40 Menschen leben bei Eiseskälte auf der Straße: Wer hilft Chemnitzer Wohnungslosen?

Chemnitz - In frostigen Tagen wie diesen leben Obdachlose auf der Straße gefährlich: Im Januar sind bundesweit bereits 14 Menschen ohne festen Wohnsitz erfroren - das sind jetzt schon mehr Kältetote als sonst im ganzen Winter.

Bei der eisigen Kälte bietet das Nachtquartier in der Heinrich-Schütz-Straße allen Obdachlosen ein warmes Bett.
Bei der eisigen Kälte bietet das Nachtquartier in der Heinrich-Schütz-Straße allen Obdachlosen ein warmes Bett.  © Maik Börner

In Chemnitz schützt ein Netz von wärmenden Angeboten die rund 40 Wohnungslosen.

Vor allem das Nachtquartier in der Heinrich-Schütz-Straße wird rege genutzt. Übernachtungsgast Martin Helfricht (30) ist dankbar für solche Notunterkünfte: "Das warme Bett hat mich gerettet. Sonst wäre ich jetzt tot." Der Verein Selbsthilfe 91 betreibt das Nachtquartier mit Unterstützung des Sozialamtes. Aktuell sind elf der 16 Betten belegt.

Der Vize-Chef Marcus Nieher (38) hofft, dass jeder Wohnungslose zu ihm kommt: "Diese Menschen schweben draußen in akuter Lebensgefahr. Bei uns ist es warm, sicher - und es gibt heißen Tee." Im Notfall könne der Verein weitere Betten aufstellen.

Zuletzt retteten die Sozialarbeiter einen Rumänen vor dem Erfrieren. "Er war als Anhalter in Chemnitz gestrandet, lief mit dünner Kleidung von der Autobahn bis zu uns am Sonnenberg", erzählt Marcus Nieher.

Der obdachlose Martin Helfricht weiß aus eigener Erfahrung um die tödliche Gefahr bei Kälte: "In Würzburg wollte ich mal in einer eisigen Nacht einen Mann auf einer Parkbank ansprechen. Doch der war schon tot. Erfroren." Andere Wohnungslose wie Oliver Kersten (32) versuchen, sich durchzuschlagen: "Leer stehende Häuser, Keller in Wohngebäuden oder die Vorräume von Banken sind beliebte Wärmetricks. Aber jetzt ist es auch da zu kalt. Darum bin ich im Nachtquartier."

Der Verein ist auf die aktuelle Wetterlage eingestellt. Normalerweise öffnet das Haus von 18 bis 8 Uhr. Bei Dauerfrost ist das Nachtquartier rund um die Uhr offen - niemand muss draußen in der Kälte frieren.

Jenny Kern (23) betreut Martin Helfricht (30, l., seit 2014 obdachlos) und Oliver Kersten (32, seit 2018 ohne Wohnsitz) im Nachtquartier.
Jenny Kern (23) betreut Martin Helfricht (30, l., seit 2014 obdachlos) und Oliver Kersten (32, seit 2018 ohne Wohnsitz) im Nachtquartier.  © Maik Börner

Auch diese Wärmestuben sind geöffnet

Neben dem Nachtquartier gibt es am Hauptbahnhof die Bahnhofsmission von Caritas/Stadtmission. Täglich nutzen 50 bis 60 Wohnungslose und sozial Benachteiligte die Räume zum Aufwärmen, bekommen Gratis-Frühstück oder Tee und im Notfall warme Kleidung. Die Räume sind an Werktagen tagsüber geöffnet. "Ohne Hilfseinrichtungen wie unsere schwebten viele Obdachlose im Winter in Lebensgefahr", sagt Schwester Claudia-Maria (57).

Rund 30 Besucher zählt der Tagestreff "Haltestelle" in der Annenstraße. Die Stadtmission bietet hier günstiges Essen, Getränke, Waschmaschinen, Schließfächer und Beratung.

Vize-Chef Marcus Nieher (38) in einem Schlafraum für Wohnungslose.
Vize-Chef Marcus Nieher (38) in einem Schlafraum für Wohnungslose.  © Maik Börner
Auch im Tagestreff Haltestelle können sich Obdachlose aufwärmen. Leiter Alfred Mucha (51) hat immer einen heißen Tee parat.
Auch im Tagestreff Haltestelle können sich Obdachlose aufwärmen. Leiter Alfred Mucha (51) hat immer einen heißen Tee parat.  © Maik Börner

Titelfoto: Maik Börner

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