.

Die Reihen lichten sich: Das Publikum nach dem Dylan-Konzert.
Die Reihen lichten sich: Das Publikum nach dem Dylan-Konzert.

Und Dylan? Lange Zeit waren seine Konzerte unvorhersehbarer als ein Sechser im Lotto. Dylanologen vereinten sich im Netz als Tippgemeinschaften. Sieger war, wer die Setlist des Abends richtig geraten hatte. Doch die Zeiten haben sich geändert. "Things have changed", wie der 77-Jährige auch an diesem Abend singt. Die Setlist bleibt mittlerweile Abend für Abend nahezu unverändert. Immerhin wurden die von vielen wenig geliebten Sinatra-Cover-Songs gänzlich ins Nirwana geschickt.

Geschwiegen hat der Meister beharrlich wie eh und je. Sturer als Neil Young. Minimalistischer als Marie Kondo. "It ain't me, babe", raunt der alte Haudegen, ich bin es nicht, den ihr sucht. Gesucht hat in erster Linie die Security in der überdimensionierten Mehrzweckhalle bei der Eingangskontrolle. Gefühle eines US-amerikanischen Flughafens kamen auf.

Während des Konzertes macht das Wachpersonal mit Taschenlampen Jagd auf Handy-Filmer – mit Erfolg. "Acht haben wir schon", tönt ein Sicherheitsmann zum anderen auf dem Flur.

Doch zurück zum Soundpoeten und die Niederkunft des Werkes in der Hauptstadt. Der Klangteppich ist eingängig: Da stampft der Blues, da rollt der Gitarrendonner über die Bühne ("Highway 61 Revisited"), da spricht ein Diener Gottes ("Gotta Serve Somebody") zu schwirrenden Klängen, da wird es zärtlich und bitter-süß ("Simple Twist of Fate"). Dylan, weiter enigmatisch, unnahbar stehend hinter seinem Piano, glänzt bei "Don't Think Twice, It's Alright", das zunächst – wie so viele Songs – nicht zu erkennen in einer ausgesparten Version daherkommt. Dann der Einsatz von Mundharmonika. Tosender Applaus.

Ausgelassener sollte es nur bei der Zugabe werden, als Bob Dylan den Epitaph des Œuvres ("Blowin' in the Wind") schnurrend zu Geigenklängen zum Besten gibt. Da hat der Bobpapst sie wieder, schunkelnd, klatschend, wenn auch auf 1 und 3. Doch His Bobness klaviert sie wieder auf Spur, bevor er sie nach "It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry" dem Trubel der nächtlichen Hauptstadt und den Bootleg-Verkäufern überlässt.

Viele fragen sich: "Sprang der Funken über?" Bei Dylan-Konzerten geht es um das Auf-sich-einlassen, Erwartungen nicht wie eine Monstranz vor sich herzutragen. Der Guru selbst ist müde von dieser Erwartungshaltung und begegnet ihr seither trotzend. Nun croont und schnulzt er sie weg, mit Herzschlag, und es könnte schöner nicht sein. Bob, ich komme wieder.

Die Lieder des Abends

  • Things Have Changed
  • It Ain't Me, Babe
  • Highway 61 Revisited
  • Simple Twist of Fate
  • Cry a While
  • When I Paint My Masterpiece
  • Honest With Me
  • Tryin' to Get to Heaven
  • Scarlet Town
  • Make You Feel My Love
  • Pay in Blood
  • Like a Rolling Stone
  • Early Roman Kings
  • Don't Think Twice, It's All Right
  • Love Sick
  • Thunder on the Mountain
  • Soon After Midnight
  • Gotta Serve Somebody

Zugabe

  • Blowin' in the Wind
  • It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry

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