St. Pauli gegen HSV: Aufgeheizte Stimmung vorm Derby

Hamburg - Für viele Fußballfans in Hamburg gibt es Sonntag den Höhepunkt der Saison: St. Pauli gegen HSV. Schon Tage vorher flogen die Giftpfeile. Es geht um viel.

Fans zündeten beim Hinspiel HSV gegen FC St. Pauli Pyrotechnik im Stadion.
Fans zündeten beim Hinspiel HSV gegen FC St. Pauli Pyrotechnik im Stadion.  © dpa/Christian Charisius
Der FC St. Pauli hat den "Fußball-Gott", aber der Hamburger SV die größere Sehnsucht.

Denn der letzte Sieg des ehemaligen Bundesliga-Dinos gegen den Stadtnachbarn liegt unglaubliche 17 Jahre zurück (4:0), der letzte Erfolg des Vereins vom Kiez hingegen nur schlappe acht Jahre (1:0).

Beide Fanlager gieren am Sonntag im Stadtderby nach einem Punkte-Dreier, doch der Hunger müsste wegen der längeren Leidenszeit beim HSV einen Tick größer sein.

"Eine ganze Generation von HSV-Fans hat noch keinen Sieg im Derby gesehen. Es wird Zeit", betonte HSV-Trainer Hannes Wolf.

Von 20 Aufeinandertreffen in Pflichtspielen gewann der FC St. Pauli lediglich zwei (2:0, 1:0). Der HSV steht bei zehn Siegen mit einem Torverhältnis von 34:7, acht Mal gab es Unentschieden.

Das schwache Hinspiel vor fünf Monaten hatte keinen Sieger gefunden (0:0) (TAG24 berichtete).

Vor dem mit Spannung, Vorfreude, aber auch Sicherheitsbedenken erwarteten Lokalderby schießen sich Vereine und Fans verbal auf den gefühlten Saisonhöhepunkt ein.

Markus Kauczinski trainiert den FC St. Pauli.
Markus Kauczinski trainiert den FC St. Pauli.  © dpa/Axel Heimken

Ihre gegenseitige Abneigung, meist mit Verbalfäkalien angereichert, schleudern sich die Anhänger beider Lager schon seit Wochen entgegen. Man mag sich nicht, lacht herzhaft über die Misserfolge des anderen und wünscht sich gegenseitig so ziemlich jede Schlechtigkeit der Welt an den Hals.

Die Stimmung ist aufgeheizt. Am Freitag konnte die Polizei verhindern, dass hunderte Hooligans den Streit mit Gewalt austragen (TAG24 berichtete).

Ein Vereinspräsident drückt solcherart Befindlichkeiten natürlich vornehmer aus. "Wenn der Fußballgott gerecht ist, dann gewinnt der FC St. Pauli und steigt auch vor dem HSV auf, weil man irgendwann auch mal die Quittung bekommen muss für das, was alles schiefgelaufen ist in den letzten Jahren", giftete St. Paulis Präsident Oke Göttlich im NDR-Fernsehen.

"Frechheit!", entfuhr es HSV-Sportvorstand Ralf Becker in der Bild-Zeitung. "Solche Aussagen sind nicht zu tolerieren."

Tormaschine Alexander Meier, nach fünf Treffern in sechs Spielen als "Fußball-Gott" auf St. Pauli angehimmelt, hat schon einmal Derby-Luft geschnuppert. Damals, im Jahr 2002, war er Einwechselspieler beim HSV.

Jetzt erlebt er eine Neuauflage, aber auf der Gegenseite. Mit Blick auf die Aufstiegschancen übt er Gelassenheit.

"Wir haben nicht den Druck, es schaffen zu müssen. Wenn wir am Ende nicht mehr vorne dabei sind, sagen alle: 'Das ist normal'".

Ganz anders acht Kilometer nordwestlich in der Sylvesterallee. Da käme ein verpasster Aufstieg einer Finanzkatastrophe gleich.

HSV spürt finanziellen Druck

HSV-Trainer Hannes Wolf muss mit dem HSV den Wiederaufstieg in die Bundesliga schaffen.
HSV-Trainer Hannes Wolf muss mit dem HSV den Wiederaufstieg in die Bundesliga schaffen.  © dpa/Axel Heimken

Ein Jahr 2. Liga reicht dem Fast-immer-Bundesligisten HSV, der dringend das prallere Bundesliga-TV-Geld benötigt.

Im vorangegangenen Geschäftsjahr drückten den Rautenclub satte 85 Millionen Euro Verbindlichkeiten. In dieser Saison wird er zum neunten Mal in Folge ein sattes Millionenminus schreiben.

Die Stadtnachbarn vom Kiez können frohlocken. Bei ihnen gab es zum siebten Mal nacheinander einen Gewinn. "In Hamburg sind wir jetzt die Soliden", stichelte schon 2017 Kassenprüfer Michael Wolff mit Blick Richtung Volkspark.

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Dass der HSV um den Aufstieg spielen wird, hat beinahe jeder Fußballinteressierte erwartet. Dass aber St. Pauli ebenso oben drin steht, überrascht. "Wir haben den klaren Auftrag, den Aufstieg zu schaffen", gestand HSV-Torjäger Pierre-Michel Lasogga.

Bei St. Pauli fordert das niemand, aber euphorisiert ist man dort natürlich trotzdem: "Wir freuen uns darauf, mit den Fans ein Fest zu feiern. Natürlich spürt man, dass in der Mannschaft das Kribbeln steigt", sagte Trainer Markus Kauczinski über sich und seine Kiezkicker.

Der Trend weist beim Bundesliga-Absteiger bergab. In der Rückrunde gewann der HSV von vier Auswärtsspielen gar keines (drei Niederlagen, ein Unentschieden).

Jetzt geht es erneut zum Gegner. "Statistische Werte sind zu klein, um daraus ein Muster abzulesen", konterte Wolf.

Da die Partie als Risikospiel eingestuft ist, werden mindestens 1800 Polizisten Stadion und Kiez sichern (TAG24 berichtete). Vor und nach dem Spiel sowie im Stadion wird eine strickte Trennung der Fanlager erfolgen. "Solange es nur die Stimmung ist, mache ich mir keine Sorgen. Es soll aber friedlich sein und nicht in Gewalt umschlagen", mahnte Wolf.

Das Millerntor-Stadion ist mit 29.226 Zuschauern ausverkauft. Um den Bereich der Gästefans wird eine Pufferzone eingerichtet. Daher werden 320 Anhänger weniger als sonst im Stadion sein.

Da der HSV nur 3000 Karten erhielt, werden die Tickets im Internet zu unverschämten Preisen angeboten. 3000 Euro soll ein Stehplatzticket kosten. Es geht aber auch anders.

Der HSV bietet in seiner Arena ein Public Viewing an - kostenlos: 8000 Menschen werden im Volksparkstadion erwartet.

Titelfoto: dpa/Axel Heimken

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