Clausnitz-Flüchtlinge: „Warum habt ihr Angst vor uns?“

Haben Angst, nach draußen auf die Straße zu gehen: Sadegh Rajbar (24) und Mahsa Narimany (18), Flüchtlinge aus dem Iran. Sie wohnen jetzt in der sächsischen Provinz.
Haben Angst, nach draußen auf die Straße zu gehen: Sadegh Rajbar (24) und Mahsa Narimany (18), Flüchtlinge aus dem Iran. Sie wohnen jetzt in der sächsischen Provinz.

Von Katrin Richter

Clausnitz - Nach Freital, Dresden und Heidenau gab‘s jetzt auch in Clausnitz eine Hass-Nacht. Ein grölender Mob von 100 Menschen blockierte am Donnerstagabend die Ankunft eines Busses mit 25 Flüchtlingen. Am Samstag wurde dort gegen Rassismus demonstriert. Lokaltermin vor Ort.

Einer, der voller Hass empfangenen wurde, ist Sadegh Rajbar (24). „Wir mussten vier Stunden im Bus warten“, erzählt er. Rajbar kam vor vier Monaten nach Deutschland, landete in Meißen. Er flüchtete aus dem Iran, wo er als Technischer Zeichner gearbeitet hatte.

„Vor 50 Tagen ist mein Sohn Babak zur Welt gekommen.“ Mit dem Baby im Arm stieg er Donnerstagabend aus dem Bus, lief durch die grölende Menge. „Ich habe das Haus seitdem nicht mehr verlassen - aus Angst.“ Warum die Deutschen Angst vor ihnen haben, versteht er indes nicht.

Auch von den anderen Flüchtlingen war gestern niemand auf der Straße. Stattdessen ein Riesentransparent am Ortseingang: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Auf einer Anhöhe vorm Ortsausgang stehen die Mehrfamilienhäuser, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Ein Mann in schwarzer Jacke läuft Streife, bewacht das Objekt.

Bitterer Empfang: Hier sind die Flüchtlinge jetzt untergebracht.
Bitterer Empfang: Hier sind die Flüchtlinge jetzt untergebracht.

Heimleiter Thomas Hetze (AfD) ist nicht zu sehen. Ausgerechnet er als AfD-Mitglied will hier eine Flüchtlingspolitik umsetzen, die er sonst anprangert.

Auf einer Demo im November sagte Hetze, er habe Angst um die Zukunft seiner Kinder. Jetzt betreut er die Flüchtlinge, deretwegen er Angst hat.

Die Stimmung ist aufgebracht. Eine Anwohnerin empört sich: „Erst Donnerstagnachmittag hat es plötzlich geheißen, es kommen Flüchtlinge. Nun gut, so schlimm ist es eigentlich nicht. Es sind hauptsächlich Familien und insgesamt gerade mal 20 Leute.“

Skilift-Betreiber Alexander Richter beschwichtigt: „Ich verstehe das nicht. Wir sind hier offen, haben immer wieder Ausländer am Hang.“ Andere sind offenbar sauer, weil es kein schnelles Internet im Ort gebe. Viele wandern nach Chemnitz oder Freiberg ab. Zurück bleibt Frust. „Wir fühlen uns einfach im Stich gelassen.“

Am Samstagbend formierten sich 100 Teilnehmer zu einer Solidaritätskundgebung. Einige kamen in Fahrgemeinschaften mit einem „Teil-Auto“. Eine Demo-Delegation übergab anschließend Lebensmittelspenden, Kuchen und einen Entschuldigungsbrief an die Flüchtlinge - auf Persisch.

Fotos: Norbert Neumann


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