"Gender-Unfug!" Stadt ordnet neutrale Schreibweise an und kassiert Kritik

Lübeck - Ein Leitfaden über geschlechtsneutrale Sprache bringt der Lübecker Stadtverwaltung Kritik ein.

So müssen jetzt die Einwohner in Lübeck geschrieben werden: Lübecker:innen.
So müssen jetzt die Einwohner in Lübeck geschrieben werden: Lübecker:innen.  © Marcus Brandt/dpa

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) bot am Freitag Lübecker Stadtbediensteten Prozesskostenhilfe an, wenn sie eine neue Verordnung der Hansestadt nicht beachten.

Der Leitfaden soll mit Jahresbeginn geschlechtsneutrale Sprache in allen städtischen Publikationen sowie dem Schriftverkehr gewährleisten.

Eine besondere Rolle bekommt dabei der Doppelpunkt.

Aus Mitarbeitern werden "Mitarbeiter:innen", aus Schülern "Schüler:innen".

Sämtliche männlichen Mitbürger Lübecks sind "Lübecker:innen".

"Thomas Mann hätte sich für seine Heimatstadt geschämt", sagte der VDS-Vorsitzende Walter Krämer. Die Stadt setze sich über Regeln der deutschen Rechtschreibung hinweg.

Der VDS bezeichnet das zunehmende Bestreben nach mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache generell als "Gender-Unfug".

Update, 17.10 Uhr

Das Holstentor ist das Wahrzeichen von Lübeck.
Das Holstentor ist das Wahrzeichen von Lübeck.

Die Umsetzung der Verordnung soll in Lübeck sukzessive erfolgen, nicht alle Formulare, Flyer und sonstige Drucksachen können gleichzeitig angepasst werden.

Der Doppelpunkt sei ein Satzzeichen - und damit nichts, was man aktiv sprechen könne, kritisiert der VDS-Vorsitzende. Er hindere, wie auch das Gendersternchen oder das Binnen-I, den Lesefluss und stifte mehr Verwirrung, als dass er Klarheit schaffe.

"Der Dienstherr missbraucht hier in eklatanter Weise sein Weisungsrecht", sagte Krämer. Die geltende Rechtschreibung sehe entsprechende Monstrositäten aus gutem Grund nicht vor.

"Wer dieses grässliche Deutsch als Rechtfertigung für seine Arbeit zur besseren Gleichstellung von Mann und Frau nutzt, hat nicht verstanden, wo es gesellschaftlich bei diesem Problem wirklich hapert", sagte Krämer.

Dass selbst gewachsene und anerkannte Floskeln wie "Mannschaft", "Mutter-Kind-Parkplatz" und "Not am Mann" ausgemerzt werden sollen, komme einem Ausverkauf der deutschen Sprache gleich.

Da der verbindliche Leitfaden gegen geltendes Recht verstoße und gesellschaftlich gesehen unnötige Gräben zwischen den Geschlechtern schaffe, biete der VDS Prozesskostenhilfe an. Ein Prozess gegen die Stadt Zürich in der Schweiz laufe bereits.

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) sprach von einer "vollkommen überzogenen Reaktion". Und sie greife zu kurz, wenn der Leitfaden auf den Gender-Doppelpunkt reduziert werde.

Bisher werden viele Schreibweisen durcheinander verwendet

Jan Lindenau ist seit April 2018 Bürgermeister von Lübeck. (Archivbild)
Jan Lindenau ist seit April 2018 Bürgermeister von Lübeck. (Archivbild)  © Daniel Reinhardt/dpa

Bei der Stadt "werden für eine diskriminierungsfreie Ansprache geschlechtsunabhängige Formulierungen genutzt - zum Beispiel 'Lehrkraft für...' - mit der Zielsetzung, das Thema einer diskriminierungsfreien Sprache aktiv ins Bewusstsein aller Beteiligten zu holen", sagte Lindenau der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist der Schwerpunkt der Richtlinie."

Deshalb werde künftig in der Verwaltung so formuliert, dass sich alle Geschlechter angesprochen fühlten - zum Beispiel "Beschäftigte", "Studierende" oder "Teilnehmende". Nur wenn eine umfassende Formulierung nicht möglich sei, werde der Gender-Doppelpunkt verwendet.

"Der Doppelpunkt zwischen der maskulinen und femininen Endung soll in der Schriftsprache als Darstellungsmittel aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten dienen", teilte Lübeck zu dem Leitfaden mit. Ziel sei es, den Geschlechterdualismus aufzuheben.

"Spätestens seit dem Urteil des Bundesgerichtshofs, das das Recht auf Anerkennung eines dritten Geschlechts bestätigt und zu neuen gesetzlichen Änderungen führte, besteht auch für die Verwaltung der Hansestadt Lübeck Handlungsbedarf", betonte Lindenau. Lübeck als tolerante und offene Stadt müsse diskriminierungsfrei kommunizieren.

"Die Stellenausschreibungen der Stadt werden schon länger so gehandhabt - und es gibt positive Rückmeldungen, da der Doppelpunkt gut verständlich ist und nicht den Lesefluss stört", erklärte Lübecks Gleichstellungsbeauftragte Elke Sasse.

Eine Prozesskostenhilfe haben Stadt-Beschäftigte, die sich nicht an die neue Verordnung halten, laut Lindemann nicht nötig, "da wir bei der Hansestadt Lübeck kooperativ und partnerschaftlich Regeln umsetzen". Der Bürgermeister versicherte: "Niemand hat mit personalrechtlichen Konsequenzen zu rechnen, weil er einen Doppelpunkt nicht verwendet."

Allerdings wolle Lübeck konsequent den Gender-Stern und Binnen-I oder trennende Striche unterbinden. Aktuell werde alles durcheinander verwendet.

"Da sind wir mit dem VDS einer Meinung: Ein Durcheinander behindert den Lesefluss", sagte Lindenau.

Titelfoto: Marcus Brandt/dpa


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