Flüchtling in Silversternacht getötet: Täter müssen lange hinter Gitter

Bremen - Ein syrischer Flüchtling flieht voller Panik und völlig außer Atem vor seinen Verfolgern in ein türkisches Café und bittet um Hilfe. Sie misshandeln ihn Sekunden später so sehr, dass der 15-Jährige wenige Tage darauf an seinen massiven Kopfverletzungen stirbt.

Die Angeklagten sitzen im Bremer Landgericht auf der Anklagebank.
Die Angeklagten sitzen im Bremer Landgericht auf der Anklagebank.  © DPA

Diese schrecklichen Bilder spielten sich in der Silvesternacht 2016/17 ab. Die Täter, zwei mittlerweile 37 und 26 Jahre alte türkische Brüder sowie ihr damals 15-jähriger Neffe stehen seit eineinhalb Jahren vor dem Bremer Landgericht (TAG24 berichtete).

Am Montag fiel das Urteil. Die brutalen Täter müssen für zwölf Jahre hinter Gittern, der jüngere Neffe wurde zu einer sechsjährigen Jugendstrafe verurteilt.

Was genau den Streit zwischen dem syrischen Jugendlichen und seinen späteren Angreifern in der Tatnacht auslöste, konnte auch nicht vor Gericht geklärt werden. Alle drei Angeklagten schwiegen während des fast zweijährigen Prozesses.

Richterin Andrea Schneider war sich allerdings sicher: "Die Tat wurde aus einem absolut nichtigen Anlass begangen: wegen der Beleidigung durch einen 15-jährigen Jungen."

Der hatte sich gegenüber einem der Angeklagten sehr abfällig über dessen Mutter geäußert. Was dieser Äußerung konkret vorausging, blieb unklar. Was ihr aber folgte, war eine Orgie der Gewalt.

In einem Hinterraum des Cafés schlugen die drei Männer am 1. Januar 2017 kurz nach Mitternacht zunächst mit Fäusten auf den körperlich völlig unterlegenen Jungen ein, bis der benommen und wehrlos zu Boden ging. Dann traten sie weiter gegen dessen Kopf, wie die Richterin schilderte. Das Opfer konnte zum Schluss nicht mal mehr die Arme schützend vors Gesicht halten.

Der Prozess fand vor dem Bremer Landgericht statt.
Der Prozess fand vor dem Bremer Landgericht statt.  © DPA

Und es kam schlimmer. Die Brüder zogen den Jungen am Jackenkragen hoch und der 26-Jährige schlug ihm mit voller Wucht eine halbvolle Whisky-Flasche auf den Kopf. Die Richterin zitierte einen Zeugen, der den Eindruck gehabt habe, die Angreifer hätten nur Blut sehen wollen.

"Alle drei wussten, dass massive Tritte und Schläge gegen den Kopf zum Tode führen können. Alle drei sind voll schuldfähig", so die Richterin. Bei den drei nicht vorbestraften Angeklagten habe es keine Anzeichen auf Alkoholisierung gegeben. Sie hätten den Tod des Jungen zumindest billigend in Kauf genommen, betonte Richterin Schneider.

Das gelte auch für den jüngsten Angeklagten, der schon drei Geburtstage, zuletzt seinen achtzehnten, in U-Haft verbracht habe. Er war zur Tatzeit 15 Jahre.

Auch der mittlerweile 18-Jährige schwieg in den über 70 Verhandlungstagen. Während der Urteilsverkündung bezeichnete er die Richterin dann als "Schlampe", was er auf Nachfrage der Richterin sogar bestätigte. Die ließ die Äußerung stoisch ins Protokoll aufnehmen, nicht ohne den Rat an den jungen Mann, besser auch am letzten Verhandlungstag zu schweigen.

Vor dem Urteilsspruch wurde ein Befangenheitsantrag gegen eine Schöffin abgewiesen. Anschließend bestätigten Staatsanwaltschaft, Nebenklage-Vertreter und auch zwei der drei Verteidiger ihre bereits gehaltenen Plädoyers. Der Verteidiger des 37-Jährigen, Martin Stucke, hielt seinen Schlussvortrag dagegen in weiten Zügen erneut, wobei er nicht mit harscher Kritik an der Kammer und den Ermittlern sparte.

Er kritisierte, dass nichts Entlastendes für die Angeklagten ermittelt worden sei. "Kriminalistische Standards sind mit den Füßen getreten worden", so Stucke, der auch auf Lügen mehrerer Zeugen hinwies, die sich untereinander abgesprochen hätten.

Die als Nebenklägerin vertretene Mutter des Opfers verfolgte die Verhandlung unter Tränen. Nach dem Urteilsspruch brach sie zusammen und musste von Begleiterinnen aus dem Saal geführt werden.

Die Richterin betonte, alle drei Angeklagten hätten viel Schuld auf sich geladen: "Von keinem von Ihnen kam ein Wort der Reue. Das ist an dieser Stelle auch zu vermerken. Das hat nichts damit zu tun, dass man unschuldig ist oder nicht."

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