Wie der Brite über die Deutschen denkt

Neil MacGregor (69, l.) und Hartwig Fischer (53) in der Ausstellung. Links das Richter- Gemälde „Betty“, rechts eine Nachbildung des Eingangstors zum KZ Buchenwald.
Neil MacGregor (69, l.) und Hartwig Fischer (53) in der Ausstellung. Links das Richter- Gemälde „Betty“, rechts eine Nachbildung des Eingangstors zum KZ Buchenwald.

Von Guido Glaner

Dresden - Die Deutschen reden gern und viel über sich selbst, gerade jetzt, wo Weltbilder aufeinanderprallen. Da mag es interessant und vielleicht sogar ein Stück weit heilsam sein zu erfahren, wie ein Ausländer über uns Deutsche denkt.

Neil MacGregor (69), Noch-Direktor des British Museum in London, Baldschon-Intendant des Humboldtforums in Berlin und notorischer „Deutschlandversteher“, hat mehr als nachgedacht.

„Germany - Memories of a Nation“, so lautet der Titel jener Ausstellung in 30 Kapiteln, mit der MacGregor vor gut einem Jahr im British Museum ein neues Deutschland-Bild für Britannien in Szene setzte.

Eine der erfolgreichsten Ausstellungen in Britannien seit gefühlten Ewigkeiten, als Radioserie aufbereitet von der BBC, millionenfach gehört.

Der Ziegelstein: „Deutschland - Erinnerungen an eine Nation“, erschienen bei C.H. Beck.
Der Ziegelstein: „Deutschland - Erinnerungen an eine Nation“, erschienen bei C.H. Beck.

„Den Briten war klar, dass sie ein neues Deutschland-Bild brauchen“, sagte MacGregor am Montag in Dresden.

„Die Schulen unterrichten bislang im Fach Geschichte nicht mehr als die zwölf Jahre Nationalsozialismus und die vier Jahre Erster Weltkrieg. Das wird dem Land nicht gerecht.“

Das Ausstellungsprojekt, es kommt nun auch in Deutschland an. „Deutschland - Erinnerungen einer Nation“ ist erschienen als Ziegelstein von einem Buch (der Katalog zur Schau), ebenso als Hörbuch und öffnet am Dienstag als kleine Ausstellung im Residenzschloss.

„Es ist eine Essenz der Ausstellung in London, mit zwölf Werken in sechs Kapiteln“, erklärt Hartwig Fischer (53), Noch-Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen und als Bald-schon-Direktor des British Museum Nachfolger MacGregors.

Die Kapitel-Einteilung nimmt in Bildern und Objekten Bezug auf Johannes Gutenberg, Albrecht Dürer, Käthe Kollwitz, das Bauhaus, das KZ Buchenwald und Gerhard Richter, dessen fotorealistisches Gemäldeporträt seiner Tochter Betty - ein sich dem Blick des Betrachters abwendendes Mädchen als Symbol der Jungen Generation, die sich immerzu der Vergangenheit vergewissern muss - die Ausstellung sinnbildlich verkörpert.

Man habe die Dresdner Ausstellung nach Erinnerungen konzipiert, die allen Deutschen gemeinsam seien, so MacGregor. Am Abend, umgeben von Tausenden Geburtstag feiernden Pegidisten und Gegendemonstranten auf den Straßen und Plätzen, breitete MacGregor sein Deutschland-Bild bei einem Vortrag in der Frauenkirche aus.

Schon am Vormittag hatte er den Umgang der (meisten) Deutschen mit der Flüchtlingsproblematik gelobt. Es erstaune ihn nicht, dass Deutschland eine moralische Haltung einnehme und die Werte des Westens verteidige.

„Und leider fast nur Deutschland“, fügte er hinzu. „Die meisten anderen Staaten sehen nur ihre innenpolitischen Schwierigkeiten.“

Fotos: Norbert Neumann


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