"Ich woll­te Auf­merk­sam­keit": 19-Jäh­ri­ge er­fand Ent­füh­rung

Dippoldiswalde - Aus­re­den fürs Zu­spät­kom­men hat ja man­cher schon er­fun­den. Aber was Ka­rin L.* (19, *Name ge­än­dert) er­zählt hat, rief die Jus­tiz auf den Plan.

Karin L. (19) gestand ihr Lüge im Amtsgericht Dippoldiswalde ein und wurde verurteilt.
Karin L. (19) gestand ihr Lüge im Amtsgericht Dippoldiswalde ein und wurde verurteilt.  © Thomas Türpe

Die an­ge­hen­de Kran­ken­pfle­ge­hel­fe­rin be­haup­te­te, sie sei ent­führt wor­den! We­gen Vor­täu­schens ei­ner Straf­tat saß Ka­rin nun vor dem Amts­rich­ter in Dippol­dis­wal­de.

Ka­rin war im März 2017 spä­ter als ver­ab­re­det zu ih­rem Freund in Dres­den ge­kom­men. Die Be­zie­hung kri­sel­te, sie hat­te sich mit ei­nem an­de­ren Mann ge­trof­fen. "Aber das konn­te ich ihm nicht sa­gen", so die Frau.

Also spiel­te sie ihm Thea­ter vor: Mit zer­zaus­ten Haa­ren, au­gen­schein­lich ver­wirrt und de­ran­gier­ten Kla­mot­ten er­klär­te sie, man habe sie ent­führt. Der Freund fürch­te­te gar, sie sei ver­ge­wal­tigt wor­den und rief die Po­li­zei.

Auch der Kri­po er­zähl­te Ka­rin, sie sei an der Tha­rand­ter Stra­ße von ei­nem Mas­kier­ten mit stahl­blau­en Au­gen nie­der­ge­schla­gen und in ein Auto ge­zerrt wor­den. Spä­ter habe sie sich an den Elb­wie­sen mit of­fe­ner Hose und of­fe­ner Blu­se wie­der­ge­fun­den.

"Ich woll­te Auf­merk­sam­keit", so Ka­rin klein­laut. "Von mei­nen El­tern, mei­nen WG-Mit­be­woh­nern und von mei­nem Freund." Die be­kam sie dann auch: "Das war was Schö­nes. Aber gleich­zei­tig hat­te ich ein schlech­tes Ge­wis­sen", so die An­ge­klag­te, die das Thea­ter noch über drei Mo­na­te wei­terspiel­te, ehe eine Kri­mi­nal­kom­mis­sa­rin sie der Lüge über­führ­te.

"Wis­sen Sie ei­gent­lich, was Sie da in Gang ge­setzt ha­ben?", schimpf­te der em­pör­te Rich­ter. "Tut mir leid", ant­wor­te­te Ka­rin.

Der Rich­ter brumm­te der Ju­gend­li­chen 60 Ar­beits­stun­den auf. Sie muss das un­nö­tig er­stell­te Gut­ach­ten der Ge­richts­me­di­zin (500 Euro) zah­len und re­gel­mä­ßig zur Be­ra­tungs­stel­le der Ju­gend­hil­fe.

Meine Meinung: "Nicht zu dulden"

Von Steffi Suhr

Das war ein starkes Stück. Karin L.* (19, *Name geändert) erfand einfach eine Entführung. Weil sie zu spät heimkam! Geht's noch? Völlig zu Recht wertete die Justiz das nicht als "jugendtypisches" Vergehen. Das Verfahren wurde nicht eingestellt, sondern verhandelt und es kam zu einem Urteil.

Das Vortäuschen einer Straftat ist nicht nur besonders dreist. Es zeugt auch von fehlendem Respekt: Gegenüber Rettern und Polizisten. Aber auch gegenüber den wahren Opfern.

Karin L. beschäftigte mit ihrer Aktion monatelang Fahnder, Ärzte, Gutachter. Für nichts. Als hätten als diese Leute nicht genug zu tun. Für wahre Opfer war in dem Moment keine Zeit. Und dabei geht es um Minuten, wichtig Spuren, um Täter so schnell wie möglich zu fassen.

Und das Verhalten fördert das Misstrauen von Fahndern. Sie fragen natürlich in ähnlichen Fällen nach solchen Erlebnissen um so genauer und hartnäckiger nach Einzelheiten. Was wiederum dazu führt, dass sich wahre Opfer zum zweiten Mal attackiert fühlen.

Nein. So ein Verhalten darf nicht geduldet werden. Letztlich ist das so respektlos wie Gaffen bei Unfällen, wie Bepöbeln von Sanitätern und wie die Frechheit, keine Rettungsgasse bilden zu wollen.

Titelfoto: Thomas Türpe


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