"Das kostet Sympathiepunkte": Boris Palmer und Kevin Kühnert sorgen für Ärger

Hamburg/Tübingen - Am Freitag waren die wichtigsten Köpfe aus Wirtschaft und Politik in Hamburg zu Gast. Anlass: Das elfte Wirtschaftsforum der Zeit (Thema: "Klima, Markt und Werte: Worüber wir jetzt streiten müssen"). Am Rande des Events sorgten Boris Palmer (47, Grüne) und Kevin Kühnert (30, SPD) für Wellen im Netz.

Stein des Anstoßes: Dieses Foto posteten die Politiker auf Facebook und Twitter. (Screenshot)
Stein des Anstoßes: Dieses Foto posteten die Politiker auf Facebook und Twitter. (Screenshot)  © Screenshot: Facebook.de/Boris Palmer

Alles fing mit einem Selfie an. Am Vormittag postete Palmer ein Selfie von sich und dem Juso-Vorsitzenden Kühnert auf seiner Facebook-Seite.

Ganz ohne Text. Worte brauchte das Foto auch nicht, damit die Follower Palmers gleich darauf ansprangen.

"OMG der kleine Kevin. Hat den jemand aus dem Bällebad geholt?", ätzte eine Userin unter dem Bild des Tübinger Oberbürgermeisters. "Iih, ein Sozialist", kommentierte ein anderer mit Blick auf Kühnert. Auch bei einem weiteren Nutzer kam das Selfie gar nicht gut an: "Oh, Herr Palmer, das kostet Sympathiepunkte..."

"Bekommt Herr K. eine Lehrstelle in der Tübinger Stadtverwaltung?", erkundigte sich der nächste User.

Und weiter: "Dann hat er endlich mal einen Abschluss. Oder ein Praktikum im Bauhof? Arbeiten mit der Schippe nach alter sozialdemokratischer Arbeitertradition, wie damals, als Sozialdemokraten noch ehrlicher Arbeit nachgingen..."

Gewaltaufruf gegen Palmer

Kevin Kühnert vor wenigen Tagen im bayerischen Abensberg.
Kevin Kühnert vor wenigen Tagen im bayerischen Abensberg.  © DPA

Aber nicht nur auf der Facebook-Seite des Ausnahme-Grünen wurde fleißig kommentiert. Denn auch Kühnert lud den Schnappschuss später auf Twitter hoch. Palmer habe beim Wirtschaftsforum gefragt, ob er das Foto machen dürfe, um seine Community zu triggern, schrieb der 30-Jährige.

"Er durfte. Und im Sinne der Gleichberechtigung werdet Ihr jetzt auch getriggert", hieß es weiter in dem Tweet.

Ein User regte sich direkt mal wegen des vor allem in linken Kreisen gerne benutzten Wortes "triggern" (deutsch: "auslösen") auf: "'Getriggert' sein ist kein Witz, auch wenn rechte, antifeministische Trolle es geschafft haben, den Begriff im lapidaren Kontext in die 'Jugendsprache' einzuschleusen."

Wer das Wort im Spaß verwende, nehme die Menschen mit psychischen Erkrankungen ihre Bezeichnung für etwas sehr ernstes. Kühnert entschuldigte sich, stellte Besserung in Aussicht.

Andere regten sich weniger wegen der Wortwahl und mehr wegen der zweiten Person auf dem Foto auf. "Kevin, es wird immer lustiger, dass Du uns dieses kollegiale Bild mit dem Rassisten gezeigt hast", schimpfte einer. Und er rief in einem weiteren Tweet denn auch zur Gewalt gegen Palmer auf: "Alles andere als ihm eine reinschlagen" sei im Grunde nicht akzeptabel.

Der Rassisten-Vorwurf tauchte wiederholt unter Kühnerts Kurznachricht auf. "Rassisten normalisieren - was könnte dabei schief gehen?", fragte etwa ein Nutzer. Ein weiterer forderte: "Lass' die Scheiße einfach, Kevin..."

So viel Geschimpfe, und das nur, weil zwei Politiker ein Foto miteinander knipsen. Es bleibt festzuhalten: Da wurde offensichtlich bei vielen Leuten etwas ausgelöst. Oder anders gesagt: Sie wurden getriggert.

Update: 18.37 Uhr

Grüner als "rassistischer Wichser" beschimpft

Boris Palmer sorgt auf Facebook immer wieder für Aufsehen. Nun wird er teils massiv beleidigt.
Boris Palmer sorgt auf Facebook immer wieder für Aufsehen. Nun wird er teils massiv beleidigt.

Mittlerweile hat Boris Palmer sich zu den Kommentaren geäußert.

In einem weiteren Facebook-Posting schrieb der Grüne am Freitagabend: "Die leider erwartbare Reaktion auf das Foto war aber eine Hasswelle."

Der Teil seiner Leserschaft, den der 47-Jährige der AfD zurechne, habe Hohn und Spott über den Juso-Chef ausgegossen. "Darin kommt ein Ausmaß an Verachtung von Andersdenkenden zum Ausdruck, das unerträglich ist."

Dieses Verhalten gebe es jedoch nicht nur von Rechts, sondern auch von Links. Dazu postet Palmer einige Screenshots von Kommentaren unter Kühnerts Tweet, die richtig heftig sind: "Die Kommentatoren setzen mich mit Gauland und Sarrazin gleich, nennen mich einen 'rassistischen Wichser' oder 'rassistisches Schwein' und bringen zum Ausdruck, dass bereits ein Foto mit mir einen Bruch des Juso-Versprechens bedeute, sich klar gegen rassistischen Populismus abzugrenzen."

Persönliche Herabsetzung, keine Auseinandersetzung in der Sache, Schubladendenken und Diffamierung seien Palmer zufolge die Rezepte, mit denen man eine Gesellschaft spalte. "Wer nicht mehr in der Lage ist, einen unvoreingenommen Diskurs zwischen dem Vorsitzenden der Jusos oder dem Oberbürgermeister eine Universitätsstadt zuzulassen, legt die Axt an fundamentale Prinzipien der Demokratie", warnt er.

Und: "Die einen streben nach einer völkischen Diktatur, die anderen laufen Gefahr, einen jakobinischen Tugendterror zu etablieren."

Bei Kevin Kühnert bedankt sich das Tübinger Stadtoberhaupt ausdrücklich: "Vielen Dank für die Bereitschaft, dieses Signal eines Dialogs auf ein Bild zu bauen. Lassen Sie uns gemeinsam denen entgegentreten, die nicht mehr in der Lage sind, andere Meinungen als Bestandteil einer lebendigen Demokratie zu akzeptieren."

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