Chemie-Katastrophe: Pirna lebt noch immer in Angst

Werksleiter Joachim Seifert (l.) bei einem der zahlreichen Fehlalarme nach dem Unglück.
Werksleiter Joachim Seifert (l.) bei einem der zahlreichen Fehlalarme nach dem Unglück.

Von Torsten Hilscher

Pirna - Diese Katastrophe hat sich eingebrannt: Als am 1. Dezember 2014 in Pirna-Neundorf ein Chemie-Reaktor der Firma Schill [&] Seilacher explodierte, stand der Ort unter Schock. Ein Mensch starb, vier wurden verletzt. Jetzt wird wieder produziert. Doch nach wie vor geht unter den 500 Bewohnern die Angst um!

„Der Standort ist eine ständige Bedrohung“, sagt Tilo Keil (44). Er lebt in Sichtweite der Fabrik, neben dem Haus der Familie betreibt seine Frau einen Blumenladen. Der Tag des Unglücks steht Keil einem Foto gleich vor Augen: „17.20 Uhr, es war auf einmal taghell“, erinnert er sich. Trümmer flogen umher. „Ein Bekannter spürte die Druckwelle noch zehn Kilometer entfernt.“

Auch Thomas Huth (49) und Ulrich Aßmann (51) erinnern sich. Zu Huth, der 150 Meter vom Werk ein Autohaus betreibt, flog ein fünf Kilo schweres Ventil. Bei Aßmann gegenüber der Fabrik wurde das Auto mit Schutt bedeckt, das Dach beschädigt. Noch heute streitet er sich mit der Versicherung der Chemie-Firma.

Wahres Glück im Unglück hatte Familie Dietrich. Der Mehrgenerationenhaushalt lebte 20 Meter vom Zentrum der vorwiegend nach oben schießenden Explosion. Senior Gunter Dietrich (77) beschreibt, wie das Dach angehoben und wieder aufgesetzt wurde. Das Haus ist noch immer Baustelle ...

Aber nebenan ist Leben: „Die erste Produktionsanlage wurde Juni 2015 angefahren. Soeben, im Februar, eine weitere Anlage“, sagt Werksleiter Joachim Seifert. „Pro Produktion arbeiten zehn bis 15 Leute.“ Früher waren es insgesamt 130.

„130 - dahin möchten wir auch wieder: Es lässt sich allerdings schwer an, da noch immer Genehmigungen ausstehen, auch durch Verzögerungen. Seitens der Stadt bekommen wir kein Wohlwollen.“

Stadtsprecher Thomas Gockel wütend: „Umfangreiche Angaben und Zuarbeiten des Unternehmens fehlen noch, um die abschließenden Genehmigungen zu erteilen.“ „Wohlwollen“ sei im Übrigen keine Kategorie des Baurechts.

Glück im Unglück. Yvonne Dietrich (52) wohnte unmittelbar neben dem Explosionsort. Das fand sie in ihrem Garten.
Glück im Unglück. Yvonne Dietrich (52) wohnte unmittelbar neben dem Explosionsort. Das fand sie in ihrem Garten.
Das Haus von Gunter Dietrich (75) wurde bei der Explosion beschädigt.
Das Haus von Gunter Dietrich (75) wurde bei der Explosion beschädigt.
Ulrich Aßmann (51) schaut von seinem Haus aus auf die Fabrik. Für ihn ist die Lage des Werks neben Wohnhäusern unbegreiflich
Ulrich Aßmann (51) schaut von seinem Haus aus auf die Fabrik. Für ihn ist die Lage des Werks neben Wohnhäusern unbegreiflich
Die Unglücksstelle heute. Werksleitung und mehrere Nachbarn liegen im Clinch.
Die Unglücksstelle heute. Werksleitung und mehrere Nachbarn liegen im Clinch.

Fotos: Marko Förster, Ove Landgraf


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