Leipziger Kult-Bratwurstbude bangt um Existenz

Leipzig - "Jürgen & Jürgen" heißt der Bratwurststand am Karl-Heine-Platz, der nach nur zweieinhalb Jahren absoluten Kultstatus im Leipziger Westen genießt. Jürgen Arendt (61) hat sich hier gemeinsam mit seinem Lebensgefährten, dem zweiten Jürgen (66), eine neue Existenz aufgebaut. Jetzt droht dem Imbiss das Aus.

Jürgen Arendt (61) startete online und offline eine Petition, um seinen Bratwurststand "Jürgen & Jürgen" vor dem Untergang zu bewahren. Nach einer Woche kamen schon 500 Unterschriften zusammen.
Jürgen Arendt (61) startete online und offline eine Petition, um seinen Bratwurststand "Jürgen & Jürgen" vor dem Untergang zu bewahren. Nach einer Woche kamen schon 500 Unterschriften zusammen.  © Saskia Weck

Ende November kam der Bescheid vom Amt für Stadtgrün und Gewässer. Dadurch erfuhren Jürgen Arendt und Jürgen Glissmann, dass ihr Verkaufswagen bis zum 31. März 2019 weg sein muss. Der Park am Karl-Heine-Platz wird ab April rund vier Monate lang saniert und zu diesem Zweck gesperrt.

"Gleichzeitig wird der Standort für Ihren Verkaufswagen nach der Sanierung nicht wieder vergeben", heißt es. "Der Parkeingang soll nicht durch eine gastronomische Einrichtung eingeengt und optisch dominiert werden." Fies: der Waffelstand im Park wurde bei der Planung von den Architekten berücksichtigt.

Jürgen & Jürgen wird nahegelegt, sich einen privaten Standort in der Nähe zu suchen. Das kommt für die Stand-Betreiber nicht infrage. "Wir wollen hier stehen bleiben. Da drüben, vorm Felsenkeller, da gäbe es eine private Fläche von der LWB, da kommt doch aber, außer Samstagabend vielleicht, keiner hin. Da kann ich mich genauso gut in den Wald stellen. Die Leute haben sich an uns gewöhnt. Wir lieben das Viertel, deswegen bleiben wir", stellt Arendt im Gespräch mit TAG24 klar.

Uns wird beim Besuch der Wurstbude in Plagwitz klar: Auch die Leipziger lieben ihre Jürgens! Und das nicht ohne Grund. Wir fragen einen Stammkunden, warum er den Jürgens treu bleibt. "Es ist auch die Spielplatznähe, denn ich habe eine kleine Tochter, mit der ich regelmäßig hier bin", sagt er. "Du kannst hier in der Gegend zwar ein geiles italienisches Gericht für 12 Euro haben, aber eine Bratwurst kannst du hier nirgends weiter kaufen."

In den letzten zweieinhalb Jahren haben die Bratwurststand-Betreiber viele Stammgäste gut kennengelernt, bewirten manche von ihnen mehrmals wöchentlich. Eine Bratwurst mit Ketchup oder Senf im Brötchen kostet gerade einmal 1,80 Euro, dazu gibt es selbstverständlich ein persönliches Gespräch und jede Menge Blödeleien.

"Wurst geht immer!": Bratwurststand in Plagwitz soll wegen Park-Sanierung weichen

Thüringer Rostbratwürste und vegane Spezialitäten braten und dabei Blödsinn treiben?! Das macht Jürgen Arendt so schnell keiner nach!
Thüringer Rostbratwürste und vegane Spezialitäten braten und dabei Blödsinn treiben?! Das macht Jürgen Arendt so schnell keiner nach!  © Saskia Weck

Ernst bleiben kann Jürgen Arendt nur selten. Doch die Aussicht auf die bevorstehende Arbeitslosigkeit schlägt dem liebenswerten 61-Jährigen doch arg auf den Magen.

"Letzte Woche war ich im Krankenhaus", erzählt er, als eine Familie aus Plagwitz zwei Buletten für die beiden Kinder bestellt. "Ich habe wegen der ganzen Aufregung nur noch Galle gekotzt, bekam 'ne Infusion." Sein Partner würde anders auf das Schreiben von der Stadt reagieren, sei vordergründig wütend. "Wenn jetzt nichts passiert, sind wir bis zur Rente arbeitslos."

Arendt fürchtet nichts mehr, war er doch bis zur Eröffnung seines Bratwurststandes am 1. Mai 2016 ebenfalls ohne Arbeit. "Jürgen & Jürgen" sicherte dem Paar eine neue Existenz. Dabei stand vorher keiner von beiden groß am Grill.

