"Ich hatte Todesangst": Brutaler Überfall auf Oma Sigrid

Chemnitz/Freiberg - "Ich hatte Todesangst". Sigrid Wille (85) erinnert sich mit Entsetzen an die Nacht zum 20. Juni 2018. Sie wurde in ihrer Wohnung von einem Junkie ausgeraubt und brutal niedergeschlagen. Jetzt verzieh sie dem Täter vor Gericht.

Sigrid Wille (85) ist auf dem Weg der Besserung. Sie sagte am Mittwoch im Landgericht Chemnitz als Zeugin aus.
Sigrid Wille (85) ist auf dem Weg der Besserung. Sie sagte am Mittwoch im Landgericht Chemnitz als Zeugin aus.  © Harry Härtel/Haertelpress

Der erste Joint mit 15, Ecstasy-Tabletten mit 16: Pascal S. (20) begann seine Drogenkarriere früh. Kein Job, Amtstermine versäumt, Unterstützung gekürzt, Geldnot - da wurde der Freiberger zum Kriminellen. Im Juni 2018 geriet Sigrid Wille in sein Visier. Die Rentnerin wohnt in einer Erdgeschosswohnung in Freiberg.

Erst klaute er unbemerkt ihren Schlüssel, durchsuchte später die Wohnung. Die Beute: 150 Euro Bargeld, Schmuck, ein kleiner Goldbarren. Sigrid Wille bemerkte den Einbruch später, ließ sofort ihr Schloss austauschen.

Einen Tag später versuchte es Pascal S. erneut. "Der Schlüssel passte aber nicht mehr. Da stieg ich nachts über den Balkon ein", gestand der unscheinbare Junkie am Mittwoch im Chemnitzer Landgericht. Mit einem Brecheisen zertrümmerte er eine Fensterscheibe. Sigrid Wille wurde wach: "Ich sah den Einbrecher im Wohnzimmer. Er war maskiert, brüllte mich an, wollte Geld. Und er drohte, mich zu erschlagen", erzählte die rüstige Rentnerin.

Dann die brutale Attacke: Pascal S. warf die Frau zu Boden, klaute 200 Euro aus dem Schlafzimmer. Unfassbar: Als Sigrid Wille sich wehrte und am Bein des Räubers festklammerte, trat er ihr in den Rücken und flüchtete.

Pascal S. (20) wirkt wie ein schüchterner Milchbubi. Doch bei seiner Tat ging er äußerst brutal vor.
Pascal S. (20) wirkt wie ein schüchterner Milchbubi. Doch bei seiner Tat ging er äußerst brutal vor.  © Harry Härtel/Haertelpress

Die Rentnerin kam schwer verletzt mit einem Oberschenkelhalsbruch ins Krankenhaus. Mehrere Wochen Aufenthalt, zwei schwierige Operationen waren die Folge. Eine geplante Urlaubsreise nach Kroatien musste die Oma absagen. Die Folgen der Tat sind noch spürbar: Gestern kam die 85-Jährige am Stock ins Gericht.

Den Räuber schnappten die Ermittler wenig später. Denn Pascal S. hatte sich mit der geklauten ec-Karte seines Opfers 3700 Euro auf sein eigenes Konto überweisen wollen. 2200 Euro davon konnte er ergaunern - dann sperrte die Sparkasse weitere Überweisungsversuche.

Mit dem Täter, der die Taten aus Angst vor gewalttätigen Gläubigern begangen haben will, hat Oma Sigrid inzwischen sogar Mitleid. Pascal S. hatte sich in einem Brief entschuldigt, die Rentnerin hatte ihm in einem langen Schreiben geantwortet. Im Gerichtsflur sagte sie milde: "Ich wünsche ihm, dass er das mit den Drogen in den Griff bekommt. Das ist so ein junger Mensch, der soll sich sein Leben nicht noch weiter verbauen."

Pascal S., der in Untersuchungshaft sitzt, will jetzt eine Entziehung machen. Der Prozess wird am 30. Januar 2019 fortgesetzt. Dem Angeklagten drohen bis zu fünf Jahre Haft.

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