Meine Kartoffelkäfer sind Sachsens älteste Rocker

Die Rockerszene in Sachsen - sie ist bunt und vielfältig, aber auch verschlossen und voller Rätsel. In unserer neuen Serie wollen wir einen Einblick in eine faszinierende, teilweise auch verstörende Subkultur geben - unverstellt, ungeschönt und jenseits üblicher Klischees. Rockerclubs haben uns ihre Türen geöffnet, Polizisten ihre Akten, ein Philosoph seine Gedankenwelt.

Schweden-Rennfahrer Lennart Hedlund auf seiner Ducati auf der Saale-Schleife. Ein Anblick, der die Grimmaer Biker faszinierte.
Schweden-Rennfahrer Lennart Hedlund auf seiner Ducati auf der Saale-Schleife. Ein Anblick, der die Grimmaer Biker faszinierte.

Von Alexander Bischoff und Jens Fuge

Grimma - Wenn sie auf Motorradtreffen erscheinen, dann ziehen sie die Blicke auf sich. Besser: ihre schwarz-gelb geringelten Helme, die der Kartoffelkäferbande Grimma den Namen gaben. Doch die wenigsten kennen die Geschichte hinter den Farben. Und auch nur Insider wissen, dass die Kartoffelkäfer der älteste Motorradclub Deutschlands sind.

Wir schreiben das Jahr 1958. Auf der Saale-Schleife in Halle läuft das Rennen der 125er Klasse. Auch der damals 20-jährige Lennart Hedlund heizt auf seiner Ducati mit der Startnummer 153 über die Strecke.

Auf dem Kopf trägt der Schwede einen schwarz-gelb geringelten Helm.

Gründungsmitglied Klaus "Gustel" Köhler (78) mit dem Originalhelm von Rennfahrer Hedlund, den der Schwede 2008 den Kartoffelkäfern schenkte.
Gründungsmitglied Klaus "Gustel" Köhler (78) mit dem Originalhelm von Rennfahrer Hedlund, den der Schwede 2008 den Kartoffelkäfern schenkte.

Ein paar Grimmaer Biker stehen mit ihren Awos und Jawas an der Strecke und sind fasziniert.

„Der Helm imponierte uns und so beschlossen wir damals, unsere Helme auch so zu gestalten“, berichtet Klaus „Gustel“ Köhler (78). Es war die Geburtsstunde der Kartoffelkäferbande.

Heute steht Hedlunds Original-Rennhelm in der Ehrenvitrine im Clubhaus der Grimmaer Biker.

„Als ihn uns Lennart 2008 in einem Paket schickte, hatten unsere Alten beim Auspacken Tränen in den Augen“, erzählt Kartoffelkäfer-Präsi Tilo Urban (54).

Die wilden Kerle. Rocker der Kartoffelkäferbande in den 1960er Jahren. Mit ihnen hat man sich besser nicht angelegt.
Die wilden Kerle. Rocker der Kartoffelkäferbande in den 1960er Jahren. Mit ihnen hat man sich besser nicht angelegt.

Mit ihren fast 57 Jahren ist die Kartoffelkäferbande mit Abstand Sachsens ältester Bikerclub. Und in den 1960er und 70er Jahren war es auch einer der berüchtigtsten - jedenfalls für die Volkspolizei und Tanzdielen-Betreiber.

„Wenn wir auf Tanzveranstaltungen kamen, hat einer seinen Helm genommen, ihn über den Boden geschlittert, und an dem Tisch, wo er liegen blieb, hieß es dann: Das ist jetzt unser Tisch - aufstehen oder es gibt Wamse“, erinnert sich Gustel an die raubeinigen Tage.

Die Kartoffelkäfer vor ihrem Clubhaus. Das Torhaus des Rittergutes Grimma-Böhlen haben sie selbst restauriert.
Die Kartoffelkäfer vor ihrem Clubhaus. Das Torhaus des Rittergutes Grimma-Böhlen haben sie selbst restauriert.

Nicht ganz verwunderlich, dass sich die Käfer der besonderen Aufmerksamkeit der Volkspolizei erfreuten. „Wir sind ständig angehalten und gefilzt worden“, erzählt Gustel.

Eine Kontrolle in den 1970ern auf dem Marktplatz durch den Abschnittsbevollmächtigten (ABV), wie Bürgerpolizisten früher hießen, sorgt im Club noch heute für Lachsalven.

Gustel: „Der hatte mal wieder unsere Führerscheine am Wickel, da hat sich einer angeschlichen und dem ABV bei der Kontrolle von hinten an die Stiefel gepinkelt.“

Käfer-Präsident Tilo Urban (54, r.) und Club-Koch Matthias Riesche (56) mit ihren Ringel-Helmen, die sie bei allen Touren tragen.
Käfer-Präsident Tilo Urban (54, r.) und Club-Koch Matthias Riesche (56) mit ihren Ringel-Helmen, die sie bei allen Touren tragen.

Solche Eskapaden gibt’s heute nicht mehr. Immerhin gehören jetzt auch drei Frauen zum Club, der aktuell 50 Mitglieder und einen Prospect (Anwärter) zählt.

„Edelschrauber“ Gustel gehört der Kartoffelkäferbande bis heute an und ist noch immer mit seiner 250er Sport-AWO von 1958 unterwegs. Der jüngste Käfer ist 27 Jahre alt.

Fast jedes Wochenende sind die Schwarz-Gelben zu Bikertreffen unterwegs. „Wir haben mit allen Clubs der Gegend ein gutes Verhältnis“, sagt Präsi Tilo.

Eine besondere Freundschaft pflegen die Sachsen mit dem Harley-Club Prag, der noch einmal 30 Jahre älter ist als die Käferbande.

Wenn die Kartoffelkäfer im September zu ihrem Biker- und Trikertreffen laden, hat die Party Volksfestcharakter.
Wenn die Kartoffelkäfer im September zu ihrem Biker- und Trikertreffen laden, hat die Party Volksfestcharakter.

Auch auf den Partys der Leipziger Hells Angels sind die Muldental-Rocker gern gesehene Gäste.

Und immer im September eines Jahres lassen es die Kartoffelkäfer so richtig krachen. Ihr Biker- und Trikertreffen am Münchteich zählt mit zuletzt 3 000 Gästen zu den größten Bikerpartys im Freistaat.

Das nächste steigt vom 17. bis 20. September. Tilo: „Diesmal wollen sogar Biker aus Amerika kommen.“

Weitere Teile der Serie:

HOCHBURG LEIPZIG! NIRGENDS GIBT'S SO VIELE ROCKER

MYTHOS HARLEY: WOVON MÄNNER TRÄUMEN...

REGELN UND RITUALE DER ROCKER

SIE WACHEN ÜBER DEN ROCKERFRIEDEN

ALLE TEILE DER ROCKER-SERIE

Fotos: fotojump


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