Der Marathon-Mann: Ein kompletter Tag mit MP Michael Kretschmer

Dresden/Chemnitz - Ministerpräsident - das klingt nach Macht und Einfluss und Anerkennung. Ist auch alles dabei. Vor allem aber besteht der Job aus jeder Menge Arbeit. TAG24 wollte es genau wissen und begleitete den amtierenden Regierungs-Chef Michael Kretschmer (44, CDU) einen ganzen Tag lang von Termin zu Termin quer durch Sachsen.

Zeitungslektüre kurz vor der "Morgenlage".
Zeitungslektüre kurz vor der "Morgenlage".  © Norbert Neumann

8.58 Uhr: Vor der TU Dresden springt Michael Kretschmer aus einem BMW und wirft sich das Jacket über.

Am Eingang des Barkhausen-Baus warten der Uni-Kanzler und Professoren.

Gefeiert werden 50 Jahre Informatik-Ausbildung, übrigens zusammen mit vier westdeutschen Universitäten, die wie Dresden 1969 die Computertechnik zum Studiengang machten. Eine Stunde zuvor hatte Kretschmer noch in der Staatskanzlei die "Morgenlage" abgehalten.

Eine kleine Runde zur Abstimmung mit dem Chef der Staatskanzlei und den Regierungssprechern. An der TU dann die große Bühne.

Der MP spricht zehn Minuten frei über Bedeutung und Chancen der Digitalisierung. Dann sind er und ein Roboter Teil eines virtuelles Experiments.

Kretschmer in der TU Dresden beim Jubiläum "50 Jahre Informatik".
Kretschmer in der TU Dresden beim Jubiläum "50 Jahre Informatik".  © Norbert Neumann

10 Uhr: Nahe dem Hörsaal fängt ihn Frank Fitzek ab. Der aufgedrehte Professor möchte dem MP unbedingt noch etwas in Sachen künftigem 5G-Telekommunikations-Standard zeigen, lotst ihn in einen Container. Als eine hübsche Studentin einen programmierbaren Tanz-Gurt für die Hüfte vorstellt, ulkt Kretschmer, wer in seiner Partnerschaft auf dem glatten Parkett führt. Dann mopst er sich Gummibärchen und grinst "Ich wollt schon immer mal eine Roten fressen."

10.35 Uhr: Eintreffen in der Frauenkirche. Auch hier geht es um die digitale Zukunft, diesmal auf Einladung einer Zeitung. Das Protokoll schwitzt, den die Veranstaltung verschiebt sich: kurz zuvor haben Spürhunde angeschlagen.

Eine Stunde später Fahrt nach Chemnitz. Der Tross besteht aus vier supermotorisierten gepanzerten Limousinen, zwei davon für die Sicherheitsmänner, eine für die Leute vom Protokoll und der Pressestelle.

Was macht er unterwegs? "Akten lesen, manchmal auch ein Schläfchen", erzählt der MP im Auto. "Darüber hinaus bereite ich mich auch gezielt auf die jeweiligen Termine vor." Dazwischen immer wieder "viel Wasser trinken".

13 Uhr: Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (57, SPD) empfängt ihn im Verwaltungskomplex gleich hinterm "Nischel", dem riesigen Karl-Marx-Kopf. Die Immobilie wird von Stadt und Land genutzt. Unten der Kunstraum "Open Space". Ludwig und der MP auf einem ausdrücklich kitschigen Plüschsofa.

13.15 Uhr: Jetzt unterzeichnen beide einen städtebaulichen Vertrag zur Aufwertung des Areals.

13.40 Uhr: Der MP wird auf dem Weg zum Auto von Mitarbeiterinnen des Landes mit Dienstsitz Chemnitz erkannt. Freudige Aufregung, kurzes Gespräch.

14 Uhr: Ankunft bei Staffbase. Das weltweit agierende StartUp hat eine Loft-Etage in der ehemaligen Maschinenfabrik Schubert & Salzer bezogen. Es gibt viele coole Leute aus insgesamt zwölf Ländern, coole Arbeitsplätze, coole Bürohunde und noch coolere Getränke. Kretschmer schnappt sich eine Bionade (Litschi) während ihn der junge promovierte, äußerst coole Firmenchef Martin Böhringer herumführt. Im firmeneigenen Baskettballsaal wirft der MP ein paar Bälle gegen Ludwig (Chemnitz vs. Freistaat 0:0). Zwischendurch gibt es in der "Hutzenstub", einem coolen Besprechungsraum aus Holz, belegte halbe Bagel. Hier wie bereits andernorts zeigt sich allerdings: Kretschmers Englisch ist ausbaufähig.

