DFB entscheidet: Darf BVB-Juwel Moukoko noch in diesem Jahr Bundesliga spielen?

Dortmund - Ist der 20. November der Stichtag für Youssoufa Moukoko (15)? An diesem Tag wird das BVB-Sturmjuwel 16 Jahre jung - und könnte dann in der 1. Bundesliga spielen! Allerdings nur, wenn der DFB mitmacht.

Youssoufa Moukoko hat für die U19 des BVB in dieser Saison 26 Tore in 21 Spielen erzielt und acht Vorlagen gegeben.
Youssoufa Moukoko hat für die U19 des BVB in dieser Saison 26 Tore in 21 Spielen erzielt und acht Vorlagen gegeben.  © dpa/Peter Ludewig

Dessen Kommissionen Fußball und Nachwuchsleistungszentren plädieren für eine Herabsenkung der Altersgrenze auf 16 Jahre, Borussia Dortmund will einen entsprechenden Antrag zeitnah einreichen, wie "Bild" und "Welt" berichten.

Eine solche Regeländerung bedarf der Zustimmung der DFL-Vollversammlung mit den 36 Klubs der 1. und 2. Liga.

Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter der Nationalmannschaften beim Deutschen Fußball-Bund, sagte: "Grundsätzlich halten wir es für zielführend, jungen Spielern möglichst viel Zeit für ihre individuelle Entwicklung zu geben. In Ausnahmefällen kann es durchaus Sinn machen, Top-Talente früher an das höchste Level heranzuführen, das zeigen auch Beispiel aus dem Ausland."

Bislang müssen Spieler ihr 18. Lebensjahr vollendet haben oder zumindest zum jüngeren Jahrgang der U19 zählen, um bereits im Profifußball eingesetzt werden zu dürfen.

BVB-Nachwuchskoordinator Lars Ricken erläuterte den Vorstoß seines Vereins wie folgt: "Wir haben gegenwärtig einen großen Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Ligen und internationalen Wettbewerben, weil wir sehr junge Spieler, die über außergewöhnliches Talent verfügen, in Deutschland nicht im Profiteam einsetzen dürfen."

RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann sieht eine Herabsetzung kritischer

Youssoufa Moukoko ist körperlich schon sehr weit. Geht die Herabsetzung der Altersgrenze auf 16 Jahre durch, könnte er Ende 2020 sein Bundesliga-Debüt geben.
Youssoufa Moukoko ist körperlich schon sehr weit. Geht die Herabsetzung der Altersgrenze auf 16 Jahre durch, könnte er Ende 2020 sein Bundesliga-Debüt geben.  © dpa/ Revierfoto

Der Champions-League-Sieger von 1997 fügte hinzu: "Es gibt gegenwärtig leider mehrere konkrete Beispiele dafür, dass Spieler sich gegen die Bundesliga entschieden haben, weil sie im Ausland schon wesentlich früher im Profiteam eingesetzt werden dürfen."

Deshalb sei es für die Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs notwendig, "eine optimale Ausbildung für verschiedene Entwicklungsverläufe anzubieten. Für jeden Entwicklungstyp, ob Früh- oder Spätentwickler, sollte es einen professionellen Ausbildungsweg geben."

Kritischer sieht RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann die Angelegenheit: "Spontan gesagt, bin ich davon nicht der allergrößte Freund. Es wird sich viel über mangelnde Entwicklungsmöglichkeiten von Führungspersönlichkeiten auf Spielerebene beklagt. Wenn ich die Spieler noch früher hoch schiebe, sind sie noch mehr Druck ausgesetzt, werden noch mehr beäugt."

Der Coach fügte auf der Spieltagspressekonferenz der "Bullen" hinzu: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für die Persönlichkeitsentwicklung super ist, wenn er mit 16 dann schon Bundesliga spielen kann." Nur bei Ausnahmetalenten sehe er kein Problem.

Die Aussagen von Ricken und Nagelsmann sind beide nachvollziehbar. Das entscheidende Argument wurde aber noch gar nicht vorgebracht: dass ein durchschnittlich talentierter U19-Bundesliga-Spieler noch lange nicht so weit ist, um im Männerbereich Fuß zu fassen.

