107 Jahre! Lisbeth Exner wurde geboren, als in Sachsen noch ein König herrschte

Lisbeth erzählte TAG24-Reporter Hermann Tydecks (34) Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit.
Lisbeth erzählte TAG24-Reporter Hermann Tydecks (34) Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit.  © Petra Hornig

Dresden – Ein Zeitalter ohne Autos, Radios, elektrisches Licht: Lisbeth Exner hat es erlebt. Als sie geboren wurde, herrschte in Sachsen noch der König. Gerade erst feierte sie ihren 107. Geburtstag und ist damit Dresdens älteste Bewohnerin.

Ein paar Monate bevor die "Titanic" vom Stapel lief, wurde Lisbeth am 20. Januar 1911 im niederschlesischen Rothwasser (Deutsches Reich) geboren. Sie wuchs auf einem Bauernhof auf, erntete Kartoffeln. In ihrer Wohnstube leuchteten Petroleumlampen. Auf unbefestigten Wegen karrten Pferdegespanne.

1916 verlor die Familie ihre beiden Pferde: "Sie wurden für den Krieg abgeholt." In den Zwanzigern die Inflation: "Sobald Mutter Kostgeld bekam, gaben wir es aus. Einen Tag später war es nur noch die Hälfte wert."

Nach dem Schulabschluss (8. Klasse) ging Lisbeth 1928 nach Dresden, arbeitete als Hauswirtschafterin. Vier Jahre später wurde Sachsens letzter König Friedrich August III. (1865-1932) zu Grabe getragen. "Ich war auf der Prager Straße inmitten so vieler trauernder Menschen." Sie besuchte die Ritterspiele im Stallhof: "Ein Erlebnis, wie die Reiter mit Lanzen aufeinander los sind." Die Frauenkirche sah sie vorm Bombenhagel: "Der Altar war so schön. Gefiel mir besser als der neue."

1937 heiratete Lisbeth ihren Fritz in der Dresdner Matthäuskirche (li.). Und rechts Lisbeth mit ihrem Sohn Dietrich.
1937 heiratete Lisbeth ihren Fritz in der Dresdner Matthäuskirche (li.). Und rechts Lisbeth mit ihrem Sohn Dietrich.

1937 heiratete sie in der Matthäuskirche (Friedrichstadt) Fritz, einen Tischler. Nach zwei Jahren entzweite der Krieg die Familie, er wurde eingezogen. Im Winter 1941 schlitterte Sohn Dietrich (damals 3) über die gefrorene Elbe.

Bei der Post sortierte Lisbeth Päckchen für Soldaten. Fritz schrieb ihr, er ahne Schlimmes voraus. Darum floh sie 1944 mit Dietrich aus ihrer Wohnung an der Schützengasse nach Geising ins Erzgebirge. Nach Kriegsende kehrten sie zurück. Die Wohnung war heil, die Tischlerei in Trümmern.

Im Winter 1945 schaute Dietrich aus dem Fenster, rief: "Mutti, der Vati kommt!" Und wirklich, Fritz war aus Kriegsgefangenschaft freigekommen. "Wir waren so froh, aber die Zeiten hart. Wir mussten hamstern", erzählt Lisbeth.

Mühevoll errichteten sie eine neue Tischlerei. "Niemand hatte etwas, aber die Leute waren sehr hilfsbereit, überließen uns Werkzeuge. Fritz reparierte dafür Fenster und Schlösser."

1954 Lisbeths erster Urlaub überhaupt auf Rügen: "Großartig! Ich sah zum ersten Mal das Meer." 1976 ging sie in Rente. Bevor die Mauer fiel, starb Fritz. Auch zwei ihrer drei Kinder gingen vor ihr.

2006 zog die hochbetagte Frau mit 95 Jahren in der Friedrichstadt um: "Ich wohnte im Erdgeschoss, wollte aber Aussicht." Nun lebt sie im DRK-Seniorenheim gegenüber der Yenidze, fühlt sich wohl. "Meine Familie ruft täglich an oder kommt mich besuchen. Und wenn mir langweilig ist, singe ich alte Kinderlieder. Nur stricken kann ich nicht mehr, das vermisse ich."

Altersmüde ist sie trotz Rollstuhl und Hörgerät nicht: "Wenn die Leute lieb und gut zu mir sind, freue ich mich auf jeden neuen Tag." Nur einen Wunsch hat sie: "Wir mussten uns damals in Schlangen anstellen, um in den Fernsehturm zu kommen. Ich saß im Café oben, genoss den Rundblick. Der Turm soll wieder öffnen."

Erster Urlaub mit 43 Jahren: Lisbeth und Fritz an der Ostsee auf Rügen.
Erster Urlaub mit 43 Jahren: Lisbeth und Fritz an der Ostsee auf Rügen.  © Repro Petra Hornig
Lisbeth und ihr Sohn Dietrich (79).
Lisbeth und ihr Sohn Dietrich (79).  © Petra Hornig
Alles Gute und viel Gesundheit! Lisbeth Exner feierte gerade erst ihren 107. Geburtstag. Im DRK-Seniorenheim fühlt sich Dresdens älteste Bewohnerin wohl.
Alles Gute und viel Gesundheit! Lisbeth Exner feierte gerade erst ihren 107. Geburtstag. Im DRK-Seniorenheim fühlt sich Dresdens älteste Bewohnerin wohl.  © Petra Hornig

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