Neue Pläne für die Innenstadt: Kommt jetzt die "Parteisäge" weg?

Die Parteisäge muss weg, sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (55, SPD). Der Freistaat als Eigentümer lehnt das ab.
Die Parteisäge muss weg, sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (55, SPD). Der Freistaat als Eigentümer lehnt das ab.  © Uwe Meinhold

Chemnitz - Nachtigall, ich hör Dir trapsen! Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (55, SPD) will die Axt an die Parteisäge anlegen. Doch Baulöwe Claus Kellnberger (75) hüllt sich vorerst in Schweigen.

Das Behördenzentrum (Parteisäge) steht im Weg. Zwischen Aktienspinnerei, dem Theaterum- und -neubau sowie der City bildet das Gebäude eine Beton gewordene "unüberwindbare Barriere". Die will OB Ludwig nun abreißen! Das erklärte sie in einem Interview mit der Freien Presse. Ihr Vorschlag befeuert nun die Debatte um die Innenstadtentwicklung.

In die hatte sich Bauunternehmer Kellnberger mit Plänen, den Stadthallenpark zu bebauen, eingemischt (TAG24 berichtete exklusiv). Das Rathaus bügelte das Ansinnen ab. Zur neuen Debatte sagte Kellnberger am Dienstag kurzfristig ein Interview zu - und dann wieder ab.

Würde die OB den Abriss eines denkmalgeschützten Gebäudekomplexes durchboxen, könnte das dem Baulöwen in die Karten spielen. Denn er will an der Ecke Brückenstraße/Straße der Nationen schon lange ein Einkaufszentrum errichten.

Das Behördenzentrum an der Brückenstraße, einst Sitz der SED-Bezirksleitung, versperrt nach Ansicht von OB Barbara Ludwig (55, SPD) die Entwicklung der Achse Stadthallenpark - Aktienspinnerei.
Das Behördenzentrum an der Brückenstraße, einst Sitz der SED-Bezirksleitung, versperrt nach Ansicht von OB Barbara Ludwig (55, SPD) die Entwicklung der Achse Stadthallenpark - Aktienspinnerei.  © Petra Hornig

Für Stadtrat Dieter Füsslein (76, CDU/FDP-Fraktionsgemeinschaft) ist der OB-Vorschlag ein Schnellschuss. "Man kann das Gebäude auch teilweise rückbauen, ein neues Dach draufsetzen. Das Land Sachsen muss im Bauausschuss Rede und Antwort stehen, wie es mit der Immobilie weitergehen soll. So wie es ist, kann es aber auch nicht bleiben."

Füsslein erinnert an sieben Jahre alte Pläne, die Parteisäge zu öffnen. Ein solcher Durchbruch ist aus Sicht des Staatsbetriebs Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) Stand der Dinge: "Das Areal, bestehend aus Hotel Mercure, Stadthalle, Alte Hauptpost, RAWEMA-Haus, BHZ Brückenstraße, steht seit Mitte der 1990er Jahre unter Ensembleschutz", sagt SIB-Sprecherin Petra Brommer (55).

"Im Behördenzentrum sind mehrere hundert Arbeitsplätze untergebracht, und es wurde bisher umfangreich saniert. Der Freistaat geht davon aus, dass das Behördenzentrum aufgrund seines Denkmalcharakters erhalten bleibt."

Über Bande gespielt

Kommentar von Torsten Schilling

In der Chemnitzer Innenstadt jagt eine Idee die andere. Aber ist das einer harmonischen Stadtentwicklung dienlich? Wohl eher nicht. OB Barbara Ludwig will die Parteisäge schleifen, um so einen Durchgang von der Brückenstraße zum Brühl zu eröffnen. Doch wer soll dort flanieren? Jene, die heute Rosenhof und Innere Klosterstraße oder meiden?

Chemnitz leidet an seiner Patchwork-Bebauung. Im Krieg zerstört, von der DDR-Architektur geprägt, nach der Wende im Hauruck-Verfahren neu geschaffen - eine City fehlt aber bis heute. Die Neubauprojekte stehen Schlange: Getreidemarkt, Tietz-Parkplatz, neue Johannisvorstand, Theaterneubau, Brühl, Conti-Loch.

Ein viertel Jahrhundert lang war in Chemnitz eine ordnende Hand bei der Innenstadtentwicklung nicht zu erkennen. Auch jetzt fehlt ein Plan aus einem Guss. Ein Masterplan. Der OB-Vorschlag zur Parteisäge ist aus meiner Sicht nicht ernst gemeint. Vielmehr will Barbara Ludwig dem Land Sachsen als Eigentümer Beine machen, um den Klotz an der Brückenstraße auf Vordermann zu bringen. Würde dies geschehen, hätte die OB ihr Ziel erreicht. Über Bande gespielt.

Nicht abreißen, sondern behutsam umbauen, will Stadtrat Dieter Füsslein (76, CDU/FDP-Fraktionsgemeinschaft) die Parteisäge.
Nicht abreißen, sondern behutsam umbauen, will Stadtrat Dieter Füsslein (76, CDU/FDP-Fraktionsgemeinschaft) die Parteisäge.  © Peter Zschage
Bauunternehmer Claus Kellnberger (75) hat viele Pläne für eine Innenstadtbebauung, hüllt sich zur Parteisäge aber in Schweigen.
Bauunternehmer Claus Kellnberger (75) hat viele Pläne für eine Innenstadtbebauung, hüllt sich zur Parteisäge aber in Schweigen.  © Sven Gleisberg

Titelfoto: Petra Hornig


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