Auch eine Art der Aufarbeitung: Ex-Häftling aus Dresden handelt mit Knasttüren

Dicke, oxydbraune
Farbschichten bröckeln von dem massiven
Eschenholz.
Insgesamt sieben
dieser Knasttüren
verkauft Ralph
Schulz (38) derzeit
auf Ebay Kleinanzeigen.
Angeblich
stammen sie aus
der ehemaligen JVA
Schießgasse.
Dicke, oxydbraune Farbschichten bröckeln von dem massiven Eschenholz. Insgesamt sieben dieser Knasttüren verkauft Ralph Schulz (38) derzeit auf Ebay Kleinanzeigen. Angeblich stammen sie aus der ehemaligen JVA Schießgasse.  © Norbert Neumann

Dresden - Es sind Galeristen, Fotoateliers und Sadomaso-Studios, die sich für die Kerkertüren auf Ebay Kleinanzeigen interessieren. Zehn Anfragen bekommt Ralph Schulz (38) täglich auf sein Inserat.

Die Türen verkauft er für einen Bekannten. Für den Sachsen sind die Knasttüren aus der ehemaligen JVA Dresden Schießgasse aber mehr als nur ein Geschäft oder Requisiten zum Dekorieren. Die Hochsicherheitspforten erzählen gelebte Geschichten. Ein Kapitel handelt von Ralph Schulz' eigenem Leben.

"Ich habe selber zehn Jahre hinter solchen Türen verbracht", erzählt er. Es ist ein Kapitel, das er längst geschlossen hat. Etwa so wie eine Tür, die man schließt, bevor sich eine neue öffnet. Nur den Zeitpunkt kann sich ein Delinquent nicht aussuchen.

Hinter Schloss und Riegel muss er ausharren. Und aus endlosen Sekunden werden Minuten, Stunden, Tage, Wochen. Für das Fahren in einem Auto, das ihm nicht gehörte, sowie einer anschließenden Verfolgungsjagd mit bewaffneter Auseinandersetzung bekam der damals 20-Jährige eine Haftstrafe von neun Jahren und sechs Monaten.

Seine Haft-Odyssee führte ihn zunächst in die JVA Dresden Hammerweg. Aus der Untersuchungshaft in der JVA Leipzig ließ er sich freiwillig für die Strafhaft in die JVA Torgau verlegen. "Dort wurde ich zum Ornithologen", erzählt er. Stundenlang habe er die Raben durchs vergitterte Fenster beobachtet.

Die Rückseite der Knasttür einschließlich
„Futterluke“ ist mit
Blech vernietet. 
Die Rückseite der Knasttür einschließlich „Futterluke“ ist mit Blech vernietet.   © Norbert Neumann

"Man durchläuft da verschiedene Phasen - der erste Tag ist nicht wie der letzte Tag, wenn Sie auf so eine Tür schauen. Wissen Sie, wie ich meine...?"

Ralph Schulz spricht von Hospitalisierung, und davon, dass der Anblick dieser grau lackierten Metalltür alltäglich werden kann, wenn man nicht aufpasst. "Und das ist gefährlich!" Denn wenn es soweit kommt, dann tigern die Häftlinge von früh bis spät den Gang hoch und runter wie Tiere im Käfig. Und irgendwie, irgendwann kehrt sich die Angst vorm Knast plötzlich um in die Angst vor der Freiheit.

Und irgendwie arrangiert man sich da drinnen, auch zu Weihnachten. "Die Weihnachtsgans kann man ganz normal über den Einkauf bestellen." Ralph Schulz griff meistens zu Putenkeulen. "Die gehen am einfachsten."

Wenn sich etwa 30 Leute pro Etage eine Küche teilen, muss das Kochen schnell gehen. "Heiligabend tut man sich mit drei, vier Leuten zusammen und lässt 'Normalität' aufkommen." Also: erst Festschmaus, dann Joint. "Meine Drogenerfahrung bezieht sich ausschließlich auf den Knast." Draußen was zu bekommen, das sei viel schwieriger.

Nichtsdestotrotz: "Das hier ist nicht das normale Leben, das muss man sich immer wieder sagen." Deshalb lehnte Ralph Schulz in seiner Haftzeit einen Fernseher ab. Statt sich vor die Flimmerkiste zu setzen, griff er ins Bücherregal.

Die Heilige Schrift gehörte ebenso zur Lektüre wie die Schriften der Mystikerin Teresa von Avila oder der Roman "Das rote Rad" des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn.

Hinter seiner Gefängnistür krempelte Ralph Schulz seinen Leben von innen heraus um.
Hinter seiner Gefängnistür krempelte Ralph Schulz seinen Leben von innen heraus um.  © Norbert Neumann

Der junge Mann nutzte jede Möglichkeit zur geistigen Anregung: "Vom Literatur- bis zum Theaterkurs, ich war dabei, auch wenn es noch so blöd war."

Irgendwann griff er zum Farbtopf, malte rote und schwarze Sternchen übers ganze Mobiliar, auch auf die Zellentür. "Es gab einen kleinen Eklat, aber dann wurde es toleriert", erzählt er.

Hinter seiner Gefängnistür krempelte er sich von innen heraus um. Erst holte er seine Schulabschlüsse nach, dann die Ausbildung zum Zerspannungsmechaniker.

Und die Jahre gingen dahin. Für seinen Meister zum Feinwerkmechaniker am Mitteldeutschen Fachzentrum für Metall wechselte er schließlich in den offenen Vollzug in die JVA Weißheim. Endlich durfte er wieder durch die Tür treten und Freiheit atmen.

Plötzlich stand Ralph Schulz selbst als Ausbilder vor jungen Azubis. Die Umwelt schüttelte ihm die Hand. "Resozialisierung erfolgreich abgeschlossen", sagten die einen. "Das darf nicht sein, der ist doch vorbestraft", sabotierten ihn die anderen.

Trotz all der Anstrengung nicht dazugehören, dieses Gefühl ließ sich nicht abschütteln. Die Gefängnistür klebte an ihm, sie schob sich überall unsichtbar dazwischen.

Jetzt erst recht, sagte er sich. Inzwischen hat sich Ralph Schulz eine Existenz aufgebaut. Seine Knasttüren will er endgültig verkaufen. Sieben Stück sind es, die er für einen Freund vertreibt.

Doch bislang scheiterte es am Preis. 299 Euro verlangt er pro Stück. "Da bleibe ich hart." Immerhin, zurzeit hat er das Monopol.

Für Ralph Schulz
(38) haben Knasttüren
eine persönliche
Bedeutung.
Für Ralph Schulz (38) haben Knasttüren eine persönliche Bedeutung.  © Norbert Neumann
Auf der Internet-Plattform

Ebay Kleinanzeigen
bietet
Ralph Schulz
derzeit die
alten Knasttüren
für 299
Euro an.
Auf der Internet-Plattform Ebay Kleinanzeigen bietet Ralph Schulz derzeit die alten Knasttüren für 299 Euro an.  © Norbert Neumann

Titelfoto: Norbert Neumann


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