Jürgen Arendt ist gelernter Maler und Lackierer aus Bottrop und hat über 20 Jahre lang in seinem Beruf gearbeitet. Vor 28 Jahren kam er in den Osten. Seitdem arbeitete er als Marktschreier und in der Kinder- und Jugendarbeit, bevor es ihn nach Leipzig zog. Sein Freund war früher Elektroniker.

Imbiss am Knochenplatz: Jürgen und Jürgen hoffen auf Petition - das sagt die Stadt

Das Geheimnis des Erfolgs von Jürgen & Jürgen? "Es ist wichtig, dass Du authentisch bist. Wir haben zwar 'ne große Klappe, dafür aber ein mindestens genauso großes Herz", sagt Arendt.
Das Geheimnis des Erfolgs von Jürgen & Jürgen? "Es ist wichtig, dass Du authentisch bist. Wir haben zwar 'ne große Klappe, dafür aber ein mindestens genauso großes Herz", sagt Arendt.  © Saskia Weck

Beide können von der Wurst-Bude leben. "Es füllt den Kühlschrank", schmunzelt der 61-Jährige. "Aber wir wollen ja auch gar nicht reich werden, sondern davon leben. Wir würden das gerne machen, bis wir umfallen."

Die Stadt Leipzig macht Arendt und Glissmann auf Nachfrage von TAG24 erst einmal wenig Mut.

Ein Pressesprecher sagte: "Der Standort des Imbisses ist kein Gastronomie-Standort. Aufgrund der notwendigen Sanierung der Grünanlage mit Spielplatz gibt es keine andere Möglichkeit, als den Weiterbetrieb bis zum 31. März 2019 zu begrenzen, da für die Baustelle und den freien Zugang zum Park Flächen- und Nutzungsansprüche vorgehalten werden müssen. Für eine unbefristete Nutzung gab es keine Zusicherung, eine Verlängerung ist aus den genannten Gründen unmöglich. Dennoch wird seitens des Amtes für Stadtgrün und Gewässer geprüft, ob es während der Sanierung Ausweichstandorte im Straßenraum geben könnte. Für einen längerfristigen Standort nach der Sanierung werden Abstimmungen mit dem Betreiber erfolgen. So gibt es unter anderem Überlegungen, wie 'Jürgen & Jürgen' in der Planung und Gestaltung der Grünanlage berücksichtigt werden können."

Ein Hoffnungsschimmer? Dürfen die beiden Männer nach den Umbauarbeiten zurück auf den Knochenplatz? Ihre Zukunft ist erst einmal ungewiss. Beschwerden um die Imbissbude habe es aber noch nie gegeben. "Die Polizei sagt, seit es 'Jürgen & Jürgen' gibt, sind die Dealer weg", erzählt Arendt. Die Drogen-Dealer und -Süchtigen waren für den "Knochenplatz", wie der Karl-Heine-Platz aufgrund seiner ursprünglichen Nutzung als Friedhof auch genannt wird, bis 2016 charakteristisch für das Pärkchen sowie die nähere Umgebung.

Was Jürgen an diesem Job besonders liebt, wollen wir wissen. "Die Leute sind hier freundlich. Es ist die Herzlichkeit", schwärmt er. "Du hast hier alles: Besoffene, Psychopathen... Es ist ein verrücktes Viertel. Da musst du selbst ein bisschen verrückt sein."

Und weil Aufgeben nicht infrage kommt, hat Jürgen eine Petition gestartet. Die liegt in den umliegenden Läden aus und darf gerne unterschrieben werden. Auch online können all jene unterzeichnen, die die beiden Jürgens aus Plagwitz nicht mehr missen wollen. Kommen genügend Unterschriften zusammen, geht die Petition an Oberbürgermeister Burkhard Jung (60). Der war übrigens selbst noch nicht zum Wurst-Essen am Karl-Heine-Platz. Das sollte er vielleicht mal nachholen.

Von Montag bis Samstag steht ein Jürgen am Grill. 16.30 Uhr öffnet der Bratwurststand am Knochenplatz. 23 Uhr ist Schluss, freitags und samstags können Feierwütige bis 1 Uhr einkehren.
Von Montag bis Samstag steht ein Jürgen am Grill. 16.30 Uhr öffnet der Bratwurststand am Knochenplatz. 23 Uhr ist Schluss, freitags und samstags können Feierwütige bis 1 Uhr einkehren.  © Saskia Weck
Dieser Bescheid vom Amt für Stadtgrün und Gewässer flatterte Ende November bei Arendt und Glissmann ein und schlägt vor allem dem 61-Jährigen arg auf den Magen.
Dieser Bescheid vom Amt für Stadtgrün und Gewässer flatterte Ende November bei Arendt und Glissmann ein und schlägt vor allem dem 61-Jährigen arg auf den Magen.  © Saskia Weck

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