Hier wird die erste Überwachungs-Ampel Sachsens installiert

Thomas Penndorf (46) von der Firma Swarco baute den Schaltkasten mit dem 
Handy-Sensor an die Ampel.
Thomas Penndorf (46) von der Firma Swarco baute den Schaltkasten mit dem Handy-Sensor an die Ampel.  © Peter Zschage

Chemnitz - Chemnitz wird Modellstadt bei der Nutzung von Handydaten. Am Mittwoch startete das Innovationsprojekt „Smart Urban Services“. 27 Sensoren in der Innenstadt, am Brühl und TU-Campus erstellen über offene Bluetooth-Verbindungen Bewegungsprofile der Passanten und Autofahrer, um mit den Daten die Stadt- oder Verkehrsplanung zu verbessern.

Am Mittag baute die Firma Swarco den ersten Sensor in die Ampel an der Kreuzung Bahnhof-/Brückenstraße ein. Ein Sensor scannt die Bluetooth-Signale im Umkreis von 100 Metern, 27 Sensoren sind bis August geplant.

„Wir wollen am Nerv der Zeit bleiben“, sagt Cornelia Siegel vom Bürgermeisteramt. „Mit den erfassten Bewegungen erstellen wir eine Stadtkarte, verknüpfen sie mit Veranstaltungsdaten.“

Die Stadt möchte mit Bewegungsmustern eine Stadtkarte erstellen und 
Verkehrsplanern helfen.
Die Stadt möchte mit Bewegungsmustern eine Stadtkarte erstellen und Verkehrsplanern helfen.  © Peter Zschage

Zudem könnten Planer und Verkehrsexperten mit den - anonymisierten - Daten ihre Arbeit verbessern.

Im Herbst soll es eine Zusatz-App geben. Nutzer könnten Wege beschreiben, Wünsche zu Carsharing-Stationen oder Sitzbänken nennen. Die App wird es nur für Android-Handys geben. Wer keines hat, kann sich eines von 50 Geräten bei der Stadt ausleihen.

Cornelia Siegel hofft auf die Hilfe der Smartphonenutzer: „Bitte schalten Sie Ihr Bluetooth ein. Personenbezogene Daten werden nicht erhoben.“

Die Software der „Smart Urban Services“ wurde vom Fraunhofer-Institut Stuttgart in Zusammenarbeit mit Stadt, CVAG, Wirtschaftsförderung und Studentenwerk entwickelt.

Zweite Modellstadt ist Reutlingen. Das Projekt kostet drei Millionen Euro und wird vom Bund finanziert.

Warum ich abschalte

Kommentar von Bernd Rippert

1984 ist 33 Jahre her. Seitdem hat sich die Technik revolutioniert - George Orwell konnte von den heutigen Überwachungsmöglichkeiten nur träumen, als er seinen Roman „1984“ schrieb. Ein neuer Schritt sind die Smart Urban Services. Dabei greift eine Software im Auftrag der Stadt Chemnitz via Bluetooth auf die Handys der Passanten zu.

In diesem Modellvorhaben werden alle Daten anonymisiert. Keiner erfährt, welcher Handynutzer durch die Stadt flaniert, ob er zum Shoppen oder ins Bordell geht. Die Stadt erfährt nur, dass zum Modellstart rund 450 Handynutzer pro Stunde mit offenem Bluetooth über die Brücken-/Bahnhofstraße liefen oder fuhren.

Aber ist eine solche Technik erst einmal installiert, kann sie später auch missbraucht werden. Neben Chemnitz ist Reutlingen zweite Modellstadt für die Smart Urban Services. Dort ist bereits geplant, den Bürgern Mitteilungen aufs Handy zu schicken. Natürlich vorläufig freiwillig.

Ich will von der Stadt weder analysiert noch mit Werbung vollgemüllt werden. Darum schalte ich mein Bluetooth im Handy ab.


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