Doping-Beben bei Ski-WM: Sportler hatte bei Razzia noch Nadel im Arm

Seefeld/Erfurt - Das Ende scheint noch lange nicht erreicht zu sein: Die "Operation Aderlass" hat Doping-Abgründe bei der Nordischen Ski-WM aufgedeckt und könnte auch noch andere Sportarten erfassen.

Es ist der größte Vorfall seit der Doping-Razzia bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin.
Es ist der größte Vorfall seit der Doping-Razzia bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin.

Fahnder erwischten bei einer Razzia im WM-Ort Seefeld einen österreichischen Langläufer kurz vor dem Wettkampf sogar noch mit der Nadel einer Bluttransfusion im Arm, sieben Verdächtige wurden in Tirol und zwei in Erfurt festgenommen.

"Es sind sicher auch noch andere Sportarten betroffen", sagte Dieter Csefan vom österreichischen Bundeskriminalamt am Mittwoch. Auslöser der neuen Ermittlungswelle waren die Enthüllungen des früheren Dopingsünders Johannes Dürr, einem österreichischen Langläufer.

Insgesamt wurden bei der "Zerschlagung eines weltweit agierenden Netzwerks" fünf Langläufer (zwei aus Österreich, zwei aus Estland sowie einer aus Kasachstan) und zwei weitere tatverdächtige Personen im WM-Ort in Tirol festgenommen, dazu in Erfurt der deutsche Sportmediziner Dr. Mark S. und sein Vater, der als Komplize beteiligt gewesen sein soll. Außerdem gab es 16 Hausdurchsuchungen.

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Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) zeigte sich von der Doping-Razzia in Erfurt erschüttert. "Ich bin schockiert und fassungslos", sagte er der TA. "Das ist eine ziemliche Katastrophe." Ramelow hofft auf eine rasche und umfangreiche Aufklärung der Vorwürfe.

Vor allem mit Blick auf die regelmäßig in Thüringen stattfindenden Wintersport-Weltcups und die für 2023 geplante Biathlon-WM müssten alle Beteiligten die Ermittlungen "sehr ernst" nehmen.

DSV nicht in Untersuchungen verwickelt, ZDF setzt Übertragung fort

Aussagen von Johannes Dürr hatten die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Er wurde 2014 selber beim Doping erwischt.
Aussagen von Johannes Dürr hatten die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Er wurde 2014 selber beim Doping erwischt.  © DPA

Der Deutsche Skiverband war in die Razzien und Untersuchungen nicht involviert, wie ein DSV-Sprecher sagte. Es seien von den Untersuchungen weder deutsche Sportler, noch das Umfeld oder deutsche Mannschaftsärzte betroffen, teilte der DSV mit.

Die Verantwortlichen in Österreichs Langlauf-Team zeigten sich von dem größten Vorfall seit den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin schockiert. Österreichs Langlauf-Koordinator Trond Nystad sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Ich hätte gedacht, dass sie trainieren und nicht, dass sie so einen Scheiß machen."

Neun der 16 Hausdurchsuchungs-Objekte hätten sich in Erfurt befunden, erklärte die Staatsanwaltschaft München I auf dpa-Anfrage. Die Ermittlungen hätten im Zusammenhang mit dem Verdacht des verbotenen Eigenblutdopings gestanden.

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Das österreichische Bundeskriminalamt hatte schon vor gut zwei Jahren bei der Biathlon-WM in Hochfilzen in den Teamunterkünften der kasachischen Nationalmannschaft eine Razzia durchgeführt. Bei der nächtlichen Durchsuchung wurden damals zahlreiche medizinische Produkte und Medikamente sichergestellt.

Für die Zuschauer vor dem TV wird sich trotz Skandal nichts bei der Übertragung ändern. "Wir nutzen die Live-Berichterstattung, um auch über diese kriminellen Aspekte im Sportumfeld zu berichten. Ein Ausstieg aus der Berichterstattung hilft nicht weiter", teilte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann mit.

Update 11.57 Uhr:

In der Praxis des festgenommenen Arztes sind auch Fußballer, Schwimmer, Radsportler, Handballer und Leichtathleten behandelt worden, auch hier kann nicht ausgeschlossen werden, dass noch weitere Doping-Fälle gefunden werden.

Über weitere Ermittlungsergebnisse und ob die Festgenommenen in Untersuchungshaft bleiben, war am Donnerstagvormittag offiziell zunächst nichts bekannt. Der Arzt soll allerdings im Laufe des Tages dem Ermittlungsrichter vorgeführt werden.

Dr. Mark S. wurde am Mittwoch in Erfurt festgenommen.
Dr. Mark S. wurde am Mittwoch in Erfurt festgenommen.  © Jens Meyer/AP/dpa

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