Cottbus im Wut-Modus: Wie viel Gewalt vertragen die Stadt und ihre Bürger noch?

In letzter Zeit kam es in Cottbus immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ausländern.
In letzter Zeit kam es in Cottbus immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ausländern.  © Patrick Pleul/dpa

Cottbus - Brandenburgs zweitgrößter Stadt mit gut 100.000 Einwohnern droht der Gewalt-Kollaps. Eine Reihe von Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ausländern hat die Stimmung aufgeheizt. Doch wann ist die kritische Masse erreicht? Wann kippt die Stimmung in Cottbus endgültig?

Seit Monaten schon, aber im Januar nun in konzentrierter Form, kam es vermehrt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ausländern. Ein Nährboden für diejenigen, die bereits seit Beginn der Flüchtlingskrise die Schnauze voll hatten. So ist es nicht verwunderlich, dass es zu Rangeleien, Messerstechereien, Reizgas-Attacken oder eben zu "Ausländer raus"-Rufen kommt.

Beide Seiten schenken sich in diesem Konflikt nichts. Deutsche greifen Ausländer an, steigen sogar in eine Flüchtlingsunterkunft ein, um dort auf Flüchtlinge loszugehen. Und die andere Seite schaut ebenfalls nicht nur zu. Tage später dann ein Angriff von drei jugendlichen Flüchtlingen auf ein Ehepaar vor einem Einkaufszentrum, wie TAG24 berichtete. Vergeltung? Kurz darauf wird einer 16-Jährigen von einem syrischen Jugendlicher das Gesicht aufgeschnitten.

Beide Seiten schaukeln sich mit Gewalttaten hoch und mit ihr wird eine ganze Stadt in den Abgrund gerissen.

Landesregierung reagiert: Mehr Polizei, mehr Sozialarbeiter

Ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes und zwei Beamte der Bereitschaftspolizei auf Streife vor dem Einkaufszentrum Blechen Carré in Cottbus.
Ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes und zwei Beamte der Bereitschaftspolizei auf Streife vor dem Einkaufszentrum Blechen Carré in Cottbus.  © Patrick Pleul/dpa

Um dem Einhalt zu bieten, reagierte die brandenburgische Landesregierung.

Nach Cottbus sollen zunächst keine Flüchtlinge mehr aus der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung verteilt werden, wie es am Freitag aus dem Innenministerium hieß.

Zudem wurde gleich spürbar die Polizeipräsenz erhöht. Zusätzliche Sozialarbeiter sollen präventive Maßnahmen an Schulen oder anderen öffentlichen Einrichtungen leiten, um der Gewalt bereits früh entgegenzuwirken.

Doch Gewalt erzeugt zwangsläufig immer Gegengewalt. Am Wochenende versammelten sich rechtsgerichtete Demonstranten an dem besagten Einkaufszentrum. Journalisten wurden dabei angegriffen. "Zukunft Heimat" hatte dazu aufgerufen und spricht von rund 2500 Teilnehmern - so viele nahmen in der Innenstadt von Cottbus noch nie an einer Kundgebung gegen die Ausländerpolitik teil, sofern die Zahl stimmt.

Wird Cottbus das zweite Pegida-Dresden?

Immer wieder wird in Cottbus gegen Zuwanderer demonstriert.
Immer wieder wird in Cottbus gegen Zuwanderer demonstriert.  © Michael Helbig/dpa

Immer wieder hört man dieser Tage die Befürchtung, dass Cottbus ein zweites Pegida-Dresden werden, die Stimmung in der Lausitzstadt kippen könnte. Der Dresdner Politologe Werner Patzelt sagt zum Vergleich Dresden - Cottbus: "Es gibt Parallelen, aber es gibt auch Unterschiede."

In Dresden sei es um dasselbe gegangen: Reale Probleme einer Einwanderungsgesellschaft, bei der sich die Bevölkerung in sehr kurzer Zeit in sehr auffälliger Weise verändert. Das, was in Dresden aber noch Sorge vor der Zukunft gewesen sei, entzünde sich in Cottbus an inzwischen gegenwärtigen Problemen.

Dass jedoch solche Szenen genau in Cottbus abspielen, wo die AfD bei der Bundestagswahl im Herbst bei den Zweitstimmen stärkste Kraft (24 Prozent) wurde, sieht Patzelt als "hochgradig zufällig".

CDU-Landeschef besorgt, AfD greift an

Brandenburgs CDU-Landeschef Ingo Senftleben befürchtet einen "Flächenbrand".
Brandenburgs CDU-Landeschef Ingo Senftleben befürchtet einen "Flächenbrand".  © Bernd Settnik/dpa

Brandenburgs CDU-Landeschef Ingo Senftleben (43) ist besorgt. Er befürchte, dass sich in Cottbus und der Lausitz ein politischer "Flächenbrand" entzünden könnte - ausgelöst von der AfD, hatte Senftleben kürzlich dem rbb gesagt.

Die AfD versuche zusammen mit Initiativen wie "Zukunft Heimat", die die Demonstration am Wochenende initiiert hatte, oder Pegida das Bild nach außen zu vermitteln, die Bewegung gegen Ausländer werde immer größer.

Die AfD versucht nach eigenen Angaben, bei der nächsten Landtagswahl im Jahr 2019 - anders als in der Vergangenheit - für alle südbrandenburgischen Wahlkreise und Ämter Kandidaten aufzustellen.

Am Dienstag teilte die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Fraktion im Landtag, Birgit Bessin, zu Cottbus mit: "Zu viele Flüchtlinge in Cottbus und zu viele Gewalttaten eben durch Flüchtlinge heißt: Es ist zu viel, es reicht."

Titelfoto: Michael Helbig/dpa