Stammt hochgiftiges Dioxin im Naturschutzgebiet aus Boehringer-Werk?

Hamburg - Beim Dioxin-Fund in der Boberger Niederung im Osten Hamburgs ist ein extrem hoher Wert des hochgiftigen Stoffes gemessen worden. Das lässt an den Skandal um die Chemiefirma Boehringer in den 80er Jahren erinnern.

Mitarbeiter einer von der Umweltbehörde beauftragten Spezialfirma nehmen in Schutzanzügen Bodenproben in der Boberger Niederung.
Mitarbeiter einer von der Umweltbehörde beauftragten Spezialfirma nehmen in Schutzanzügen Bodenproben in der Boberger Niederung.  © dpa/Behörde für Umwelt und Energie/Maximilian Bube

Der für Flächen wie das Naturschutzgebiet vorgesehene Grenzwert von einem Mikrogramm pro Kilo werde um das 700-fache überschritten, sagte Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) am Donnerstag.

Das sei der höchste jemals außerhalb des früheren Boehringer-Werksgeländes in Hamburg gemessene Wert.

Da bislang nur das Ergebnis einer einzelnen Messung vorliege, sei noch nicht klar, ob es sich um eine punktuelle oder großflächige Belastung handele.

Die technisch wie zeitlich aufwendige Auswertung weiterer Proben müsse abgewartet werden. "Erst im Januar wissen wir, wie groß die betroffene Fläche ist", sagte der Senator.

Unabhängig davon handele es sich angesichts "des sehr, sehr hohen Werts" aber schon jetzt um ein "schweres Umweltvergehen".

Ein vier Hektar großes Gebiet rund um den Fundort ist seit Mitte Oktober abgesperrt (TAG24 berichtete). Da Dioxin besonders gefährlich ist, wenn es mit der Nahrung in den Körper gelangt, wurden auch Pilze und Beeren sowie Fische aus zwei am Fundort gelegenen Teichen untersucht.

Das Angeln ist bis auf weiteres untersagt. Der im Sommer bei vielen Badegästen beliebte Boberger See ist nach Angaben der Behörde nicht betroffen.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Boberger Niederung gilt als eines der schönsten Naturschutzgebiete Hamburgs.
Die Boberger Niederung gilt als eines der schönsten Naturschutzgebiete Hamburgs.  © Behörde für Umwelt und Energie

Der chemische "Fingerabdruck" zeige, dass es sich bei dem Dioxin höchstwahrscheinlich um Rückstände aus der Pflanzenschutzmittelproduktion handele, sagte Kerstan.

In dieser Zusammensetzung sei es nach bisherigem Kenntnisstand in Hamburg nur im wenige Kilometer entfernt gelegenen Moorfleeter Werk des Chemieunternehmens Boehringer angefallen. "Wie es in die Boberger Niederung gekommen ist, wissen wir nicht."

Die Probe sei im Rahmen regelmäßiger Bodenuntersuchungen eher zufällig an genau diesem Punkt genommen worden. "Es gab bislang keinerlei Verdacht, dass da eine Altlast liegen könnte", sagte Kerstan.

Luftaufnahmen von 1962 deuteten aber darauf hin, dass dort Industrieabfälle illegal entsorgt worden seien.

Die Wasserschutzpolizei habe Anzeige gegen unbekannt erstattet. Die Staatsanwaltschaft ermittele wegen schwerer Umweltvergehen.

Seine Behörde habe auch die Firma Boehringer Ingelheim schriftlich von dem Vorgang in Kenntnis gesetzt. "Weiter sind wir bisher aber noch nicht", meinte der Senator.

Info-Abend für Anwohner

Die Umweltbehörde hat Teile der Boberger Niederung für die Bevölkerung gesperrt.
Die Umweltbehörde hat Teile der Boberger Niederung für die Bevölkerung gesperrt.  © dpa/Bodo Marks

Mitte der 1980er Jahre hatte der Dioxin-Skandal um die Firma Boehringer Hamburg geschockt.

Weil das Dioxin auf dem Werksgelände in Moorfleet nicht beseitigt werden konnte, musste die betroffene Fläche über viele Jahre aufwendig versiegelt werden.

Das Gelände gilt auch heute noch als eine der bekanntesten Dioxin-Altlasten in Deutschland.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) begrüßte die Information der Behörden über den Stand der Untersuchungen. "Wir haben derzeit den Eindruck, dass die Umweltbehörde die Sache ernst nimmt", sagte der Hamburger Landesgeschäftsführer Manfred Braasch.

Dioxin gehöre zu den stärksten Umweltgiften. Wichtig sei neben der Information auch "eine konsequente Absperrung, da das Gebiet von vielen Spaziergängern, Hundebesitzern und Anglern genutzt wurde."

Die Umweltbehörde will den Anwohner am Dienstag (13. November) um 18 Uhr bei einer Informationsveranstaltung in der Stadtteilschule Mümmelmannsberg Rede und Antwort stehen.


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