Spiegel-Autorin kritisiert Kopftuchverbot für Mädchen: Boris Palmer schaltet sich ein

Tübingen - Ein Rechtsgutachten kommt zu dem Schluss, dass ein Kopftuchverbot für Mädchen an Grundschulen möglich wäre. Eine Spiegel-Autorin kritisiert das - und Tübingens OB Boris Palmer (47, Grüne) meldet sich zu Wort.

Boris Palmer ist wohl Deutschlands bekanntester Oberbürgermeister.
Boris Palmer ist wohl Deutschlands bekanntester Oberbürgermeister.  © DPA

Doch der Reihe nach: Verfassungsrechtler Martin Nettesheim aus Tübingen hatte im Auftrag der Frauenrechts-Organisation Terre des Femmes ein Gutachten erstellt.

Demnach hält Nettesheim ein Kopftuchverbot für Mädchen an Schulen bis zum 14. Lebensjahr rechtlich für möglich. Das Verbot würde laut Gutachten nicht mit der Religionsfreiheit und dem grundgesetzlich geschützten Recht der Eltern auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder im Konflikt stehen.

Für den Verfassungsrechtler aus Baden-Württemberg führt das Kopftuch bei Kindern dazu, dass bei jungen Menschen Vorstellungen von Unterschiedlichkeit aufkommen. Auch führe es gegebenenfalls zur sozialen Ausgrenzung und zur Diskriminierung.

In einer Kolumne bei Spiegel Online kritisierte Merve Kayikci dies heftig. Die Autorin (trägt selbst Kopftuch) schrieb über ihre jüngere Schwester, die bald 12 Jahre alt werde - und nun ein Kopftuch tragen wolle. Kayikci wittert drohende Diskriminierung: "Es wird Leute geben, die sie auf der Straße merkwürdig anschauen. Manche Freunde werden sich von ihr abwenden, weil sie ihr Kopftuch uncool finden. Lehrer werden sie seltener zu Wort kommen lassen und sie schlechter bewerten als vorher."

Die Autorin schimpft: "Solche Verbote verstärken nur Ängste, rassistische Strukturen und verhindern Integration. Und sie kriminalisieren Menschen, die ein Kleidungsstück tragen, das ohnehin schon mit zahlreichen Vorurteilen belegt ist."

Muslime sollten dafür werben, das Kopftuch abzulegen

Kopftücher bei Mädchen: Ein Gutachten kommt zu dem Schluss, dass ein Verbot möglich wäre. (Symbolbild)
Kopftücher bei Mädchen: Ein Gutachten kommt zu dem Schluss, dass ein Verbot möglich wäre. (Symbolbild)  © DPA

Kayikci räumt ein: "Sicher gibt es vereinzelt auch muslimische Eltern, die sehr konservativ und streng sind, deren Töchter sich womöglich nicht trauen würden, zu sagen, dass sie kein Kopftuch tragen wollen." Doch für diese kleine Gruppe ein Verbot einzuführen, wäre in ihren Augen absurd.

Boris Palmer teilte nun in einem Facebook-Beitrag den Spiegel-Artikel und wendete sich an die Autorin. Der Grüne verstehe die Befürchtungen Kayikcis, doch er fragt, warum die gläubige Muslima ihre Schwester angesichts der möglichen Diskriminierung nicht ermutige, ohne Kopftuch zu leben.

Dann stellt er ihr zahlreiche Fragen, etwa: "Warum sagen Sie ihr nicht, dass in unserem Land Frauen gleiche Rechte haben, im Gegensatz zu den meisten Ländern, in denen dass Kopftuch die Regel und nicht die Ausnahme ist?"

Oder: "Warum sagen Sie ihr nicht, dass es genügt, wenn Sie das Kopftuch in der Moschee trägt und Gott sie nicht strafen wird, wenn sie sich so wie fast alle anderen Kinder den Kopf frei hält und den Wind in den Haaren genießt?"

Und auch: "Warum sagen Sie ihr nicht, dass in diesem Land keine Frau als Hure oder unrein gilt, wenn sie auf muslimische Kleidervorschriften verzichtet?"

Eindringlich wendet er sich an die Spiegel-Autorin: "Warum halten Sie es für besser, den Streit über das Kopftuch zu befördern, statt das Zusammenleben in dieser Gesellschaft, in der das Kopftuch eben bisher nicht üblich war?"

Der deutschlandweit bekannte Oberbürgermeister verkenne laut eigener Aussage keinesfalls, dass ein Verbot des Kinderkopftuchs einen inneren Widerspruch enthalte: "Es verringert Freiheit, um Freiheit zu erhalten." Besser wäre es in Palmers Augen, die aufgeklärten Muslime würden dafür werben, das Kopftuch abzulegen. "Zumindest in der nächsten Generation."

Für den 47-Jährigen sind die Folgen des Beharrens auf dem Kopftuch für Kayikcis Schwester und die Gesellschaft weitaus negativer als die Folgen des Verzichts auf das Kopftuch.

Unter seinem Posting erntete Palmer viel Zuspruch. "Danke, Herr Palmer, für diese wichtige und differenzierte Antwort!", schrieb ein User. Ein anderer fragte gar begeistert: "Können Sie nicht eine Boris-Palmer-Partei gründen? Die BPP."

Eine andere Nutzerin wendete sich an die Autorin, schrieb davon, dass ihre Eltern Gastarbeiter der ersten Generation seien: "Vertrauen muss man hart erarbeiten, unabhängig von Kleidung oder Glauben. Integration ist kein Zuckerschlecken, sondern harte Arbeit für beide Seiten!"

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