Nur Ausnahmetalente wie Romelu Lukaku können den Sprung dauerhaft schaffen

Romelu Lukaku war ein Frühentwickler und debütierte mit 16 Jahren für den RSC Anderlecht. Heute ist er ein Weltklasse-Stürmer und spielt bei Inter Mailand, wo er in dieser Saison auf 18 Tore und vier Vorlagen in 26 Spielen kommt.
Romelu Lukaku war ein Frühentwickler und debütierte mit 16 Jahren für den RSC Anderlecht. Heute ist er ein Weltklasse-Stürmer und spielt bei Inter Mailand, wo er in dieser Saison auf 18 Tore und vier Vorlagen in 26 Spielen kommt.  © dpa/Luca Bruno/AP

Wer halbwegs regelmäßig U17- und U19-Spiele verfolgt, bekommt einerseits oft schnellen und ansehnlichen Fußball zu sehen, erkennt also die exzellente Ausbildung der Kicker, muss andererseits aber einen großen Unterschied in Sachen Intensität zum Männerbereich feststellen.

Und der Sprung vom Jugendspieler hin zum Männerfußball ist nun mal der größte und entscheidendste im Leben eines Fußballers. Oft genug sind herausragende Jugendspieler mit den extremen Anforderungen des Profigeschäfts nicht zurechtgekommen.

Ob durch schwere Verletzungen, den deutlich wachsenden Druck, falsche Berater, die große mediale Aufmerksamkeit oder mangelndes Vertrauen der Verantwortlichen: die Gründe dafür sind vielfältig.

Deshalb muss man jeden Fall einzeln betrachten und sich ganz sicher sein, dass ein so junger Mensch schon bereit für diese extremen Leistungsanforderungen ist.

Talente wie der heutige Weltklasse-Mittelstürmer Romelu Lukaku, der im Alter von 16 Jahren, drei Monaten und sechs Tagen für den RSC Anderlecht in der Champions-League-Qualifikation debütierte und nur drei Tage später seinen ersten Einsatz in der belgischen Jupiler Pro League feierte, sind da eher die Ausnahme.

Lennart Hartmann gab früh sein Debüt und spielt heute unter Thomas Häßler in Liga sieben

Lennart Hartmann, hier im Trikot von Berlin United, spielt mittlerweile in der siebtklassigen Berliner Landesliga beim BFC Preußen.
Lennart Hartmann, hier im Trikot von Berlin United, spielt mittlerweile in der siebtklassigen Berliner Landesliga beim BFC Preußen.  © Stefan Bröhl

Der heutige BVB-Coach Lucien Favre erkannte vor zwölf Jahren bei Hertha BSC beispielsweise das Talent des hoch veranlagten Lennart Hartmann aus dem eigenen Nachwuchs.

Der Schweizer Coach setzte den zentralen Mittelfeldspieler erst in der UEFA-Cup-Qualifikation ein, dann im DFB-Pokal und verhalf ihm anschließend im Alter von 17 Jahren, vier Monaten und 14 Tagen zu seinem Bundesliga-Debüt.

Doch bald wurde Favre entlassen, unter Nachfolger Friedhelm Funkel war er außen vor, Hartmann wechselte, wurde mehrfach von schweren Verletzungen zurückgeworfen, sodass er seinen Traum vom Profifußball früh begraben musste und heute im Alter von 28 Jahren unter Trainer Thomas "Icke" Häßler beim BFC Preußen in der siebtklassigen Berliner Landesliga spielt.

Und er ist nur eines von vielen Beispielen. Denn junge Talente aus den Nachwuchsleistungszentren müssen für die Profitrainer erkennbar besser sein und Elemente in das Spiel der Mannschaft bringen, die andere nicht haben.

Sie sind also auch von Glück und Zufällen abhängig, weshalb es nur die wenigsten bis in die Bundesliga schaffen. Und noch deutlich weniger können sich über Jahre hinweg dort behaupten. Denn die nächsten Jahrgänge scharren schon mit den Hufen.

Deswegen ist die Herabsetzung der Altersgrenze eine komplexe Angelegenheit. Für Frühentwickler ist das eine gute Sache. Doch die Vereine sind dann bei allen Kickern trotz des engen Terminplans mehr denn je in der Pflicht, die Teenies nicht zu verheizen und behutsam an die großen Herausforderungen heranzuführen. Beim BVB und Moukoko könnte das gut gehen ...

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