Regisseur packt aus: Kiez-Komödie spielte mehr ein als Til Schweigers "Head Full of Honey"

Hamburg - Den aktuellen Hamburger Trend-Kinofilm "Die Glücksschmiede" von Julian Behrens (30) hätte es beinahe gar nicht gegeben, hätte der mutige Regisseur nicht seinen Bausparvertrag und die wohl lässigsten Freunde in der Hinterhand gehabt.

An guter Promo für den Film "Die Glücksschmiede" mangelte es sicher nicht.
An guter Promo für den Film "Die Glücksschmiede" mangelte es sicher nicht.  © Julian Behrens/HFR

Dass ein Independent-Film es in Deutschland ohne Filmförderung, Verleih und Reputation tatsächlich auf die Kinoleinwand schafft, ist dann neben der eigentlichen Realisierung, noch so ein Ding der Unmöglichkeit.

Doch das alles interessierte den Hamburger Julian Behrens, Macher und treibende Kraft hinter dem Projekt, überhaupt nicht - zum Glück!

"Aus einer Schnapsidee ist ein Mammutprojekt entstanden, das 3 Jahre Umsetzungszeit in Anspruch genommen hat", erzählt Behrens von den Anfängen des Projekts. Heute ist er schon gefühlte Lichtjahre weiter:

Nach zahlreichen und allesamt ausverkauften Aufführungen in Hamburg und auch in Berlin, läuft der Film am 31. März vorläufig ein letztes Mal im Zeise-Kino. Und das liegt natürlich da, wo das Herz des Films schlägt: im Hamburger Stadtteil Altona. Und wieder ist ein Großteil der Tickets für die Vorstellung um 20.45 Uhr bereits vergriffen.

Die Story ist eine nahezu wahnwitzige Geschichte über Behrens Stadtteil: Hier sind Hufschmied Kudde (Kalle Tudyka, 27), Dönerverkäufer Onur (Onur Erdogan, 30) und Bankkaufmann Jamal (Jamal Thiem, 29) zu Hause. Unabhängig von Nationalität und Herkunft versuchen sie alles, um es ganz nach oben zu schaffen – aber wie?

Als Hufschmied Kalle arbeitslos wird, nachdem er ein Pferd aus Versehen mit LSD vergiftet hat, kommt ihm DIE Idee: "Deutscher Döner" mit Schweinefleisch, Rotkohl und brauner Soße. Ein Erfolgsrezept?

Interview mit dem Regisseur Julian Behrens

Regisseur Julian Behrens (30) geht durch "sein" Viertel Ottensen, das in Hamburg-Altona liegt. Hier spielt auch sein Film.
Regisseur Julian Behrens (30) geht durch "sein" Viertel Ottensen, das in Hamburg-Altona liegt. Hier spielt auch sein Film.  © Julian Behrens/HFR

Sein Glück hat Julian Behrens sich mit dem Kinofilm jedenfalls schon mal selbst geschmiedet – und aus nachvollziehbaren, Budget-technischen Gründen alle Rollen mit Menschen aus seinem Freundeskreis besetzt.

Und der Plan ging offenbar auf: Die Kiez-Komödie aus Hamburg-Altona, die tatsächlich ausschließlich mit Laiendarstellern aus Behrens Dunstkreis gedreht wurde, besticht durch Humor, Sprache und den ehrlichen Charakteren, die dem Film unter Leitung des verhältnismäßig jungen Regisseurs seine Seele geben.

Nur beim Soundtrack und an der Kamera hat sich die Gruppe professionelle Hilfe geholt: Untermalt wird die Geschichte durch Musik von Sebastian Schürmann, der schon an Fatih Akins "Soul Kitchen" mitwirkte, und weiteren Beiträgen von Hamburger Gruppen wie der 187 Strassenbande oder Nihiling. Ein Streifen mit Kult-Potenzial!

TAG24: Moin Julian, was hat dich auf die zündende Idee gebracht, dein ganzes Erspartes auf den Kopf zu hauen und einen Film mit deinen Kumpels in der Hauptbesetzung zu drehen?

Julian Behrens: Als ich mit dem Drehbuch anfing, waren wir gerade alle Anfang 20 und mir war klar, dass diese Dynamik so nicht ewig bestehen wird und etwas ganz besonderes ist. Da das Drehbuch völlig absurd und untypisch ist, war mir auch klar, dass wir keine Förderung bekommen werden. Also blieb mir nichts anderes übrig, als es selbst umzusetzen. Obwohl ich Marketing studiert habe, war das nicht unbedingt die wirtschaftlichste Idee, aber manchmal sind andere Dinge wichtiger.

