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Die glorreichen glücklosen drei Ex-Minister-Präsidenten

Alle sächsischen Ministerpräsidenten seit 1990 beendeten ihre Amtszeit durch Rücktritt. Was eint sie noch? Ein Vergleich.

Von Markus Griese

Dunkle Wolken über der Staatskanzlei. Läuft alles nach (CDU-)Plan, zieht hier im
Dezember Michael Kretschmer (42) als nächster Ministerpräsident ein.
Dunkle Wolken über der Staatskanzlei. Läuft alles nach (CDU-)Plan, zieht hier im Dezember Michael Kretschmer (42) als nächster Ministerpräsident ein.

Dresden - Alle sächsischen Ministerpräsidenten seit 1990 beendeten ihre Amtszeit durch Rücktritt. Was eint sie noch? Ein Vergleich.

Ganze drei Ministerpräsidenten hatte Sachsen seit der Wende. Ein Zeichen von Beständigkeit? Oder eher Ausdruck eines Mangels an Alternativen?

Was auffällt: Keiner der drei MPs wurde aus dem Amt gewählt; alle traten (mehr oder weniger) freiwillig zurück. Auch Tillich bleiben jetzt nur noch drei Wochen im Chefsessel.

Zeit für einen Vergleich:

Welche Gemeinsamkeiten haben/hatten Sachsens MPS, und wie unterscheiden sie sich im Wesen und beim Erreichten?



Honorig, klug
und staatsmännisch!
All dieser
Eigenschaften
ist sich Kurt
Biedenkopf (87)
allerdings auch
durchaus bewusst.
Honorig, klug und staatsmännisch! All dieser Eigenschaften ist sich Kurt Biedenkopf (87) allerdings auch durchaus bewusst.

Biedenkopf - Ein geschasster General wird zum "König Kurt"

Werdegang: Kurt Biedenkopf (87) war Jurist und Hochschullehrer, von 1973-77 CDU-Generalsekretär. Fiel bei Kohl in Ungnade, zog sich 1988 aus der Politik zurück - und tauchte mit der Wiedervereinigung als CDU-Kandidat für Sachsen wieder auf. Ministerpräsident bis April 2002.

Erfolge: Holte bei drei Landtagswahlen absolute Mehrheiten für seine CDU. Baute die Verwaltung neu auf, brachte viele Kontakte mit ins politische Geschäft ein.

Charisma: Gab gern den gütigen Landesvater, der fordert und fördert. Smarter Siegertyp - jedenfalls zu Beginn. Sein „monarchisches Gehabe“ brachte ihm aber auch zunehmend Kritik ein.

Kardinalfehler: Manövrierte sich mit der Paunsdorf-Affäre in den Verdacht der Kungelei. War auch gegen Vergünstigungen im Amt (billiges Wohnen in prächtiger Villa; Feilschen mit Frau Ingrid um Ikea-Rabatt) nicht immun.

Vermächtnis: Genießt noch immer (oder wieder!) hohes politisches Ansehen. Gilt als kluger Vordenker (z.B. bei der Rentenfrage) und als graue Eminenz. Seine kritischen Worte zu Tillich in einem Zeitungs-Interview brachten dessen Rücktritt wohl erst so richtig ins Rollen.

Nach der Politik: Bis 2015 war Biedenkopf noch Aufsichtsratsvorsitzender der Porzellanmanufaktur Meissen. Lebt heute mit Ehefrau Ingrid (86, „Landesmutter“) in einem Haus am Chiemsee, ist aber auch öfter in Dresden.

Georg Milbradt (72)
hatte sich mit Biedenkopf
überworfen, ehe
er ihn im Amt beerbte.
Die guten Kontakte zu Polen
und Tschechien lagen
ihm besonders am
Herzen.
Georg Milbradt (72) hatte sich mit Biedenkopf überworfen, ehe er ihn im Amt beerbte. Die guten Kontakte zu Polen und Tschechien lagen ihm besonders am Herzen.

Milbradt - Ein "Kassenwart" in Gummistiefeln

Werdegang: Georg Milbradt (72) wuchs in Westfalen auf, studierte Volkswirtschaft, Jura und Mathematik. An der Uni Münster hatte er verschiedene Tätigkeiten inne, ehe er Finanzdezernent ebenjener Kommune wurde. Kam nach der Wende als Finanzminister nach Dresden. Ab April 2002 Ministerpräsident.

Erfolge: In seinen elf Jahren als Finanzminister erwarb sich Milbradt viel Anerkennung. Der Ökonom galt als ausgezeichneter Fachmann, der die Gelder des Freistaats solide zu verwalten verstand.

Als Ministerpräsident drückte er gegen viele Widerstände eine Kreisreform durch, die die Verwaltung erheblich verschlankte, was dem Land langfristig eine Stange Geld spart. Allerdings sehen manche darin auch eine „Entmachtung“ des flachen Landes.

