Jagdszenen am Altmarkt! Darum mussten die Dresdner das Rathaus abreißen

Wahl-Dresdner Andreas Rose (35) ist von der Geschichte der Stadt begeistert und 
macht sich regelmäßig auf Spurensuche. Hier kniet er an der Stelle, an der einst 
das alte Rathaus stand. Der Grundriss ist im Pflaster markiert.
Wahl-Dresdner Andreas Rose (35) ist von der Geschichte der Stadt begeistert und macht sich regelmäßig auf Spurensuche. Hier kniet er an der Stelle, an der einst das alte Rathaus stand. Der Grundriss ist im Pflaster markiert.  © Norbert Neumann

Dresden - Jährlich im Dezember tummeln sich Millionen Menschen auf dem Altmarkt zum „Striezeln“. Der heutige Striezelmarkt begann 1434 als Fleischmarkt und ist heute einer ältesten Weihnachtsmärkte der Welt.

Was kaum einer der Gäste ahnt: Auf dem großen, viereckigen Platz wurde die Stadt Dresden buchstäblich „geboren“: Der älteste Platz Dresdens (1370 als „Circulus“ erwähnt) ist seit dem Mittelalter Zentrum der Stadt.

Dort wurde übrigens nicht nur gehandelt, sondern auch reichlich Blut vergossen. Hexen und Verbrecher fanden hier bei Hinrichtungen den Tod - etwa Franz Laubler, der 1726 Kreuzkirchenprediger Hermann Joachim Hahn erstochen hatte.

Auch reichlich Wild ließ bei Tierhatzen auf dem Platz sein Leben. Für dieses „Vergnügen“ ließen die Fürsten den Altmarkt abriegeln, Tribunen aufbauen und Wild hineintreiben - vor die Lanzen und Flinten der adeligen Jagdgesellschaften.





Beim Wiederaufbau nach dem Krieg wurde auf die Gebäude an der Westseite des 
Altmarkte dieses Türmchen gesetzt. Es 
erinnert an das zweite Rathaus, das etwa an dieser Stelle stand.
Beim Wiederaufbau nach dem Krieg wurde auf die Gebäude an der Westseite des Altmarkte dieses Türmchen gesetzt. Es erinnert an das zweite Rathaus, das etwa an dieser Stelle stand.  © Norbert Neumann

Was dabei lange störte, war das mittelalterliche erste Rathaus auf der Nordseite des Platzes. August der Starke (1670-1733) ließ das Gebäude 1707 nach langem Widderstand der Dresdner abreißen.

Wenn nicht gerade Marktstände den Platz pflastern, erinnert ein im Boden markierter Grundriss an das Gebäude, das 1295 erstmals als Kaufhaus erwähnt worden war. Seit 1380 wurde der Komplex als Rathaus bezeichnet.

Dort gab es nicht nur einen Ratssaal, eine Rüstkammer und eine Gerichtsstube. Zur Entspannung gingen die Räte ins Untergeschoss: Im „Freibergschen Keller“ des Hauses flossen Wein und Bier (hauptsächlich aus Freiberg stammend), das den Räten höchst selbst gehörte. Die Herren waren übrigens auch Feinschmecker. Archäologen fanden später reichlich Austerschalen in den Latrinen ...

Nach dem Abriss erwarb der Rat zwei bürgerliche Gebäude am Westrand des Platzes als neuen Dienstsitz. Barock-Architekt Johann Christoph Knöffel (1686-1752) baute sie 1745 zum modernen Rathaus aus. Heute erinnert ein Türmchen auf den nach dem Krieg erbauten Wohnblöcken an dieses Haus.

An der Südseite des Platzes erinnert heute ein Mahnmal an ein düsteres Kapitel Dresdner Geschichte. Im Februar 1945 waren dort eilends die Leichen von 6865 Opfern der Bombennacht verbrannt worden. In die Fugen des dort noch heute rußgeschwärzten Originalpflasters wurden Schriftbänder aus Metall gegossen.





Fast unsichtbar ist das Denkmal, das an die Todesopfer der Bombennacht 1945 
erinnert, die auf dem Altmarkt 
verbrannt wurden. Das Originalpflaster an dieser Stelle trägt noch immer die 
Rußspuren.
Fast unsichtbar ist das Denkmal, das an die Todesopfer der Bombennacht 1945 erinnert, die auf dem Altmarkt verbrannt wurden. Das Originalpflaster an dieser Stelle trägt noch immer die Rußspuren.  © Norbert Neumann




Dresdens erstes Rathaus auf dem Altmarkt - August der Starke ließ es 1707 
abreißen.
Dresdens erstes Rathaus auf dem Altmarkt - August der Starke ließ es 1707 abreißen.  © wikipedia

Wusstet Ihr eigentlich, dass ...

... das historische alte Rathaus 2007 ein zweites Mal „abgerissen“ wurde?

Ende Juni 2007 waren bei Grabungen zum Tiefgaragenbau die Reste des altes Rathauses unter dem Altmarkt gefunden worden - neben Mauern auch Gewölbe mit Wandmalereien. Ein Teil der wertvollen Zeugnisse sollte erhalten bleiben.

Doch dann fuhr, vermutlich versehentlich, ein Bagger drüber und zermalmte das freigelegte Gemäuer. Denkmalschützer und Archäologen waren entsetzt. Allerdings:

In der denkmalschutzrechtlichen Genehmigung war zuvor keine Verpflichtung zum Erhalt der Keller festgelegt worden.





Fürstliche Tierhatz mitten in der City: Der Altmarkt im Jahr 1609 zur Fastnacht beim 
sogenannten Fuchsprellen. Damals stand das Rathaus (Gebäude am rechten Rand) 
noch.
Fürstliche Tierhatz mitten in der City: Der Altmarkt im Jahr 1609 zur Fastnacht beim sogenannten Fuchsprellen. Damals stand das Rathaus (Gebäude am rechten Rand) noch.  © Deutsche Fotothek

Titelfoto: Norbert Neumann


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0