Darum sorgt ein Flüchtlingsjunge mit "Capernaum - Stadt der Hoffnung" für ein ultrahartes Kinoerlebnis!

Berlin - Diesen Film muss man erstmal verarbeiten! Denn "Capernaum - Stadt der Hoffnung" kann wohl schon zu diesem frühen Zeitpunkt als eines der härtesten Kinoerlebnisse des Jahres bezeichnet werden.

Zain (l., Zain Al Rafeea) mit seiner Schwester Sahar (Cedra Izam).
Zain (l., Zain Al Rafeea) mit seiner Schwester Sahar (Cedra Izam).  © PR/Alamode Film

Im Mittelpunkt steht Zain (Zain Al Rafeea), der in einem Gefängnis untersucht und auf 12 oder 13 Jahre geschätzt wird.

Denn eine offizielle Geburtsurkunde hat der Junge nicht. Schließlich stammt er aus einer armen libanesischen Familie, die kostenlos beim Obsthändler Assaad (Nour El Husseini) im Armenviertel der Hauptstadt Beirut wohnt. Zain muss diesem dafür im Laden helfen.

Mal ganz davon abgesehen, dass die Wohnung in einem schrecklichen Zustand ist und die Großfamilie dort viel zu wenig Platz hat, will Assaad auch noch die elfjährige Sahar (Cedra Izam) zur Frau nehmen. Zain will das nicht erlauben, denn zu seiner kleinen Schwester hat er eine besonders tiefe und innige Beziehung.

Mutter Souad (Kawthar Al Haddad) und Vater Selim (Fadi Kamel Youssef) bleibt aber keine Wahl: Sie müssen Sahar ziehen lassen. Denn sie könnten sich keine andere Wohnung leisten und haben auch so schon große Probleme, die restlichen Kinder irgendwie durchzubringen.

Zain ist stinksauer - und verlässt trotzig die Familie. Er kommt bei der äthiopischen Immigrantin Rahil (Yordanos Shifera) unter und passt dafür auf ihr Baby Yonas (Boluwatife Treasure Bankole) auf. Bis Rahil plötzlich verschwindet und er auf sich alleine gestellt ist...

Die äthiopische Immigrantin Rahil (Yordanos Shifera) nimmt Zain bei sich auf.
Die äthiopische Immigrantin Rahil (Yordanos Shifera) nimmt Zain bei sich auf.  © PR/Alamode Film

So hart wie die Geschichte klingt, ist sie auch umgesetzt. Das Leid eines Straßenkindes aus der Dritten Welt hautnah mit ansehen zu müssen, ist für Menschen mit Empathie wohl eine der schwierigsten Aufgaben des Kinojahres 2019.

Denn Regisseurin Nadine Labaki (Caramel, Wer weiß, wohin?) setzt auf eine nüchterne Inszenierung, die ihrem Film nicht nur eine besondere Authentizität verleiht, sondern auch erschreckend realistisch macht.

Daher ist es kein Wunder, dass es bei den renommierten Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2018 stehende Ovationen- und gleich zwei Preise zu feiern gab.

Denn "Capernaum" geht unter die Haut und wühlt die Zuschauer emotional auf, bewegt und berührt sie, weil Labaki ein zutiefst menschliches Werk gedreht hat, das stellenweise nicht wie ein Spielfilm wirkt, sondern eher wie eine Dokumentation, was ausnahmslos positiv gemeint ist.

Zudem sind die Motive aller Figuren nachvollziehbar dargestellt. Das liegt auch daran, dass alle Protagonisten Tiefe haben.

Zain (Zain Al Rafeea) zieht den improvisierten Kinderwagen mit Yonas (Boluwatife Treasure Bankole) am Seitenstreifen der Stadt-Autobahn Beiruts entlang.
Zain (Zain Al Rafeea) zieht den improvisierten Kinderwagen mit Yonas (Boluwatife Treasure Bankole) am Seitenstreifen der Stadt-Autobahn Beiruts entlang.  © PR/Alamode Film

Das liegt an den hintergründigen, nachdenklichen Dialoge, dem herausragenden, problembehandelnden Drehbuch und dem Spiel von Zain Al Rafeea.