TAG24: Dein Film wurde nicht nur in der "Hood" in Altona mit überragendem Feedback angenommen. Auch in Berlin waren die Aufführungen ratzfatz ausverkauft. Damit hätte wohl keiner gerechnet, oder?

Julian Behrens: Es war sehr schön zu sehen, dass die Geschichte nicht nur lokal funktioniert. Viele Verleihe die uns im Vorfeld abgesagt haben, haben uns die interregionale Fähigkeit des Films abgesprochen. Ich hatte aber im Gefühl, dass das kein Hamburg-, sondern ein Großstadtfilm ist, der für Großstädter nachzuvollziehen und alle anderen interessant sein kann. Berlin hat es bewiesen!

TAG24: Mit welchen Erfolgen des Films kannst du noch prahlen?

Julian Behrens: Witziger Weise, haben wir alleine in Ottensen mehr an der Kinokasse umgesetzt, als Til Schweigers amerikanische Version von seinem Erfolgsfilm "Honig im Kopf" in den gesamten USA. Das lag aber nicht daran, dass wir so viel umgesetzt haben, sondern weil Til unterirdisch wenig umgesetzt hat und nach wenigen Tagen aus allen Programmen geschmissen wurde.

Zu diesem Funfact hab ich spontan eine Instagram-Grafik gemacht, die einigermaßen viral gegangen ist, da alle Til Schweiger verlinkt haben. Ich hoffe er hat es gesehen und sich so darüber aufgeregt, dass er sein Bier über die Tastatur verkippt hat.

Aber kein Beef mit Til! Soweit ich weiß, war er einer der ersten deutschen Schauspieler, die ihr eigenes Geld in die Produktion gesteckt haben. Somit ist er ein Vorreiter im im Thema selfmade & independent und kriegt den größten Respekt von mir. Aber witzig ist es trotzdem!

Hamburgern und Berlinern könnte das Filmplakat von "Die Glücksschmiede" bereits häufiger ins Auge gefallen sein.
Hamburgern und Berlinern könnte das Filmplakat von "Die Glücksschmiede" bereits häufiger ins Auge gefallen sein.  © Julian Behrens/HRF

TAG24: Und wie gehst du mit dem Erfolg um? Immerhin bist du jetzt quasi Regisseur!

Julian Behrens: Finanziell ist das ganze ungefähr so erfolgreich wie Kudde's Dönerbude im Film. Wenn ich jedoch zurückblicke, an was wir uns da gewagt haben, kann man das aber schon als Erfolg betrachten.

Wir liefen bis auf 2 Vorstellungen nur in einem Kino für 8 Monate und haben ohne Promobudget über 2500 Zuschauer ziehen können. Alles durch Zusammenhalt, harte Arbeit und Kreativität!

Regisseur bin ich schon lange, da ich schon bevor wir einen Film gedreht haben, versucht habe diesen Chaotenhaufen zu dirigieren. Als ich hinter der Kamera stand haben sie aber zum ersten Mal auf mich gehört. Also alle, außer Kalle!

TAG24: Du warst schon immer kreativ, hast vor dem Filmdreh viel Musik gemacht. Hat das Filmemachen deine Leidenschaft für Hip-Hop ersetzt?

Julian Behrens: Ich bin ans Filmemachen wie an die Musik rangegangen, von der Kreation, über Produktion, bis hin zur Promo. So ziemlich jede Nebenrolle war durch jemanden besetzt, den ich aus der Hip-Hop-Szene kenne. Auch wenn er sich nicht so anhört, doch der Soundtrack von "Sebastian Schürmann", ist von jemandem, der seine Wurzeln im Hip-Hop hat. Für mich ist Filmemachen somit Hip-Hop.

Dank des technischen Fortschritts, gibt es heute auch nicht mehr so hohe Eintrittsbarrieren. Ein Handy und ein Schnittprogramm reichen. Das sieht man ja an den ganzen YouTubern.

TAG24: Am 31.3. steht die vorerst letzte Aufführung von "Die Glücksschmiede" an. Wie geht es dann weiter?

Julian Behrens: Wir schauen, ob wir noch ein paar Vorstellungen in anderen Städten realisieren können, sowie in ein paar Open Air Kinos platziert werden können. Für den Sommer haben wir auch in Hamburg noch einmal etwas großes geplant.

Falls jemand der das liest, uns zu einer Vorstellung in einer anderen Stadt verhelfen kann, soll er sich bitte bei uns melden! Viele der Schauspieler haben sich als große Talente herausgestellt.

Ansonsten heißt es: Neues Drehbuch und diesmal ganz Deutschland mit unserem frischen Wind aufwirbeln!

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