74 Jahre nach Kriegsende! Tonnenweise Kriegsmunition modern noch vor sich hin

Rostock/Schwerin - Die Entschärfung der 250-Kilogramm-Weltkriegsbombe am vergangenen Mittwoch in Rostock (TAG24 berichtete) hat den Blick auf die Arbeit des Munitionsbergungsdienstes gelenkt.

Zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg werden am in der Ostsee gezielt gesprengt. Auf dem Meeresboden lagern hier außerdem schätzungsweise noch 300.000 Tonnen konventionelle Munition.
Zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg werden am in der Ostsee gezielt gesprengt. Auf dem Meeresboden lagern hier außerdem schätzungsweise noch 300.000 Tonnen konventionelle Munition.

Die Statistik zeigt zwar deutlich, dass die Entschärfungsaktion nur deshalb so spektakulär war, weil rund 10.000 Menschen kurzfristig ihre Wohnungen in der Rostocker Innenstadt verlassen mussten.

Gründe, das Thema alter und vor allem vor sich hin modernder Kriegsmunition nicht zu unterschätzen gibt es dennoch genug:

Wie das Innenministerium berichtete, wurden im vergangenen Jahr im Nordosten der Bundesrepublik mehr als 71 Tonnen Kampfmittel geborgen. Darunter waren 91 Bomben, davon acht mit einem Gewicht von mehr als 50 Kilogramm.

2017 waren im Gegensatz dazu "nur" knapp 40 Tonnen Kampfmittel unschädlich gemacht worden. Allerdings waren damals 253 Bomben dabei, 40 davon über 50 Kilo.

Es kommt allerdings erschwerend hinzu, dass auch die Küstenabschnitte noch lange nicht frei von Kampfmitteln sind. In der deutschen Nord- und Ostsee liegen derzeit immer noch rund 1,6 Millionen(!) Tonnen konventionelle und chemische Waffen aus den Weltkriegszeiten.

Die Gefahren für Meeresbewohner und Menschen könnten durch verklappte Munition in Zukunft durchaus steigen (TAG24 berichtete). Und obwohl die Ummantelungen der großen Mengen Munition nach und nach immer poröser werden, wird an der Ostseeküste erstmal um eine ganz andere Frage gestritten: Wer ist zuständig?

Munitionsbergungsdienst im Dauereinsatz

Fred Tribanek vom Munitionsbergungsdienst M.-V. steht vor einem tiefen Loch in der Rostocker Innenstadt in dem eine 250 Kilogramm-Fliegerbombe liegt, die mit Plastik abgedeckt wurde.
Fred Tribanek vom Munitionsbergungsdienst M.-V. steht vor einem tiefen Loch in der Rostocker Innenstadt in dem eine 250 Kilogramm-Fliegerbombe liegt, die mit Plastik abgedeckt wurde.  © DPA

Die Bundesregierung jedenfalls plant vorerst keine großangelegte Beseitigung versenkter Weltkriegs-Munition aus der Ostsee.

In den ausgewiesenen Versenkungsgebieten sei "bislang keine großflächige Beräumung geplant", heißt es in einer aktuellen Antwort der Bundesregierung in Berlin auf eine Anfrage der FDP zum Thema.

Darin heißt es auch, dass bei Bergungen und Sprengungen im Wasser ja auch die Gefahr bestünde, dass enthaltene Kampfmittel freigesetzt würden. Anderswo im Meer gibt es aber angeblich jetzt schon immer wieder einzelne Bergungen auf Basis von sogenannten "Gefährdungsbeurteilungen".

Die Aufräumarbeiten betreffen aber vor allem touristische Gebiete am Meer oder Bereiche, in denen zum Beispiel Windparks entstehen oder Kabel verlegt werden, erklärte auch der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Hans-Joachim Grote (CDU) aus Schleswig-Holstein.

Grote sagt zu den Munitionsbergungen an den Küstenstreifen auch: "Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, auch des Bundes. Jetzt können die Bayern oder Westfalen natürlich sagen: Was interessieren mich eure Bomben? Aber den Krieg hat nicht nur Schleswig-Holstein damals geführt. Da waren noch andere beteiligt."

So dreht sich die politische Diskussion um Kriegsmunition in Nord- und Ostsee erst einmal weiter um Finanzierungen und Verantwortlichkeiten, während die an Land schon eifrig weggeschafft wird, was von den Weltkriegen noch übrig ist:

Fred Tribanek vom Munitionsbergungsdienst erklärt für die Räumungen jedenfalls, dass die Zahl der Aufträge an den Munitionsbergungsdienst mit seinen 36 Mitarbeitern seit vielen Jahren permanent nach oben gehen. "2009 waren es noch 80 Aufträge, 2017 dann 257 und im letzten Jahr 248", sagte dessen Chef Robert Mollitor. In diesem Jahr seien bereits 68 Aufträge eingegangen.

"Es ist davon auszugehen, dass die hohen Zahlen der vergangenen Jahre auch 2019 wieder erreicht werden", so Mollitor. Da liegt natürlich auch ein Scherz zur "Bombenstimmung" dank der guten Auftragslage beim Kampfmittelräumdienst nahe.

Kein Trend zu mehr Bombenfunden

Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes bereiten am Abend den Abtransport einer entschärften Weltkriegsbombe vor. Eine 500 Pfund schwere Sprengmine aus dem Zweiten Weltkrieg war in Hamburg-Bramfeld gefunden worden.
Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes bereiten am Abend den Abtransport einer entschärften Weltkriegsbombe vor. Eine 500 Pfund schwere Sprengmine aus dem Zweiten Weltkrieg war in Hamburg-Bramfeld gefunden worden.  © DPA

Da aber das Aufkommen an Kampfmitteln stark vom Belastungsgrad der jeweiligen Flächen abhänge, gebe es keinen direkten Zusammenhang zwischen der Auftragslage beispielsweise durch eine gute Baukonjunktur und dem zu bergenden Kampfmittelaufkommen.

Unfälle seien extrem selten, berichtete Mollitor. Zum letzten Mal sei ein Mann im Jahr 2000 an der Hand verletzt worden.

Fast 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs werden auch im nahegelegenen Brandenburg immer noch Weltkriegskampfmittel entdeckt.

Im vergangenen Jahr konnten nach Angaben des Brandenburger Innenministeriums 296 Tonnen Kampfmittel geborgen werden, darunter viele Weltkriegsbomben. Das Land musste dafür rund 12,4 Millionen Euro aufwenden.

Ein Trend zu mehr Bombenfunden wie man ihn beispielsweise in Nordrhein-Westfalen beobachten kann, lässt sich bundesweit, und vermutlich auch im norddeutschen Raum an Land, nicht bestätigen, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den jeweils verantwortlichen Behörden in den Ländern ergeben hat.

Am 1. September 2019 ist der Beginn des Zweiten Weltkriegs genau 80 Jahre her. Auslöser war der deutsche Überfall auf Polen. Der Krieg dauerte bis 1945. Das Aufspüren und Beseitigen der Bomben dürfte noch Jahrzehnte dauern.

"Kampfmittel werden im Laufe der Zeit nicht ungefährlicher. Alter und Korrosionswirkungen können die Gefährlichkeit von Fundmunition sogar noch erhöhen", erläutert das nordrhein-westfälische Innenministerium in seinem Internetauftritt.


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