Gerade die Leistung des gerade mal 14 Jahre alten Jungen ist beeindruckend. Wie er jegliche Lebensfreude und Hoffnung bis auf wenige freudvolle Momente aus seinem Gesicht verbannt ist ganz großes Schauspielkino des syrischen Flüchtlingskindes, das vor diesem Film in den Straßen Beiruts als Lieferjunge arbeitete.

Doch es gilt nicht nur ihm und Labaki ein Kompliment zu machen, sondern auch den vielen anderen Darstellern, die im Zusammenspiel für ein herzzerreißendes Kinoerlebnis sorgen.

Doch genau deshalb ist "Capernaum" nur etwas für hartgesottene Zuschauer, die so viel Leid ertragen und verarbeiten können. Denn zusehen zu müssen, wie Zain verzweifelt versucht, Essen zu finden, um sich und Yonas über Wasser zu halten, ist brutal.

Auch die Sequenzen mit seinen Eltern fallen in diese Kategorie, weil sie ihren Sohn lieblos herumschubsen und beschimpfen, was er wiederum auf andere Menschen überträgt. Wenn der wortgewandte Marktverkäufer Aspro (Alaa Chouchnieh) versucht, ihm Yonas abzukaufen, bekommt man Gänsehaut vor Entsetzen.

Zain (l., Zain Al Rafeea) und seine Schwester Sahar (Cedra Izam) über den Dächern von Beirut.
Zain (l., Zain Al Rafeea) und seine Schwester Sahar (Cedra Izam) über den Dächern von Beirut.  © PR/Alamode Film

Diese trostlose Welt des Jungen wird nur dank Sahar, Yonas und Rahil mit einigen Silberstreifen am Horizont durchbrochen.

Dank dieser Protagonisten gelingt es Labaki auch, den Film nicht zu schwermütig werden zu lassen, sondern ihm einige witzige, freche Momente zu gestatten und positive menschliche Gefühle darzustellen.

Dennoch ist die Atmosphäre insgesamt gesehen beklemmend. Dazu tragen die dynamische Kameraführung, die hoffnungsvolle Musikuntermalung, die tristen Kostüme und vor allem das grandiose Make-up, das die erdrückende Stimmung gekonnt verstärkt, einen großen Teil bei.

Eine eigene Filmfigur sind zudem die dreckigen, von Unrat, Straßenhunden und billigen Läden gesäumten Locations, die so heruntergekommen sind, dass sie einen das Leid und die Ausweglosigkeit der Situation geradezu körperlich vor Augen führen.

Wegen all dieser Stärken ist es wenig verwunderlich, dass dieses Projekt als libanesischer "Oscar"-Beitrag ins Rennen für den besten fremdsprachigen Film geht - und seine Chancen, zumindest unter den besten Fünf zu landen, stehen sehr gut.

Deshalb ist "Capernaum - Stadt der Hoffnung" ein harter, zutiefst bewegender Film geworden, der Zuschauer mit Empathie aufwühlt und vor eines der emotional brutalsten Kinoerlebnisse des Jahres stellt. Wer davor nicht zurückschreckt, wird mit einem absoluten Ausnahmewerk belohnt. Ob Schauspieler, Drehbuch, Dialoge oder Locations: Labakis Projekt ist ganz großes Kino!

Zain (vorne-rechts., Zain Al Rafeea) mit seinen Geschwistern beim Tragen und Verkaufen von Sachen auf der Straße.
Zain (vorne-rechts., Zain Al Rafeea) mit seinen Geschwistern beim Tragen und Verkaufen von Sachen auf der Straße.  © PR/Alamode Film

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