Was Ausländer über unsere Stadt denken!

Die Titelseite der Hamburger Morgenpost vom 22. Februar.
Die Titelseite der Hamburger Morgenpost vom 22. Februar.

Von Ronny Licht und Daniela Möckel

Chemnitz - Das Titelblatt der "Hamburger Morgenpost" war eindeutig: Eine Deutschlandkarte, Sachsen braun eingefärbt, als "PEGIDA-Land" bezeichnet. Auch andere Medien, vor allem in den alten Bundesländern, sparten nach den Ereignissen von Clausnitz nicht mit pauschalen Vorurteilen.

Nur wenige versuchten sich an einer differenzierten Darstellung.

Die Empörung über diese Berichterstattung war in und um Chemnitz groß. MOPO24 hat gezielt mit Menschen gesprochen, die ausländische Wurzeln haben und hier leben, sie nach ihrer Sicht gefragt.

Wir wollten wissen, wie sie die Stimmung im Alltag warhnehmen - wie braun ist Chemnitz wirklich?

Das sind die Antworten:

Mohammaed Ahmed Ramadhan (49) aus dem Irak lebt seit 2001 in Chemnitz.
Mohammaed Ahmed Ramadhan (49) aus dem Irak lebt seit 2001 in Chemnitz.

Mohammed Ahmed Ramadhan (49), Inhaber "Orientalische Spezialitäten" und "Hamam Sindibad", Irak, seit 2001 in Chemnitz:

"Ich spüre, dass viele Freunde aus Chemnitz wegwollen. Vor allem die, die erst kurz hier sind. Sie haben Probleme mit der Sprache, das führt zu Missverständnissen. Ich versuche da zu helfen, ihnen zu zeigen, wie schön es hier ist. Es sind nicht alle Menschen so, wie es dargestellt wird. Ich selber fühle mich hier wohl, hatte noch keine Probleme."

Alexander Rudzinski (55) kommt aus New York. Der DJ und Musiker lebt seit 2007 in Sachsen.
Alexander Rudzinski (55) kommt aus New York. Der DJ und Musiker lebt seit 2007 in Sachsen.

Alexander Rudzinski (55) kommt aus New York (USA), lebt seit 2007 in Sachsen. Bekannt ist der Radio-Moderator in Chemnitz als DJ und Musiker im "FlowPo". "Amok-Alex" schimpft:

"Diese Pauschalisierung ist unmöglich. Ich habe jahrelang in Westdeutschland gelebt, da sind mir mehr Nazis über den Weg gelaufen als hier. Selbst im Job. Ich liebe es hier zu wohnen. Die Stimmungsmache ist unverschämt. Die Leute sollten sich ein eigenes Bild machen. Freunde, die mich besuchen sind immer begeistert von Chemnitz."

Die tunesische Studentin Boutheinja Maalej (24) ist erst seit zwei Tagen in Chemnitz.
Die tunesische Studentin Boutheinja Maalej (24) ist erst seit zwei Tagen in Chemnitz.

Boutheinja Maalej (24), Studentin aus Tunesien, seit zwei Tagen in Chemnitz:

"Ich bin neu in Chemnitz und habe noch nicht so viele Kontakte. Jedoch habe ich festgestellt, dass es schwierig ist, sich auf Englisch zu verständigen. Trotzdem respektiert jeder meine Sprache."

Roger Evans (53), Barkeeper im "City Pub", Großbritannien, seit 1996 in Chemnitz:

"Ich habe noch keine Probleme mit Nazis gehabt, lebe gern in Chemnitz. Auch die Demonstrationen empfinde ich okay. Ich respektiere den "Freedom Speech"- Die Freiheit, zu sprechen."

Olfa Kanoun (45) ist Professorin an der TU Chemnitz. Sie ist seit 2007 in Chemnitz.
Olfa Kanoun (45) ist Professorin an der TU Chemnitz. Sie ist seit 2007 in Chemnitz.

Olfa Kanoun (45), Professorin für Mess- und Sensortechnik an der TU Chemnitz, Tunesien, seit 2007 in Chemnitz:

"Die allgemeine Grundhaltung der Bevölkerung ist immer positiv. Sei es bei der Arbeit, auf der Straße oder beim Fußballtraining meines Sohnes. Ich habe auch in Bayern und Hessen gelebt. Chemnitz ist im Vergleich toleranter und gastfreundlicher. In letzter Zeit stelle ich aber fest, dass der Mensch nicht mehr angenommen wird, wie er ist. Es wird eine aggressive Stimmung herangezüchtet und das ist sehr schade. Wissenschaft ist international. Wir müssen nicht nur geben, sondern können von fremden Kulturen auch sehr viel erhalten. Sei es Erfahrung, Kreativität und auch Technologie."

Der Brasilianer Renato Torres (36) lebt seit 2015 in Chemnitz.
Der Brasilianer Renato Torres (36) lebt seit 2015 in Chemnitz.

Renato Torres (36) Mitarbeiter der TU Chemnitz, Brasilien, seit 2015 in Chemnitz:

"Ich lebe gern in Chemnitz und habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Uns wurde geraten, an Montagen die Innenstadt zu meiden. Ich glaube, diese Leute haben Angst vor einem Überschuss an Zuwanderung und davor, ihren Job zu verlieren."

MOPO nicht gleich MOPO

Ein Kommentar von Ronny Licht

Nach der umstrittenen Titelseite der „Hamburger Morgenpost“ ist es mal Zeit, klar zu sagen: MOPO ist nicht gleich MOPO. Die Hamburger Ausgabe ist redaktionell nicht mit der „Chemnitzer Morgenpost“ verbunden. Dieses Blatt erscheint in einem anderen Verlag.

Empörte Anrufe, wütende E-Mails - auch in unserer Redaktion wurde die „PEGIDA-Land“- und „Schandfleck“-Aufmachung der Hamburger Kollegen sehr stark diskutiert. Mehr als vier Millionen Menschen in Sachsen pauschal als „braun“ zu diffamieren, auf eine Ebene mit „Verbrechern, keinen Menschen“ (Originalton Ministerpräsident Stanislaw Tillich) zu stellen, haben Sie, liebe Leser, genauso wenig verdient wie Millionen anderer Sachsen.

Wir haben es heute so gemacht, wie es die Hamburger Kollegen auch hätten machen sollen - wir haben MIT den Menschen geredet. Nicht ÜBER sie. Das ist nicht unbedingt repräsentativ - aber weitaus ehrlicher und authentischer als wilde Ferndiagnosen aus dem hohen Norden.

Fotos: Uwe Meinhold, Sven Gleisberg, Maik Börner


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