Kretschmer im Gespräch mit Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt (53).
Kretschmer im Gespräch mit Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt (53).  © Norbert Neumann

14.45 Uhr: Im Erdgeschoss führt Ludwig in ein stylisches Café. Matthias Dallinger (35) und seine Frau Kira Mutze-Kindschuh (36) haben es neu eingerichtet. Kretschmer schlürft mit Ludwig und dem Investor der Immobilie einen Cold Brew-Coffee (Kaffee auf Eiswürfeln), kauft dann zwei Kaffee-Tüten. Zufällig erscheint Kiras Opa Jürgen Mutze (79), eine Chemnitzer Opernsängerlegende, die einst auch Dresdner Bühnen eroberte.

15.20 Uhr: Im "Kinderhaus Schmetterling" Gespräch mit dem Elternrat. Dann Spielplatz angucken. Ludwig fragt: "Kinder, wisst ihr eigentlich, wer das ist? Der ist Chef in Sachsen." Kretschmer: "Frau Ludwig arbeitet im Rathaus; das sieht aus wie ein Schloss. Das ist die Schlossherrin." Die Kinder bleiben unbeeindruckt.

16.30 Uhr: Kunstsammlungen Chemnitz. Vertreter von Vereinen und Initiativen diskutieren mit Kretschmer über die Stadtgesellschaft. Darunter auch muslimische Frauen, die über Vorurteile von Arbeitgebern bei der Jobsuche berichten. Der MP nippt einen Kaffee und knabbert Kekse. Man sieht deutlich: Er isst nicht gern öffentlich, auch wenn sich sein Chemnitzer Lieblingswurststand unmittelbar an der Zentralhaltestelle befindet.

Ein Termin jagt den anderen. MP Michael Kretschmer (44) steigt in seine gepanzerte Dienst-Limousine.
Ein Termin jagt den anderen. MP Michael Kretschmer (44) steigt in seine gepanzerte Dienst-Limousine.  © Norbert Neumann

18 Uhr: Austausch mit Ortsvorstehern.

19 Uhr: Das zweite Sachsengespräch im Stadion. Es geht um die Entwicklung der Stadt, aber auch (erneut) um den Mord vor einem Jahr auf offener Straße. Fast alle Minister sind angetreten; Kretschmer moderiert sie und sich selbst an, eine Hand lässig in der Tasche.

Dann geht es an Tische: auch Kretschmer hat eine extra Runde. Er wirbt für die Demokratie, erklärt, bittet um Geduld, schmeichelt der Stadt und ihren Bewohnern (auch schon mal zulasten seiner Lausitzer Heimat) - stehend, auf der Stuhlkante sitzend, zwischen die Reihen auf die Fragesteller zulaufend. 20.15 Uhr entrollt ein Mann ein Protest-Plakat. Es geht um privates Ungemach aus dem Jahr 1992. Der Mann, Gerhard Morgner (73), zittert. Kretschmer beruhigt ihn, nimmt ein Schreiben entgegen.

22.15 Uhr: Der Tag ist geschafft. Jetzt ab nach Hause.

23.30 Uhr: Heimkehr. Die Familie schläft bereits. In kaum sieben Stunden geht es wieder los: Gemeinsames Frühstücken mit Partnerin und den Kindern. "Es gibt Honig- und Wurstschnitten. 7.30 Uhr starte ich dann", so Kretschmer.

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (57, SPD) begleitete Kretschmer bei seinen Chemnitzer Terminen
Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (57, SPD) begleitete Kretschmer bei seinen Chemnitzer Terminen  © Norbert Neumann
Beim Match mit Ludwig in der Sporthalle der Firma "Staffbase".
Beim Match mit Ludwig in der Sporthalle der Firma "Staffbase".  © Norbert Neumann
"Das ist der Chef in Sachsen." Der Landesvater besucht einen Kindergarten.
"Das ist der Chef in Sachsen." Der Landesvater besucht einen Kindergarten.  © Norbert Neumann
Kretschmer im Kontakt mit Bürgern beim Sachsengespräch im Chemnitzer Stadion.
Kretschmer im Kontakt mit Bürgern beim Sachsengespräch im Chemnitzer Stadion.  © Norbert Neumann
TAG24-Reporter Torsten Hilscher (51) begleitete den MP einen ganzen Tag lang.
TAG24-Reporter Torsten Hilscher (51) begleitete den MP einen ganzen Tag lang.  © Norbert Neumann

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