Charisma: Milbradt hatte seinen Ruf als spröder Erbsenzähler noch nicht ausgeräumt, als - kaum vier Monate nach Beginn seiner Amtszeit - das Jahrhunderthochwasser den Freistaat überspülte.

Über Nacht verwandelte sich Milbradt in einen zupackenden Krisenmanager. Bilder von ihm in Gummistiefeln gingen um die Welt. Mit den sinkenden Wasserständen pegelte sich allerdings auch seine Tatkraft wieder auf Normalmaß ein.

links: Mit Gummistiefeln und
Polo-Shirt war Milbradt
bei der „Flut 2002“ ein
schneller Entscheider an
vorderster Front. rechts: Beim Grünkohlpflanzen für das 23. Dresdner Grünkohlessen 2012 in Radeberg.
links: Mit Gummistiefeln und Polo-Shirt war Milbradt bei der „Flut 2002“ ein schneller Entscheider an vorderster Front. rechts: Beim Grünkohlpflanzen für das 23. Dresdner Grünkohlessen 2012 in Radeberg.

Kardinalfehler: Ausgerechnet er, der frühere Finanzminister, konnte nicht verhindern, dass die Sächsische Landesbank 2008 in den Strudel der Finanzkrise geriet.

Am Ende gelang Milbradt noch der Verkauf der angeschlagenen Bank. Allerdings zu einem hohen Preis: 1,5 Milliarden Euro mussten Sachsens Steuerzahler schon an die Landesbank Baden-Württemberg blechen - Bürgschaften für Ausfälle bei „Giftpapieren“. Maximal 2,75 Mrd. könnten es schlimmstenfalls werden.

Vermächtnis: In der öffentlichen Wahrnehmung hat Milbradt kaum Bleibendes hinterlassen. Am ehesten wirkt noch seine solide Haushaltspolitik nach.

Nach der Politik: Milbradt blieb in Sachsen wohnen, meldet sich in politischen Fragen aber selten zu Wort. Trat mehrfach als Schlichter in Tarifstreitigkeiten auf (Bahn, Kitas) und hält - recht selten - Lehrveranstaltungen an der TU Dresden.

Auch wenn er
gar nicht auf
dem Stimmzettel
stand:
Das schlechte
Abschneiden
der sächsischen
CDU bei
der Bundestagswahl
kostete
Stanislaw
Tillich (58) viel
Ansehen - und
letztlich auch
das Amt.
Auch wenn er gar nicht auf dem Stimmzettel stand: Das schlechte Abschneiden der sächsischen CDU bei der Bundestagswahl kostete Stanislaw Tillich (58) viel Ansehen - und letztlich auch das Amt.

Tillich - "Einer von uns", der trotzdem oft fremdelt

Werdegang: Stanislaw Tillich (58) ist gelernter Diplomingenieur für Konstruktion und Getriebetechnik. 1987 trat er in die Ost-CDU („Blockflöten“) ein und arbeitete beim Rat des Kreises Kamenz.

1990 wurde er in die Volkskammer gewählt. 1994-99 Europaabgeordneter, ab 1999 sächsischer Minister für Europaangelegenheiten. Ab 2002 unter Milbradt Chef der Staatskanzlei, ab 2004 Umwelt- und Landwirtschaftsminister. Seit Mai 2008 Ministerpräsident.

Erfolge: Setzte die wirtschaftsfreundliche Ansiedlungspolitik seiner Vorgänger fort und baute Sachsens Ruf als Technologie- und Forschungsstandort weiter aus.

Charisma: Als erster Sachse (und Sorbe!) im Amt des Ministerpräsidenten, wirkte Tillich selbst unter seinen Landsleuten oft seltsam befangen. Eher kein Kumpeltyp. Allerdings auch ohne große Strahlkraft über die Grenzen des Freistaats hinaus.

Kardinalfehler: Erkannte die Stimmung im Lande zu spät bzw. reagierte zu zaudernd darauf - die Wutbürger fing er so nicht mehr ein. Auch das Ausdünnen von Polizei und Lehrerschaft wird ihm von Kritikern angekreidet - jetzt muss der Freistaat mühsam gegensteuern.

Vermächtnis: Dass er als erster Sachse das Amt ausfüllte, wird ihm nicht mehr zu nehmen sein.

Nach der Politik: Zwar tritt Tillich als Ministerpräsident zurück, CDU-Landtagsabgeordneter will er aber vorerst bleiben. Ob er nach Ende der Legislaturperiode, dann 60 Jahre alt, noch neue Herausforderungen sucht (oder früh in Rente geht?), hat er öffentlich noch nicht verraten. Parteifreunde könnten sich Stanislaw Tillich jedenfalls gut auf einem EU-Posten vorstellen...

Fotos: Steffen Füssel, dpa/Rainer Jensen, Musienko Vladislav, imago/Max Stein, Ronald Bonß, Matthias Rietschel

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